20. November 2020 · Quelle: MAZ

Femizid-Tagung des Frauenhauses

Brandenburg/Havel - Einige Männer in Brandenburg/Havel wollten in jüngster Zeit ihre Partnerinnen ermorden. Einer tat es. Eine Fachtagung des Frauenhauses machte den Mordversuch auf der Scholle zum Thema und kritisiert milde Strafen für die Täter.

Nicht nur ein Mord, auch ein Mord­ver­such kann mit ein­er lebenslan­gen Frei­heitsstrafe geah­n­det wer­den. Doch das geschieht in deutschen Gericht­en sel­ten, wie der Fall der jun­gen Frau aus Bran­den­burg an der Hav­el zeigt. Deren dama­liger Part­ner wollte sie im April 2019 in der gemein­samen Woh­nung im Stadt­teil Eigene Scholle umbrin­gen. Um ein Haar hätte er das auch geschafft.

Ulrike Stasche war im fol­gen­den Mord­prozess vor dem Schwurg­ericht Pots­dam die Anwältin des Opfers. An diesem Mittwoch hat die Bran­den­burg­er Recht­san­wältin teilgenom­men an der Video-Fach­ta­gung des Frauen­haus­es in Bran­den­burg an der Hav­el mit rund 80 zuvor angemelde­ten Teil­nehmerin­nen. The­ma: Fem­izide, also Morde an Frauen wegen deren Geschlechts.

50 Messerstiche am ganzen Körper

Die Bran­den­burg­er Juristin berichtet, wie sie ihre Man­dan­tin nach der zehn­stündi­ger Oper­a­tion noch am Kranken­bett ken­nen­gel­ernt hat, wie mehr als 50 Messer­stiche am ganzen Kör­p­er Zeug­nis able­gen von dem schreck­lichen Ver­brechen. Der langjährige Part­ner habe der Frau die Hände abschnei­den wollen, weil sie sich wehrte.

Ulrike Stasche schildert, wie unbe­friedi­gend sie das Urteil find­et, das die fünf Rich­terin­nen und Richter am Ende gesprochen haben. Auf­grund ihrer Erfahrung habe sie die Man­dan­tin schon darauf vor­bere­it­et gehabt, dass mit ein­er lebenslan­gen Strafe trotz aller Bru­tal­ität und lebenslan­gen schw­eren Gesund­heits­fol­gen nicht zu rech­nen sein würde.

Weil Gerichte nach Stasches Wahrnehmung eher auf Milderungs­gründe für den Angeklagten acht­en als auf strafver­schär­fende Gesicht­spunk­te, wusste das Opfer: Sie und ihre Neben­klagev­ertreterin kön­nen „schon glück­lich sein bei ein­er Strafe über zehn Jahren“.

Immer Milderungsgründe gesucht

Am Ende verurteilte die Pots­damer Schwurg­ericht­skam­mer den Vater zweier gemein­samer Kinder zu 14 Jahren Haft. „Schlimm genug, dass man das als Erfolg feiern muss“, kom­men­tiert die Juristin den Prozes­saus­gang. Sie möchte, „dass die Geset­ze so angewen­det wer­den, wie sie gedacht wur­den“, statt immer nur die Milderungs­gründe zu suchen, die für den Täter sprechen.

Dass der Ex-Part­ner bei seinem Mord­ver­such sämtliche Sehnen und Ner­ven der jun­gen Frau durchtren­nt hat, sodass ihre Man­dan­tin den soge­nan­nten Pinzetten­griff nicht mehr aus­führen kann, habe im Prozess keine Rolle gespielt, kri­tisiert Ulrike Stasche.

Ich muss es hin­nehmen, ver­ste­hen tue ich es nicht“, sagt die Recht­san­wältin zu den Teil­nehmerin­nen der Video-Tagung. Dabei erin­nert sie daran, dass Gewalt­täter „über­wiegend von Män­nern gerichtet“ wer­den. Im Mord­prozess Eigene Scholle bilde­ten drei Män­ner und zwei Frauen die urteilende Strafkammer.

Freundinnen hätten nachfragen können

Das Opfer des ver­sucht­en Mordes hat über ihre Anwältin auch eine Botschaft an die Tagung gesendet. Näm­lich, dass sie sich gewün­scht hätte, „das ihre Fre­undin­nen an der ein oder anderen Stelle nachge­fragt hät­ten“. Sie räumt ein, dass das schwierig sei.

Ulrike Stasche hat vor etwa 15 Jahren eine Frau vertreten, die von ihrem Ex-Part­ner gestalkt wurde. Sei­ther konzen­triere sie sich beru­flich stärk­er auf das The­ma Gewalt gegen Frauen.

Nach ihrer Erfahrung haben viele Frauen, die vom Part­ner gestalkt, bedro­ht, geschub­st, geschla­gen, belei­digt und erniedrigt wer­den, oft nie­man­den, mit dem sie darüber reden kön­nen. Viele schä­men sich, vie­len wird nicht geglaubt und immer wieder müssten sie sich Dinge anhören wie: „Ist doch nicht so schlimm, stell dich nicht so an“.

Gesetz nicht gut umgesetzt

Im weit­eren Ver­lauf der Fach­ta­gung „Fem­izide“ sprachen die Ref­er­entin­nen immer wieder die soge­nan­nte Istan­bul-Kon­ven­tion an. Das Übereinkom­men des Europarats zur Ver­hü­tung und Bekämp­fung von Gewalt gegen Frauen und häus­lich­er Gewalt ist im Feb­ru­ar 2018 in Kraft getreten.

Damit verpflichtet sich Deutsch­land auf allen staatlichen Ebe­nen, alles dafür zu tun, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen, Betrof­fe­nen Schutz und Unter­stützung zu bieten und Gewalt zu verhindern.

Die Innenar­chitek­tin Kristi­na Wolff schildert in der Video-Kon­ferenz, wie man­gel­haft das Gesetz umge­set­zt wird, auch die Fes­tle­gung, dass Gewalt gegen Frauen schär­fer bestraft wird, wenn der eigene Part­ner der Täter ist.

Die aus Rhein­land-Pfalz zugeschal­tete Pro­fes­sorin set­zt sich dafür ein, dass Frauen in Deutsch­land bess­er vor Gewalt durch Män­nern geschützt wer­den. Die Aktivistin und Sprecherin des „Femi­cide Obser­va­tion Cen­ter“ zählt und erfasst solche Fälle seit 2019.

Mindestmaß an Umgangsformen beibringen

Wolff hat Bun­desjus­tizmin­is­terin Chris­tine Lam­brecht und Fam­i­lien­min­is­terin Franziska Gif­fey (bei­de SPD) in ein­er Peti­tion dazu aufge­fordert, härter gegen Fem­izide vorzuge­hen und die Istan­bul-Kon­ven­tion kon­se­quent umzusetzen.

In einem Punkt wider­spricht Kristi­na Wolff ihrer Vorred­ner­in Ulrike Stasche. Die hat­te gefordert, in die Schulen zu gehen und mit den Mäd­chen über das Gewalt-Prob­lem sprechen.

Die Aktivistin sieht es etwas anders als die Juristin: „Man muss in den Schulen mit den Jun­gen arbeit­en und ihnen ein Min­dest­maß an Umgangs­for­men beibringen.“

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