9. Mai 2006 · Quelle: Junge Welt

Blühende Landschaften

Das Land Bran­den­burg träumt vom wirtschaftlichen Auf­schwung. Doch selb­st in den »Wach­s­tumsker­nen« ist davon wenig zu spüren. Teil eins.
(Rain­er Bal­cerowiak) Fol­gt man den Erk­lärun­gen führen­der Lan­despoli­tik­er und Wirtschaftsver­bandsvertreter, geht es in Bran­den­burg – wenig­stens per­spek­tivisch – wirtschaftlich aufwärts. Von »Wach­s­tumsker­nen« und »Kom­pe­tenzzen­tren« ist eben­so oft die Rede wie von »inno­v­a­tiv­en Konzepten«. Kri­tik­er dieser gelinde gesagt geschön­ten Darstel­lun­gen ver­weisen auf den unge­brem­sten Exo­dus ger­ade junger und qual­i­fiziert­er Bran­den­burg­er, die anhal­tend hohe Arbeit­slosigkeit und die beein­druck­end lange Liste von Sub­ven­tion­sru­inen, die die Wirtschaft­spoli­tik­er des Lan­des auf dem Kerb­holz haben. Pro­jek­te wie die Chip­fab­rik, die Car­go­lifter­halle, der Lausitzring und der Schwedter Oder­hafen sind ger­adezu Syn­onyme für eine Wirtschaft­spoli­tik gewor­den, deren her­aus­ra­gende Merk­male Größen­wahn und Unfähigkeit zu sein scheinen. 

Angesichts dieser weitver­bre­it­eten Bilder tut Imagepflege not. In diesem Sinne ver­anstal­teten die Indus­trie- und Handelskammer(IHK) und die Handw­erk­skam­mer (HK) Cot­tbus in der ver­gan­genen Woche eine Pressereise, bei welch­er der Besuch besagter »Wach­s­tumskerne« und »Kom­pe­tenzzen­tren« im Mit­telpunkt stand. IHK und HK brin­gen es zusam­men auf über 50000 Mit­glieds­be­triebe. Ihr Organ­i­sa­tions­bere­ich umfaßt die Land­kreise Dahme-Spree­wald, Elbe-Elster, Spree-Neiße und Oberspreewald-Lausitz. 

Exo­dus hält an 

Früher befan­den sich dort über­re­gion­al bedeu­tende indus­trielle Zen­tren. Beson­ders die großen Braunkohlevorkom­men boten opti­male Voraus­set­zun­gen für die Ansied­lung großer, energiein­ten­siv­er Fab­rika­tion­sstät­ten. In der DDR war die Region Cot­tbus der wichtig­ste Energiepro­duzent. So wur­den im Kom­bi­nat Schwarze Pumpe über 80 Prozent des in der DDR benötigtes Stadt­gas­es hergestellt. Im Umfeld gab es große Chemie- und Tex­til­stan­dorte wie Schwarzhei­de, Schwedt und Guben. Doch nach 1990 brachen den alten DDR-Kom­bi­nat­en auf­grund der Währungsan­gle­ichung schla­gar­tig die Export­märk­te weg. Zudem waren sowohl die Energiepro­duzen­ten als auch die Indus­triebe­triebe zu unpro­duk­tiv und entsprachen nicht den in der BRD inzwis­chen gülti­gen ökol­o­gis­chen Min­dest­stan­dards. Es begann die Entvökerung der alten Indus­triezen­tren. Manche Städte wie Lauch­ham­mer oder Sprem­berg haben nur noch 60–70 Prozent ihrer vor­ma­li­gen Ein­wohn­erzahl und verze­ich­nen den­noch Erwerb­slosen­quoten von deut­lich über 20 Prozent. 

IHK und HK set­zen wie auch die Lan­desregierung auf das Konzept der »Wach­s­tumskerne«, in deren Umfeld sich sozusagen zwangsläu­fig kleine und mit­tel­ständis­che Betriebe entwick­eln wür­den. Denn die bish­er prak­tizierte Flächen­förderung hat sich trotz enormer Trans­fer­zahlun­gen als weit­ge­hend wirkungs­los erwiesen. Als weit­eres Stand­bein des ersehn­ten Auf­schwungs sollen Konzepte für die touris­tis­che Aufw­er­tung der Region real­isiert wer­den. Als Mod­ell für die Verbindung bei­der Ansätze wurde uns der Tra­di­tions­be­trieb Kun­st­gießerei Lauch­ham­mer präsen­tiert. Seit über 270 Jahren wer­den hier aus Eisen und Bronze unter anderem Glock­en, Denkmäler und Stat­uen, großflächige Orna­mente und Gebrauchs­ge­gen­stände hergestellt. Doch als her­aus­ra­gen­des Beispiel für den Auf­schwung in der Lausitz taugt der Betrieb kaum, 75 Beschäftigte gab es hier zu DDR-Zeit­en, heute sind es noch 18. Der Fir­ma machen sowohl die Investi­tion­szurück­hal­tung der ver­armten Kom­munen als auch die Konkur­renz – beson­ders aus Polen und Tschechien, aber aber auch aus Bay­ern – zu schaf­fen. Die Aus­bil­dungsplätze in dem Betrieb sind heiß begehrt, doch in den let­zten Jahren hät­ten die Jung­fachar­beit­er den Betrieb alle schnell ver­lassen, berichtet Geschäfts­führer Ulrich Kühne nicht ohne Bit­terkeit. Ver­wun­dern kann das allerd­ings kaum: In der Kun­st­gießerei Lauch­hamer liegt der Stun­den­lohn bei acht Euro, die bayrische Konkur­renz zahlt fast das Dop­pelte. Entsprechend ist der Alters­durch­schnitt im Betrieb, der bei über 50 Jahren liegt. 

Betriebe suchen Nischen 

Per­spek­tiv­en sehen Kühne und die von ihm mit­ge­tra­gene Stiftung Kun­st­guß denn auch eher in »kul­tureller Wertschöp­fung«. Der Betrieb soll in eine »Kette von Indus­triedenkmälern« in der Lausitz ein­gerei­ht wer­den, deren berühmtestes die Förder­brücke »F60« in Schacks­dorf ist. Unmit­tel­bar neben der Pro­duk­tion­sstätte ist ein Kun­st­guß­mu­se­um geplant, in der Werk­shalle sollen die Besuch­er den Beschäftigten von ein­er Gang­way bei der Arbeit zuschauen kön­nen. Doch wie bei so vie­len Pro­jek­ten nicht nur in Bran­den­burg sind Finanzierung und somit Real­isierung noch lange nicht in trock­e­nen Tüchern. 

Auf Nis­chen­suche sind auch andere Betriebe in Lauch­ham­mer, wie beispiel­sweise Schmidt Schweis­stech­nik. Die Ange­botspalette reicht von Schweiß- und Wartungsar­beit­en über Zwis­chen­han­del bis hin zum Miet­ser­vice rund um die Schweißtech­nik. Doch auch hier gilt: anges­pan­nte Auf­tragslage, harte Konkur­renz aus Ost€pa, niedrige Löhne zwis­chen sieben und neun Euro. Hoff­nungss­chim­mer ist ein Auf­trag in Kasach­stan, der sowohl die Wartung und Instand­set­zung von Tage­bautech­nik als auch die Aus­bil­dung von Schweißern vor Ort umfaßt und gemein­sam mit der Fir­ma MAN Takraf bew­erk­stel­ligt wird. 

Für den ehe­ma­li­gen Indus­tri­e­s­tandort Lauch­ham­mer ist das alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein. So beschäftigt MAN Takraf in seinem Werk für schwere Tage­bautech­nik ger­ade­mal 150 Men­schen. Der Vorgänger VEB Schw­er­maschi­nen­bau Lauch­ham­mer­w­erk BFG hat­te 3500 Mitar­beit­er. Das auf­grund divers­er Neuan­sied­lun­gen gern als »Leucht­turm« beze­ich­nete Lauch­ham­mer mit seinen neuen Gewer­beparks und den sanierten Woh­nun­gen hat seit 1990 9000 der vor­mals 27000 Ein­wohn­er ver­loren, die Erwerb­slosen­quote liegt bei über 24 Prozent.

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