18. März 2002 · Quelle: Ein Dabeigewesener

Achtung, Achtung! Hier sprechen die Autonomen…”

Am Sam­stag den 16.03.02 fand im bran­den­bur­gis­chen Oranien­burg eine Demon­stra­tion gegen staatlichen und zivilge­sellschaftlichen Ras­sis­mus statt. Ins­ge­samt
waren es wohl etwa 150–170 Teil­nehmerIn­nen, darunter viele Immi­gran­tInnen, sowie einige Autonome und Bürg­erIn­nen aus Oranien­burg und Umge­bung. Die Demo startete auf dem Gelände der Gedenkstätte Sach­sen­hausen gegen 10 Uhr wie geplant.

 

Einige Minuten vor Beginn der Demon­stra­tion gab es jedoch einen Zwis­chen­fall einige Meter vor der Gedenkstätte. Als die Polizei, die mit einem Aufge­bot von etwa 40 Polizis­ten in voller Kampf­mon­tur anwe­send waren, anf­ing an eini­gen
Teil­nehmern Taschenkon­trollen durchzuführen riefen zwei Jugendliche aus dem paz­i­fistisch-autonomen Spek­trum “No jus­tice, no peace! Fuck the police!” Als Reak­tion darauf lösten sich drei Polizis­ten aus ihrer For­ma­tion und liefen
auf einen der bei­den Jugendlichen zu. Dieser ergriff aus Angst die Flucht und ran­nte auf das Gelände der
Gedenkstätte. Die Beamten ran­nten hin­ter­her. Die Het­z­jagd durchs ehe­ma­lige KZ wurde jedoch von Seit­en der Polizei sehr schnell wieder abge­brochen, da einige Jour­nal­is­ten anwe­send waren und solche Schlagzeilen natür­lich neg­a­tive Pub­lic­i­ty für die Polizei bedeuten würde, aber auch weil sich einzelne Demon­stranIn­nen beschw­erten warum auf diesem Gelände Men­schen gejagt wer­den wür­den und der Flüchtige sowieso außer­halb der Sichtweite der Polizei war.

 

Die ganze Sit­u­a­tion klärte sich dann da der Flüchtige sich später bei der Polizei entschuldigte um Über­griffe der Polizei auf die Demo zu ver­hin­dern und natür­lich um ein­er
Inge­wahrsam­nahme sowie Per­son­alauf­nahme zu ent­ge­hen, auch wenn es dafür keine rechtliche Grund­lage gab. Nun aber zum eigentlichen Geschehen. Die Demo bestand aus drei Demo-Wagen, wo sich zwei Per­cus­sion-Groups drauf befan­den und ein
Laut­sprech­er, jedoch fehlte lei­der auf­grund man­gel­nder Organ­i­sa­tion eine Musikan­lage. Die Stim­mung der anwe­senden Men­schen ließ am Anfang noch zu wün­schen übrig, dies änderte sich jedoch Stück für Stück. Da vor allem die
Immi­gran­tInnen für Schwung sorgten mit Parolen wie:“Say it loud, say it clear, refugees are wel­come here!” oder “No bor­ders, no nation! Stop depor­ta­tion!”. Als sich
die Demo in der Innen­stadt befand, war die Stim­mung auf ihrem Höhep­unkt und einige Pas­san­tInnen schlossen sich der Demo an.

 

Immer wieder ertön­ten Parolen wie “Nazis mor­den der Staat schiebt ab, … und Nazis Raus!”. Alles ver­lief
abso­lut friedlich. Jedoch dro­hte die Polizei den zwei gle­ichen Demon­stranIn­nen, wie am Anfang mit Inge­wahrsam­nahme da diese mehrmals ein Quetschen­paua-Zitat durch den Laut­sprech­er verkün­de­ten (“Achtung, Achtung! Hier sprechen die Autonomen!…”). Desweit­eren hin­derte die Polizei auch einige Teil­nehmer an der Verteilung von Fly­ern an park­ende Autos, was jedoch von fast nie­man­dem
reg­istri­ert wurde. Nach etwa 2 1/2 Stun­den endete der Demo ‑Zug auf einem sandi­gen Ver­samm­lungsplatz, wo noch 30 Minuten eine Abschlußkundge­bung abge­hal­ten wurde.

 

Zu den Nazis ist zu sagen, daß kaum welche am Rande der Demo gese­hen lassen haben, jedoch wurde die Abschlußkundge­bung von der Anti-Antifa aus sicher­er
Dis­tanz aus einem schwarzen Auto, sowohl gefilmt als auch fotografiert.

 

Mein Faz­it der Anti­ras­simus-Demo ist, daß sich lei­der sehr wenige Men­schen für die Aktion in Oranien­burg begeis­tern ließen und die Demo auf­grund der Anzahl mehr ein Aus­druck für die hier beste­hen­den Ver­hält­nisse war als ein
wirk­lich wirkungsvoller Protest. Auch in Zukun­ft wer­den Men­schen hier Gefahr laufen, Opfer rechter Gewalt zu sein, da die Nazis hier auch von der gesellschaftlichen Mitte toleriert wer­den. darüber kann auch nicht die Teil­nahme des
Bürg­er­meis­ters an der Demo hin­wegtäuschen, da aktiv nichts getan wird um sich dem Straßen­ter­ror der Nazis in den Weg zu stellen und die Polizei sich eher um das Ver­bi­eten von polizei-kritschen Parolen küm­mert, als Linke oder ein­fach
Ander­sausse­hende zu schützen. Es gilt also in Zukun­ft sich tagtäglich zu organ­isieren und zu ver­net­zen um eine bre­it­ere Gegen­stim­mung gegen diese men­schen­ver­ach­t­ende Nor­mal­ität in Oranien­burg und Umge­bung zu schaf­fen.

Übri­gens gibt es inzwis­chen Pläne, eine Antifa­gruppe in Oranien­burg zu grün­den: Aufruf

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