19. Oktober 2007 · Quelle: Junge Welt

Klösterliche Vorhut

(Don­na San Flo­ri­ante) Wider­stand von unten: Die Sozial­foren ver­suchen, Basisbewegungen
Wider­stand von unten: Die Sozial­foren ver­suchen, Basis­be­we­gun­gen zu bündeln
Foto: Chris­t­ian Ditsch/Version
Unter dem Mot­to »Die bessere Welt gestal­ten« begann am Don­ner­stag das 2.Sozialforum in Deutsch­land. In der Stadthalle Cot­tbus sprach zur Eröff­nung unter anderem die Schrift­stel­lerin Daniela Dahn. Sie ging der Frage nach, ob man Deutsch­land heute noch als Demokratie beze­ich­nen könne. Angesichts der zunehmenden Ent­mach­tung des Sou­veräns in immer mehr Gesellschafts­bere­ichen und sein­er Aus­gren­zung aus immer mehr Entschei­dung­sprozessen kam Dahn zu einem beun­ruhi­gen­den Befund: Die Demokratie sei bere­its in einem fort­geschrit­te­nen Sta­di­um der Ero­sion, die Macht des Kap­i­tals entziehe ihr zunehmend den Boden. 

Eine Illus­tra­tion dieser Ein­schätzung lieferte am Fre­itag der Europa-Abge­ord­nete Tobias Pflüger. Die EU trete immer deut­lich­er als impe­ri­aler Akteur auf, sagte er. Man dürfe die mil­itärische Rolle Europas nicht länger unter­schätzen. Gle­ichzeit­ig sei den EU-Par­la­men­tari­ern nahezu jede Möglichkeit ein­er effek­tiv­en Kon­trolle der EU-Außen­poli­tik genom­men, schon durch man­gel­nden Zugang zu ver­läßlichen Informationen. 

Pflüger warnte, der Liss­abon-Ver­trag sei lediglich die gescheit­erte EU-Ver­fas­sung in neuer Ver­pack­ung. Mit diesem »Reformw­erk« wür­den Neolib­er­al­is­mus und Mil­i­taris­mus fest­geschrieben und der Charak­ter der EU grundle­gend verändert. 

Ins­ge­samt 160 Ver­anstal­tun­gen wer­den auf diesem 2. Sozial­fo­rum in Deutsch­land ange­boten. Sie reichen von aktion­sori­en­tierten Vor­bere­itungstr­e­f­fen – etwa zur antifaschis­tis­chen Arbeit in Wahlkämpfen und zu Strate­giefra­gen in der Zusam­me­nar­beit von Gew­erkschafts- und Ökolo­giebe­we­gung – bis hin zu eher ana­lytis­chen Fra­gen, beispiel­weise nach der Entwer­tung der Arbeit im glob­al­isierten Kap­i­tal­is­mus. Neuar­tig speziell für die Linke in Deutsch­land dürfte ein Ver­anstal­tungs­block über »(Selbst-)Verwirklichung, Psy­cholo­gie und Gren­zge­bi­ete der Wis­senschaft« sein. Ger­ade diese Ver­anstal­tun­gen über­rascht­en durch ihr hohes Debat­ten­niveau und eine nicht unbe­d­ingt zu erwartende Praxisnähe. 

Daß Lab­o­ra­to­rien eines besseren und sol­i­darischen Lebens und die Erfahrun­gen der Kom­munebe­we­gung unverzich­bar seien, wurde ins­beson­dere mit Blick auf die zunehmende »Durchkap­i­tal­isierung des men­schlichen All­t­ags« betont. Mehrere Red­ner und Red­ner­in­nen wiesen darauf hin, daß für viele alter­na­tive Leben­spro­jek­te der Punkt gekom­men sei, an dem man mit Erfahrun­gen und den ent­stande­nen exper­i­mentellen Freiräu­men als Basis die Nis­che ver­lassen und in die Gesellschaft wirken müsse. Ein Teil­nehmer sprach von »Klöstern des Kom­mu­nis­mus«, aus denen her­aus man begin­nen müsse, die umliegende Region zu beeinflussen. 

Ein Höhep­unkt dürfte die Besuch­er am Sam­stag erwarten, wenn von 9 bis 11 Uhr u. a. Kat­ja Kip­ping (Linke), Otmar Schrein­er (SPD) und Krista Sager (Grüne), der Berlin­er Poli­tologe Pro­fes­sor Peter Grot­t­ian und Peter Wahl von ATTAC in der Stadthalle über das Ver­hält­nis von poli­tis­chen Bewe­gun­gen und Parteien diskutieren. 

Die »gefühlte Teil­nehmerzahl« ist auf­grund von sieben ver­schiede­nen Ver­anstal­tung­sorten in ganz Cot­tbus und vie­len gle­ichzeit­i­gen Ange­boten nicht immer überzeu­gend. Ins­ge­samt wer­den aber über 1000 Teil­nehmer erwartet. Sie kön­nen sich auf Diskus­sio­nen auf hohem Niveau, mit klarem Prax­ish­in­ter­grund und von unbe­stre­it­bar­er strate­gis­ch­er Rel­e­vanz freuen.

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