24. Oktober 2018 · Quelle: Inforiot

Es „brandenburgt“

Bran­den­burg muss bren­nen, damit wir grillen kön­nen“ ist wohl ein­er der witzig­sten Buchti­tel, der derzeit in gut sortierten Buch­län­den zu find­en ist. Der Roman ist geschrieben von Flo­ri­an Lud­wig, der als Link­er im Bran­den­burg­er Städtchen Rathenow aufgewach­sen ist. Wort­ge­wandt schreibt er über die Zeit Ende der Achtziger und den Beginn der Neun­ziger Jahre. Eine Zeit, die eigentlich alles andere als witzig war. Infori­ot wollte mehr darüber wis­sen und sprach mit Flo­ri­an über sein neues Buch.
 
Infori­ot: „Nachts sind alle Glatzen blau“ ist ein­er dieser Sätze in deinem Buch: er trägt Humor in sich, aber auch die bit­tere Real­ität der Neun­ziger Jahre. Du schreib­st über die Zeit nach dem Ende der DDR, als Jugendlich­er mit vie­len Möglichkeit­en und einem Haufen Scheiße an der Backe.  Wie war es denn damals mit den Nazis in dein­er Stadt?
Flo­ri­an: Vielle­icht würde ich eher fra­gen, wie es für uns damals war. Einige der dama­li­gen Pro­tag­o­nis­ten bracht­en ja sub­kul­turelle For­men aus DDR-Zeit­en mit rüber in die soge­nan­nte Wen­dezeit, ob nun als Punks, Grufties oder Autonome.
Im Zeitraum zwis­chen der Gren­zöff­nung 1989 und der offiziellen Wiedervere­ini­gung am 3. Okto­ber 1990 explodierte die Naziskin­bombe, jed­er Dödel kon­nte sich auf den Wochen­märk­ten zwis­chen Stral­sund und Suhl eine grüne Bomber­jacke und Springer­stiefel kaufen. So auch in Rathenow. Kevin, Mau­rice, Ron­ny und Mario (klis­chee­be­ladene Beispiel­na­men) hat­ten den Gle­ich­schritt ja schon aus DDR-Zeit­en drauf.
Das Prob­lem war, dass sich in Rathenow eine rechte, extrem enthemmte Gewalt­szene entwick­elte. Für uns als linksalter­na­tive Sub­kul­tur stellte sich die Frage, bis zu welchem Niveau gehen wir da mit. Die Ost­bullen, als reg­ulieren­der Fak­tor, spiel­ten keine Rolle mehr. Aus Selb­stschutz wur­den zum Beispiel Häuser beset­zt, da einige Leute selb­st in ihren Woh­nun­gen nicht mehr sich­er waren. Das Pos­i­tive an diesen Beset­zun­gen war, dass die Leute sich untere­inan­der bess­er ken­nen­lern­ten, gemein­sam neue Aktions­for­men aus­pro­bieren kon­nten. Aus diesen Struk­turen entwick­el­ten sich Pro­jek­te, die in eini­gen Städten in Bran­den­burg noch heute existieren.
Schade, dass damals soviel Energie und Kreativ­ität für antifaschis­tis­che Arbeit aufge­bracht wer­den musste. Aber es war eben notwendig, ja ohne zu drama­tisieren, exis­ten­ziell notwendig.
Infori­ot: Im Buch geht es um Berndte, um Oimel und andere junge Punks, auf der Suche nach Freiräu­men, die sie im Fußball, im Alko­hol, auf Par­tys oder beset­zten Häusern find­en. Sie wollen provozieren und wollen sich aus­pro­bieren. Welche Bedeu­tung hat­te und hat in deinen Augen linke Sub­kul­tur in ein­er Kle­in­stadt?
Flo­ri­an: Zum einen hat sie die selbe Funk­tion wie in Großstädten auch. Sie ste­ht für Protest gegen die Sauereien in dieser Gesellschaft und kann Ori­en­tierung und Basis sein für junge Leute, die Fra­gen haben, auf der Suche nach Ori­en­tierung, Fre­und­schaft und auch Spaß sind.
Das Prob­lem in Kle­in­städten beziehungsweise im ländlichen Raum ist, dass alle alle ken­nen, sowohl Fre­und als auch Feind. Da quatscht der Bürg­er­meis­ter die Poli­tak­tivistin in der Kaufhalle mit Vor­na­men an, der Dorf­bulle erken­nt deine let­zte gesprühte Parole am Geruch und die Nach­barn tratschen schon über deine Ent­gleisun­gen beim let­zten Punkkonz­ert, obwohl du noch nicht mal zu Hause angekom­men bist.
Infori­ot: Wie ist es heute in Rathenow? Das Bürg­er­bünd­nis Havel­land, mit seinen ras­sis­tis­chen Ver­samm­lun­gen, hast du dir ja schon angeschaut. Der Gegen­protest ist eher ver­hal­ten. Gibt es denn noch Punks in der Stadt?
Flo­ri­an: Na gut, der Protest gegen diese Dödel­truppe ist ja nicht von Punks abhängig. Soweit ich das ver­folge, gab und gibt es diesen Protest, manch­mal leise, manch­mal laut, oft auch intel­li­gent.
Punk in Rathenow, ja den gibt es! Selb­st aus mein­er Gen­er­a­tion sind da noch Leute in Bands aktiv. Andere organ­isieren Ver­anstal­tun­gen zu Punk in der DDR oder lassen sich auch mal von mir was vor­lesen.
Infori­ot: „Gehen oder bleiben?“ – die Frage, stellen sich wohl die meis­ten mit 18 Jahren. Du leb­st schon seit vie­len Jahren in Berlin. Hast du jemals drüber nachgedacht wieder nach Bran­den­burg zu ziehen?
Flo­ri­an: Holt die Lüneb­urg­er Hei­de nach Bran­den­burg und ick komm zurück!
Vor ein paar Jahren hat­te ich mal so was wie Land­sehn­sucht. Aber nach mehr als 20 Jahren bin ich hier ver­wurzelt, habe erlebt, wie die Stadt sich verän­dert. So manch­er Urber­lin­er spendierte mir inzwis­chen eine Bock­wurst und es gibt immer noch Eck­en in der Stadt, da „bran­den­burgt“ es ganz schön…
Infori­ot: Und zu guter Let­zt: Infori­ot wird nun auch volljährig. Sollen wir gehen oder bleiben?
Flo­ri­an: Bleiben, auf jeden Fall!
Bran­den­burg ohne Infori­ot, das wäre wie Polizeiruf 110 ohne Wacht­meis­ter Horst Krause, wie ein gut sortiert­er Info­laden ohne die SUPER­il­lu, wie Pots­dam ohne Frauenkirche und Zwinger – oder so…
 
Vor 18 Jahren wurde Infori­ot als ein linkes Por­tal für Poli­tik und Sub­kul­tur in Bran­den­burg ins Leben gerufen. Viele, die mit uns aufgewach­sen sind, waren Punks oder sind es heute noch. Am 17. Novem­ber feiern wir daher ein wenig Retro mit einem Punkkonz­ert. Und Flo­ri­an wird aus „Bran­den­burg muss bren­nen, damit wir grillen kön­nen“ lesen.
17. Novem­ber | ab 20 Uhr | Frei­land Pots­dam

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