16. Januar 2013 · Quelle: Inforiot

Ist doch klar, dass die Leute frustriert sind!“

Interview mit zwei Asylsuchenden zur Situation in der zentralen Aufnahmestelle in Eisenhüttenstadt

++ eng­lish ver­sion below +++

INFORIOT  Die Zen­trale Auf­nahmestelle für Asyl­be­wer­ber in Eisen­hüt­ten­stadt (ZAST) ist erste Sta­tion für Asyl­suchende in Bran­den­burg. In den ver­gan­genen Monat­en gab es ver­schiedene Mel­dun­gen über die Sit­u­a­tion in dem am Stad­trand gele­ge­nen Kom­plex, dem auch ein Abschiebege­fäng­nis angegliedert ist. In einem ZDF-Beitrag wird die umstrit­tene Abschiebeprax­is deutsch­er Behör­den the­ma­tisiert, von der auch u.a. ser­bis­che Roma-Fam­i­lien in Eisen­hüt­ten­stadt betrof­fen sind. Der Flüchtlingsrat Bran­den­burg kri­tisierte im Novem­ber ver­gan­genen Jahres die Polizeiprax­is, ver­meintliche Asyl­suchende noch vor ihrer Ankun­ft in der ZAST zu kon­trol­lieren und ihnen so den freien Zugang zur Asy­lantrag­stel­lung zu ver­wehren. Ein Grund, warum die Polizei sich wieder dazu entsch­ied, bewusst gegen die Gen­fer Flüchtlingskon­ven­tio­nen zu ver­stoßen, kön­nte die steigende Zahl von Geflüchteten sein. So leben laut einem RBB-Bericht derzeit fast 500 Men­schen auf dem Gelände. Im Durch­schnitt sind es son­st 250 – 300. Mit Con­tain­er-Behelfs­baut­en wurde ver­sucht, mehr Platz für Asyl­suchende zu schaf­fen. Außer­dem wird von Schim­mel­be­fall und katas­trophalen hygien­is­chen Zustän­den in den Wohnge­bäu­den berichtet. Mitte Dezem­ber berichtete unter anderem der RBB von ein­er Auseinader­set­zung zwis­chen Bewohner*Innen, bei der es Ver­let­zte gab. Dem vor­raus­ge­gan­gen war ein Stre­it zwis­chen Kindern. Für lokale NPD-Struk­turen war dies Anlass, ihr ras­sis­tis­ches Pro­fil zu schär­fen. Auf der Inter­net­seite des Kreisver­ban­des Oder­land wird von ein­er „Gewal­torgie“ und ein­er Bedro­hung für die lokale Bevölkerung fan­tasiert. Außer­dem kündi­gen die Neon­azis Aktio­nen nicht nur in Eisen­hüt­ten­stadt an, um an vorhan­dene Ressen­ti­ments in der deutschen Bevölkerung Anschluss zu suchen.

 

Infori­ot führte ein Inter­view mit zwei Asyl­suchen­den, die zurzeit in der ZAST in Eisen­hüt­ten­stadt leben.

Ali ist 38 und vor zwölf Jahren aus poli­tis­chen Grün­den aus dem Tschad in das benach­barte Lybi­en geflo­hen. Dort lebte er mit sein­er Fam­i­lie bis Ende 2011, sah sich aber auf­grund des Krieges gezwun­gen das Land zu ver­lassen. Die Fam­i­lie floh über das Mit­telmeer auf die ital­ienis­che Insel Lampe­dusa. Zusam­men mit 1200 anderen Flüchtlin­gen über­querten sie in einem kleinen Boot das Meer. Die Zustände auf der zwei tägi­gen Über­fahrt beschreibt er als lebens­bedrohlich: Men­schen saßen und lagen übere­inan­der, wur­den krank und das Essen reichte nicht aus. Von Südi­tal­ien führte ihn dann sein Weg nach Eisen­hüt­ten­stadt, wo er seit einem Monat lebt und Asyl beantragt hat.

 

 

Der 22-jährige Achuo kam mit dem Flugzeug von Kamerun nach Europa, auch er wurde aus poli­tis­chen Grün­den in dem zen­tralafrikanis­chen Land ver­fol­gt und wohnt nun seit zwei Monat­en in Eisen­hüt­ten­stadt.

 

 

 

Infori­ot: Was sind denn eur­er Mei­n­ung nach die größten Prob­leme im Lager?

 

 

 

 

Achuo: Prob­leme gibt es viele. Das fängt zum Beispiel bei Über­set­zun­gen an. Sei es nun bei behördlichen Doku­menten oder bei ärztlichen Unter­suchun­gen. So kon­nte ich nicht ver­ste­hen, was das Resul­tat der Unter­suchung war, als ich neulich einen Arzt im Kranken­haus auf­suchen musste. Auch das Essen ist schlecht und ein­tönig. All­ge­mein würde ich die Atmo­sphäre als gedämpft beschreiben. Das liegt nicht nur an den Lebens­be­din­gun­gen im Lager. Als ich zum Beispiel ein­mal mit dem Zug unter­wegs gewe­sen bin, wurde ich sowohl von der Polizei und auch später von ein­er Schaffner­in als Einziger im Wagen kon­trol­liert. Das ver­ste­he ich nicht.

 

 

 

Ali: Ein wichtiger Punkt ist für mich die Hygiene. Die Toi­let­ten sind fast nie benutzbar. Als mein Kind krank wurde und Durch­fall bekam war das ein Prob­lem. Wir sind zu einem Arzt gegan­gen, aber das hat uns nicht viel geholfen. Auch meine Frau war krank, doch bei­de wur­den nicht richtig unter­sucht. Dann wur­den uns Medika­mente ver­schrieben, deren Wirkung uns nicht erk­lärt wurde. Und das ist nur ein Beispiel, es ist ein­fach so, dass unsere Anliegen hier oft nicht ern­stgenom­men wer­den.

 

 

 

Infori­ot: Denkt ihr, dass diese Prob­leme auch Grund für die Auseinan­der­set­zun­gen zwis­chen Bewohner*Innen Mitte Dezem­ber war?

 

 

 

Achuo: Ja, es ist die ganze Umge­bung hier. Auch die Aus­län­der­be­hörde behan­delt die Leute nicht angemessen. Ist doch klar, dass die Men­schen frus­tri­ert sind.

 

 

 

Ali: Nie­mand ist hier­her gekom­men um eine Schlägerei anz­u­fan­gen. Wir sind doch hier weil wir ern­sthaften Prob­le­men entkom­men sind und ein besseres Leben auf­bauen wollen. Trotz­dem kön­nen solche Sit­u­a­tio­nen vorkom­men. Viele Leute hier sind sehr mit sich selb­st beschäftigt, weil sie trau­ma­tisiert sind. Dann sind sie ent­täuscht über den meist neg­a­tiv­en Ver­lauf des Asylver­fahrens. Alle tra­gen hier Prob­leme mit sich rum und es gibt kaum Möglichkeit­en diese los zu wer­den. Ich bin froh, dass es bis jet­zt so friedlich hier ist.

 

 

 

Infori­ot: Erfahrt ihr denn trotz der Anspan­nung und der Frus­tra­tion auch Sol­i­dar­ität und Gegen­seit­igkeit untere­inan­der?

 

 

 

Ali: Zusam­men­halt ist auf jeden Fall da. Klar ver­ste­hen sich Leute manch­mal nicht wegen der Sprach­bar­riere, trotz­dem kommt man miteinan­der aus, wir sind schließlich alle in der sel­ben schwieri­gen Sit­u­a­tion. Ich denke alle Men­schen hier sind gute Leute.

 

 

 

Achuo: Klar helfen sich die Leute, wir sind ja wie gesagt alle in der sel­ben Sit­u­a­tion. Wir machen auch Party’s zusam­men und ler­nen uns ken­nen. Trotz der Sprach­bar­riere ver­ste­hen wir uns irgend­wie und respek­tieren uns. Das selb­stver­wal­tete Inter­net­cafe ist ein gutes Beispiel. Hier kom­men Leute zusam­men, helfen sich gegen­seit­ig, reden miteinan­der und respek­tieren, dass alle die Möglichkeit haben das Inter­net zu nutzen.

 

 

 

Infori­ot: Was denkt ihr, wenn Leute aus Deutsch­land behaupten, ein Großteil der Asyl­suchen­den würde unter dem Vor­wand poli­tis­ch­er Ver­fol­gung den deutschen Sozial­staat miss­brauchen?

 

 

 

Achuo: Das bißchen Geld hil­ft mir hier nicht, das ist ja nur Taschen­geld und es hil­ft mir auch nicht meine Prob­leme zu lösen.

 

 

 

Ali: Diese Denkweisen kenne ich, aber wer set­zt denn sein Leben aufs Spiel um hier­her zu kom­men, nur für Essen und 40 Euro Taschen­geld pro Monat? Ging es nur um das Geld oder Essen, hätte ich mit mein­er Famile das Risiko nicht in Kauf genom­men, dass wir während der Flucht einge­gan­gen sind. Ich will ein­fach ver­suchen hier mit mein­er Fam­i­lie ein neues Leben aufzubauen. Ich habe nicht vor nochein­mal mein Leben aufs Spiel zu set­zen. Beson­ders meine Kinder sollen eine neues, besseres Leben haben, dafür werde ich mich ein­set­zen.

 

 

 

Infori­ot: Vie­len Dank für das Gespräch!

 

 

 

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It’s obvi­ous, that the peo­ple are frus­trat­ed!“

 

 

 

Inter­view with two asy­lum-seek­ers about the sit­u­a­tion in the deten­tion cen­tre in Eisen­hüt­ten­stadt

 

 

 

INFORIOT   The deten­tion cen­tre for asy­lum seek­ers in Eisen­hüt­ten­stadt is the first con­tact point for refugees who are com­ing to Bran­den­burg. Dif­fer­ent reports appeared dur­ing the last months, espe­cial­ly about the sit­u­a­tion in the com­plex, that is locat­ed in the out­skirts of the small town, where also a depor­ta­tion prison ist attached. A ZDF-report sub­jects the dis­put­ed depor­ta­tion prac­tices of ger­man author­i­ties. Also ser­bian Roma fam­i­lies liv­ing in Eisen­hüt­ten­stadt are affect­ed by. In Novem­ber the refugee coun­cil of bran­den­burg (Flüchtlingsrat Bran­den­burg) critizised the police con­trols between the rail­way sta­tion and the ZAST. These con­trols pre­vent the refugees from apply­ing for asy­lum and hav­ing a free and fair asy­lum pro­ce­dure. One rea­son, why the police decid­ed to vio­late against the Gene­va refugee con­ven­tions, could be the increas­ing num­ber of refugees. Accord­ing to a report of RBB, cur­rent­ly almost 500 peo­ple liv­ing on the site. The usu­al aver­age is 250 – 300. More space is now cre­at­ed by con­tain­er-build­ings. Fur­ther­more mold growth and dis­as­trous hygien­ic con­di­tions in the liv­ing areas have been report­ed. RBB report­ed in decem­ber on a vio­lent dis­agree­ment between res­i­dents, where peo­ple got injured. The rea­son was a con­flict between chil­dren. For local NPD-struc­tures a rea­son, to clar­i­fy their racist pro­file. On their home­page the neo-nazi par­ty fan­tazis­es about an „orgy of vio­lence“ and a dan­ger for the local pop­u­la­tion. Fur­ther­more they are announc­ing actions, to build on already excist­ing prej­u­dices and resent­ments with­in the ger­man cit­i­zens.

 

 

 

Infori­ot inter­viewed two asy­lum seek­ers, that are liv­ing cur­rent­ly in the ZAST in Eisen­hüt­ten­stadt.

 

 

 

Ali is 38 and escaped twelve years ago from polit­i­cal per­se­cu­tion from Tschad to the neigh­bour­ing Lybia. Till the end of 2011 he and his fam­i­ly lifed there, but when the war start­ed, he was forced to leave the coun­try. The fam­i­ly fled across the Mediter­ranean Sea on the ital­ian island Lampe­dusa. Togeth­er with 1200 oth­er Refugees they crossed the sea, in a very small boat. Ali described the cir­cum­stances on the two-days pas­sage as life-threat­en­ing: peo­ple were sit­ting and lying on each oth­er, got sick and the food did not last for every­one. From south-Italy Ali and his fam­i­ly fled to Ger­many and seeked in Eisen­hüt­ten­stadt for asy­lum.

 

The 22 years old Achuo came by plane from Cameroon to Europe. Also he was polit­i­cal per­se­cut­ed in the cen­tral african coun­try and lives now for two months in Eisen­hüt­ten­stadt.

 

 

 

Infori­ot: What are in your opin­ion the biggest prob­lems in the camp?

 

 

 

Achuo: There are a lot. It starts for exam­ple with trans­la­tions. Whether it is with admin­is­tra­tive doc­u­ments or med­ical exam­i­na­tions. Once i had to see a doc­tor and I could not under­stand what the resu­lat of my exam­i­na­tion was. I am also not sat­is­fied with the food, it’s not tasty In gen­er­all i would describe the atmos­phere in the camp as calm. And it has not only to do with the liv­ing con­di­tions in the camp. Once for exam­ple I went by train and only I got con­trolled by the police and the train con­duc­tor. I don’t under­stand that.

 

 

 

Ali: For me an impor­tant point is hygiene. The toi­letts are almost unsuit­able. And when my child was sick and had diar­rhea, that was a prob­lem. We went to see a doc­tor, but it didn’t help so much. My wife got sick as well, but both were not exam­ined cor­rect­ly. That is only one exam­ple, it is just like that, that our con­cerns are not tak­en seri­ous­ly.

 

 

 

Infori­ot: Do you think, that these prob­lems were also a rea­son for the con­fronta­tion between the res­i­dence last decem­ber?

 

 

 

Achuo: Yes, it is the whole envi­ron­ment here. Also the foreigner’s reg­is­tra­tion office threats the peo­ple not prop­er­ly. It is obvi­ous, that the peo­ple are frus­trat­ed.

 

 

 

Ali: Nobody came to start a fight, we are here, because we escaped from seri­ous prob­lems and to build a bet­ter life. How­ev­er such sit­u­a­tions can hap­pen. A lot of peo­ple are very busy with their own sit­u­a­tion, because they are trau­ma­tized, and then they are dis­ap­point­ed about their neg­a­tive asy­lum pro­ce­dure. I’m glad, that it’s so peac­ful here until now.

 

 

 

Infori­ot: Despite the ten­sion and frus­tra­tion, do you recive sol­i­dar­i­ty and mutu­al­i­ty among each oth­er?

 

 

 

Ali: For sure there is sol­i­dar­i­ty among each oth­er. Of course some­times peo­ple don’t get along with each oth­er and the lan­guage-bar­ri­er also caus­es prob­lems. Any­way we get along with each oth­er, after all every­body is in the same dif­fi­cult sit­u­a­tion.

 

 

 

Achuo: Of course peo­ple are help­ing each oth­er, as said, we war all in the same sit­u­a­tion. We are hav­ing par­ties togeth­er and get to know each oth­er. Despite the lan­guage bar­ri­er we under­stand each oth­er some­how. The self-man­aged inter­net­cafe is a good exam­ple, here peo­ple are com­ing togeth­er, help each oth­er, talk with each oth­er and respect­ing, that every­body has the pos­si­bil­i­ty to use inter­net.

 

 

 

Infori­ot: What do you think, when peo­ple from Ger­many state, that the major­i­ty of the asy­lum-seek­ers abuse the wal­fare-sys­tem under the pre­text of polit­i­cal per­se­cu­tion?

 

 

 

Achuo: The lit­tle mon­ey does not help me here, that’s only pock­et mon­ey and it does not help me to solve my prob­lems.

 

 

 

Ali: I know this way of think­ing, but who is putting his life to risk, for food and 40 euro pock­et mon­ey per month? If it would only be about the mon­ey or the food, me and my fam­i­ly would not have tak­en this risk, that we took dur­ing the escape. I just want to try to build a new live with my fam­i­ly. I’m not plan­ning, to put my life to risk again. Espa­cial­ly my chil­dren should have a new and bet­ter live here and i will sup­port that.

 

 

 

Infori­ot: Thank you very much for the con­ver­sa­tion!

 

 

 

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