25. April 2021 · Quelle: MAZ

Nachwirkungen der NS-Verbrechen

Brandenburg/Havel - Hinterbliebene von Hinrichtungsopfern schildern ihr Familienleben nach dem Krieg. Damit erinnert die Gedenkstättenstiftung an die Befreiung des Zuchthauses in Brandenburg an der Havel vor 76 Jahren.

Otto van Blei­jswijk Tierens Ver­ha­gen wurde am 8. Jan­u­ar 1945 im Zuchthaus Gör­den mit dem Fall­beil hin­gerichtet. Er war Wider­stand­skämpfer in den Nieder­lan­den, sam­melte Infor­ma­tio­nen über mil­itärische Ziele der Nazis und instal­lierte einen geheimen Transmitter.

Judith van Blei­jswijk hat ihren Groß­vater nie ken­nen­gel­ernt. Sie ver­gisst ihn eben­so wenig wie die anderen Ange­höri­gen von Opfern des nation­al­sozial­is­tis­chen Strafvol­lzugs und der Hin­rich­tun­gen. In Videobotschaften erk­lären sie, was ihre Vor­fahren im Leben ihrer Fam­i­lien bedeuten.

Anlass ist der 76. Jahrestag der Befreiung des Zuchthaus­es Gör­den am 27. April 1945. In Coro­n­azeit­en darf es keine öffentliche Gedenkver­anstal­tung dazu geben. Die Stiftung Gedenkstät­ten zeigt daher ein Video von der Kranznieder­legung mit Sylvia de Pasquale, Lei­t­erin der Gedenkstätte Zuchthaus Bran­den­burg-Gör­den, Ober­bürg­er­meis­ter Stef­fen Scheller und Bran­den­burgs Innen­min­is­ter Michael Stüb­gen (bei­de CDU).

Anschließend fol­gen die Videobotschaften von Vertretern der zweit­en und drit­ten Gen­er­a­tion, gefilmt in deren Heimat Polen, Nieder­lande, Nor­we­gen und Deutsch­land. Sie sind Ange­hörige von Inhaftierten, Sicherungsver­wahrten und Hin­rich­tung­sopfern.

Judith van Blei­jswijk etwa spricht vom Schmerz und den vie­len Fra­gen, die ihr hin­gerichteter Groß­vater der Fam­i­lie hin­ter­lassen hat. Wie der inhaftierte Wider­stand­skämpfer viele Briefe aus sein­er Haft nach Hause geschickt hat, immer in der Sorge, ob alle daheim sich­er und gesund sind. Wie er ver­rückt wurde, weil er in den 16 Monat­en vor sein­er Ermor­dung nie eine Antwort erhielt, weil die Briefe von Ehe­frau Dina nicht zugestellt wurden.

Carsten Loth ist der Enkel des am 18. Sep­tem­ber 1944 auf dem Gör­den enthaupteten Karl Brüggen. Er hat­te Schmähgedichte auf Hitler vervielfältigt. Sein Enkel schildert die Auswirkun­gen seines gewalt­samen Todes auf die Nachge­bore­nen, beson­ders die Großmutter.

Meine Oma, die hin­terbliebene Ehe­frau, war zeit ihres Lebens nicht in der Lage, darüber zu reden“, berichte Loth. Auch nicht darüber, wie sie im Volks­gericht­shof vor dem berüchtigten Roland Freisler für ihren Mann aus­ge­sagt hat.

Der „Elefant im Raum“

Den frühen kör­per­lichen und emo­tionalen Abbau habe man ihr gle­ich­wohl ange­merkt. Erst nach ihrem Tod kon­nte die Fam­i­lie die dama­li­gen Gericht­spro­tokolle sicht­en. In der son­st von Ver­trauen und Offen­heit geprägten Fam­i­lie sei „dieser Ele­fant im Raum“ gewe­sen, dieses eine The­ma, das nie­mand offen anzus­prechen wagte.

Har­ald Graf ist eben­falls Enkel eines Gör­den-Häftlings. Doch sein 1965 gestor­ben­er Groß­vater Karl Heile hat die Zeit über­lebt. Heile war kein wirk­lich­er Wider­stand­skämpfer, er war „ein Betrüger und ein poli­tis­ch­er Men­sch“, wie sein Nachkomme sagt. Als Betrüger und Hochsta­pler saß Heile in der Sicherungsver­wahrung auf Lebenszeit.

Nach dem Krieg bemühte sich Karl Heile um Wiedergut­machung, stellte auch „hor­rende Forderun­gen“. Bekom­men hat er nichts. Das wussten die alten Nazis im neuen Jus­ti­zap­pa­rat zu ver­hin­dern. Erst die Nachkom­men erhiel­ten sechs Jahre nach Heiles Tod „5000 D‑Mark Härteaus­gle­ich ohne Anerken­nung ein­er Schuld“.

Das Video wird am 25. April 2021 um 13.30 Uhr veröffentlicht.

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