13. Juni 2022 · Quelle: Belltower.News

Mit dem Filmfestival auf den Spuren jüdischer Realitätenal

JFBB

Potsdam - Am 14. Juni beginnt das Jüdische Filmfestival Berlin | Brandenburg. Im Interview mit Lea Wohl von Haselberg sprachen wir über „Jewcy Movies”, Erinnerungskultur und die Rolle des Filmfestivals im Kampf gegen Antisemitismus.

Mit dem Jüdischen Filmfestival auf den Spuren jüdischer Realitäten

Vom 14. bis 19. Juni 2022 find­et in Berlin und Pots­dam das Jüdis­che Film­fes­ti­val Berlin | Bran­den­burg (JFBB) statt. Unter dem Mot­to „Jew­cy Movies” präsen­tiert das Fes­ti­val in diesem Jahr 43 Filme und zwei Serien. Im Gespräch mit Belltower.News stellt Lea Wohl von Hasel­berg (Mit­glied des Pro­grammkollek­tivs des Fes­ti­vals) das größte jüdis­che Film­fes­ti­val Deutsch­lands vor, spricht über das Poten­zial des Film­fes­ti­vals im Kampf gegen Anti­semitismus und die Rolle audio­vi­sueller Medi­en in der Erin­nerungskul­tur um jüdis­che The­men. Ein Interview.

 

Belltower.News: Was ist das Jüdis­che Film­fes­ti­val Berlin Brandenburg? 

Lea Wohl von Hasel­berg: Das JFBB ist ein oder das Jüdis­che Film­fes­ti­val Deutsch­lands. Es find­et dieses Jahr zum 28. Mal statt. Gegrün­det und etabliert wurde es von Nico­la Galliner, die das Fes­ti­val zu dem gemacht hat, was es ist. Seit let­ztem Jahr gibt es ein neues Team, dass das JFBB ver­ant­wortet: Ein­er­seits das Team des Film­fes­ti­vals Cot­tbus, ander­er­seits ein fün­fköp­figes Pro­grammkollek­tiv, das unter der Leitung von Bernd Bud­er, dem Pro­gram­mdi­rek­tor, das Fes­ti­val­pro­gramm kuratiert.

Darüber hin­aus hoffe ich, dass es ein Begeg­nungs- und Diskursraum ist, in dem Filme gese­hen, gelacht und geweint, disku­tiert und gern auch gestrit­ten wird. Ich hoffe und das bein­hal­tet eine gewisse Gle­ichzeit­igkeit, dass das JFBB auf dem Weg ist, ein Fes­ti­val zu wer­den, von dem die Potsdamer:innen und Berliner:innen sagen: „Das ist unser Fes­ti­val“ und auch ein jüdis­ch­er Raum, der für Jüdin­nen und Juden in Bran­den­burg eben­so ein Bezugspunkt ist, wie für jüdis­che Film­schaf­fende, die wis­sen, das ist auch mein Ort.

 

Welch­er Auf­gabe hat sich das Fes­ti­val gewid­met beziehungsweise welch­es Ziel ver­fol­gt das JFBB?

Vielle­icht spreche ich hier davon, was ich in dem Fes­ti­val sehe und mir für die Zukun­ft wün­sche – denn kollek­tive Arbeit bedeutet ja auch, dass unter­schiedliche Men­schen mit unter­schiedlichen Ideen zusam­me­nar­beit­en und wir dieser Band­bre­ite und Unter­schieden auch Raum lassen. Das Fes­ti­val soll gute Filme zeigen und ein Pub­likum ein­laden sich ‚jüdis­che‘ Filme anzuschauen, damit soll es einen Diskursraum öff­nen, sich mit jüdis­ch­er Erfahrung, Geschichte und Gegen­wart auseinan­derzuset­zen – was auch immer das im Einzel­nen heißt und heißen kann. Die Vielfalt und auch Wider­sprüch­lichkeit, die dabei sicht­bar wird, kann Stereo­typen und auch Ressen­ti­ments ent­ge­gen­wirken. Doch ich möchte das Fes­ti­val nicht in einem solchen Ziel ver­schreiben. Wir zeigen gute Filme mit jüdis­chen Bezü­gen, ver­suchen ein Pub­likum zu begeis­tern und mit Film­schaf­fend­en ins Gespräch zu brin­gen. Außer­dem kön­nen Film­schaf­fende bei uns nicht nur mit dem Pub­likum in Kon­takt treten, son­dern sich auch mit anderen Film­schaf­fend­en ver­net­zen. Dass wir dabei gesellschaftliche vorhan­dene Bilder des Jüdis­chen mit ihren mitunter prob­lema­tis­chen Veren­gun­gen ken­nen und diese nicht bedi­enen, son­dern ihnen wider­sprechen, ist selb­stver­ständlich – doch es ist nicht Sinn und Zweck des Fes­ti­vals, das erst­mal von Liebe zum Kino und zum Film getra­gen wird.

 

Sie sind eine von fünf Per­so­n­en im Pro­grammkollek­tiv des JFBB und bes­tim­men daher mit, welche Filme im Pro­gramm gezeigt wer­den. Welche Kri­te­rien sind für eine Auf­nahme in das Fes­ti­val­pro­gramm entscheidend?

Ein hartes Kri­teri­um ist, dass wir nur aktuelle Filme zeigen, die in diesem und dem Vor­jahr ent­standen sind – abge­se­hen von unseren Ret­ro­spek­tiv­en und dem Umstand, dass man in Zeit­en der Pan­demie auch nicht ganz so streng sein kann mit der Aktu­al­ität. Außer­dem zeigen wir Filme, die jüdis­che Erfahrung berühren. Darüber kann man schon ziem­lich lange disku­tieren und das ist gut so. Wir disku­tieren mitunter im Pro­grammkollek­tiv; gut, wenn das Pub­likum das auch tut. Denn wir machen zwar ein Pro­gramm und wählen dafür Filme aus, fra­gen aber auch mit jed­er Fes­ti­valaus­gabe neu, was das eigentlich sein kann jüdis­ch­er Film. So wie sich jüdis­che Erfahrung verän­dert, so wie sich die Fra­gen und Per­spek­tiv­en der Gegen­wart ändern, wan­delt sich unser Gegenstand.

Doch ide­al­er­weise zeigen wir ungewöhn­liche The­men und Geschicht­en, die von span­nen­den Film­schaf­fend­en aus aller Welt aufre­gend und neu filmisch umge­set­zt sind und dabei jüdis­che Erfahrung berühren.

 

Seit 2020 leit­en Sie die Nach­wuchs­forschungs­gruppe „Was ist jüdis­ch­er Film?“. Was macht jüdis­chen Film aus? 

Über die Film­schaf­fend­en kön­nen wir keine Def­i­n­i­tion begrün­den, denn Film ist ein kollek­tives Pro­dukt, an dem viele Men­schen beteiligt sind und nicht nur ein Einzel­ner. Also lässt sich jüdis­ch­er Film nur über die Sujets greifen, doch auch hier wür­den wohl die meis­ten zus­tim­men, dass anti­semi­tis­che Filme wie JUD Süß sich nicht ohne Rei­bung in die gle­iche Box pack­en lassen wie Doku­men­tarfilme jüdis­ch­er Autor-Regisseur:innen, die sich essay­is­tisch mit ihren Fam­i­liengeschicht­en und Erin­nerung befassen.

Für meine Forschung gibt es hier zwei Auswege. Den einen wählen wir in der Nach­wuchs­gruppe „Jüdis­ch­er Film“: Hier fra­gen wir nicht, was jüdis­ch­er Film tat­säch­lich ist, son­dern woher eigentlich die Idee kommt, was als jüdis­ch­er Film gezeigt und disku­tiert wurde und in welchen Räu­men. Der andere ist ein begrif­flich­er: ‚Jüdis­ch­er Film‘ klingt nach einem Filmko­r­pus, also nach einem Gegen­stand, den wir definieren und von anderen klar abgren­zen kön­nen, was wir aber nicht prob­lem­los können.

Ich spreche stattdessen in wis­senschaftlichen Zusam­men­hän­gen von jüdis­ch­er Filmgeschichte. Dieser Begriff beschreibt keinen Gegen­stand, son­dern ein Forschungs­feld, in dem sich Filmgeschichte und jüdis­che Geschichte berühren. Und hier wird auch deut­lich, warum jüdis­che Film­schaf­fende darin einen Platz haben, ohne dass insinuiert wird, sie hät­ten alle ‚jüdis­che Filme‘ gemacht und eine essen­tial­isierende Zuschrei­bung vorgenom­men wird: Filmgeschichte umfasst näm­lich nicht nur den filmis­chen Text, son­dern auch seine Pro­duk­tion und Rezep­tion. In den Pro­duk­tion­szusam­men­hän­gen kann es dur­chaus eine Rolle spie­len, ob Film­schaf­fende jüdisch sind oder nicht, auch wenn das in ihren Fil­men keine über­ge­ord­nete Rolle spielt. Und wenn wir zum Beispiel JUD Süß zurück­kom­men: Eine bru­tale anti­semi­tis­che Zuschrei­bung von außen, aber sehr rel­e­vant für viele Jüdin­nen und Juden, die von den Auss­chre­itun­gen betrof­fen waren, die mit diesem Film lanciert wur­den – also aus mein­er Sicht ein Teil ein­er jüdis­chen Filmgeschichte.

 

Welche Rolle und welch­es Poten­zial hat das JFBB im Kampf gegen Antisemitismus?

Wir kön­nen jüdis­ches Leben in sein­er Vielfalt, seinen Unter­schieden und Wider­sprüchen zeigen, wir kön­nen einen Gespräch­sraum eröff­nen und durch Begeg­nung Stereo­typen ent­ge­gen­treten. Im Kampf gegen Anti­semitismus kann das meines Eracht­ens aber immer nur ein Baustein sein. Denn darüber hin­aus muss über Anti­semitismus gesprochen wer­den, seine Argu­men­ta­tion­sstruk­turen, über die Ange­bote, die er macht und die Funk­tion, die er für die Gesellschaft macht. Da sehe ich nicht unsere Auf­gabe. Und ich sehe auch das Risiko, dass ‚jüdis­chen‘ Insti­tu­tio­nen diese Auf­gabe zugeschoben wird: Ich möchte wed­er das JFBB darüber recht­fer­ti­gen müssen, dass wir etwas gegen Anti­semitismus tun, noch jüdis­che Gegen­wart noch fes­ter in diese ohne­hin schon vorhan­dene Verbindung hineinzwin­gen. Insofern heißt es hier für uns, wie auch an anderen Stellen, nach ein­er guten Bal­ance zu suchen.

 

Welche Rolle spie­len audio­vi­suelle Medi­en in der Erin­nerungskul­tur um jüdis­che The­men in deutschen Diskursen?

Erin­nert wird, was medi­al zirkuliert. Das ist schon fast eine Bin­sen­weisheit. Natür­lich funk­tion­iert Erin­nerung auch audio­vi­suell. Das ist auch gar nicht neu: Die Shoah wurde schon ganz früh filmisch doku­men­tiert, dabei ging es um Beweise für Prozesse gegen Nazitäter:innen, darum Zeug­nis abzule­gen und natür­lich kün­st­lerische Bear­beitungs­for­men zu find­en, die auch eine gesellschaftliche Auseinan­der­set­zung stärken kon­nten. In Deutsch­land sind jüdis­che The­men deswe­gen beson­ders stark medi­al ver­mit­telt, weil die jüdis­che Min­der­heit so klein ist – auch wenn sie seit den 1990er Jahren ja deut­lich gewach­sen ist. Es bleibt: Die Wahrschein­lichkeit im Fernseh­pro­gramm jüdis­chen Fig­uren zu begeg­nen, ist größer als auf der Straße leben­den Jüdin­nen und Juden zu begeg­nen. Gle­ichzeit­ig: die Welt begeg­net uns zunehmend medi­al ver­mit­telt, aber es gilt, die Darstel­lun­gen zu reflek­tieren und medi­ale Kom­mu­nika­tion­sprozesse kri­tisch zu begleit­en. Das kön­nen wir mit dem Pro­gramm des JFBB tun und wir kön­nen Filme zeigen, die hier neue Wegen erproben und andere Geschicht­en erzählen und damit Erin­nerungskul­tur herausfordern.

 

Kul­tur­boykotte machen einen Haup­tan­teil der BDS (Boykott, Desin­vesti­tion und Sanktionen)-Kampagnen aus: Ist BDS für das JFBB selb­st von Bedeu­tung? Wenn ja, wie wirken sich entsprechende Störungsver­suche auf das Fes­ti­val aus und wie wird damit umgegangen?

Wir haben bis jet­zt Glück gehabt und sind davon nicht getrof­fen wor­den, gle­ich­wohl wir natür­lich die polar­isierten Auseinan­der­set­zun­gen ver­fol­gen. Wir haben gle­ichzeit­ig ein Inter­esse an ein­er echt­en Auseinan­der­set­zung mit Anti­semitismus, den wir von keinem whataboutism weg­wis­chen lassen, wir sehen es aber auch als unsere Auf­gabe Gespräch­sräume offen­zuhal­ten: Das kann Kul­tur nicht nur im Zusam­men­hang mit dem Nahostkon­flikt, son­dern auch anderen Konflikten.

 

Welche Filme oder andere Pro­gramm­punk­te wollen Sie den Besucher:innen des JFBB in diesem Jahr beson­ders empfehlen?

Das ganze Pro­gramm ist schön gewor­den, aber ich möchte zwei per­sön­liche High­lights her­aus­greifen: Die Hom­mage für Jea­nine Meer­apfel zeigt sieben ihrer Filme, die alle­samt poli­tisch sehr aktuell sind: Ger­ade „Im Land mein­er Eltern” und „Die Küm­meltürkin geht”, die ein West­ber­lin, der 1980er Jahre mit seinem ganzen gesellschaftlichen Ras­sis­mus zeigen, sind lei­der immer noch rel­e­vant. Wir zeigen sie zusam­men mit aktuellen Fil­men im Dou­ble­fea­ture: „Am Rande der Städte” und „Dis­placed”. Damit brin­gen wir nicht nur Filme, son­dern auch Filmemacherin­nen ins Gespräch. Außer­dem zeigen wir „Bro­ken Bar­ri­ers, einen Stumm­film von 1919 in ein­er neurestau­ri­erten dig­i­tal­en Fas­sung mit Livev­er­to­nung von Daniel Kahn und das Ope­nair im Kutschstall­hof in Pots­dam. Wenn das Wet­ter mit­spielt, wird das toll.

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