21. November 2002 · Quelle: Märkische Allgemeine

17-Jähriger soll Haupttäter des Mordes an Marinus Schöberl sein


POTZLOW Der Mar­cel muss keinen schlecht­en Ein­druck gemacht haben in Pot­zlow. “Eigentlich ein ruhiger Junge”, sagt die Verkäuferin im Dor­fladen. Ein­er “mit richtig viel Angst vorm großen Brud­er”, meint eine Jugend­be­treuerin. Der Mar­co, der 23-Jährige, der seit drei Wochen in Wulkow im Gefäng­nis sitzt, weil er einen Schwarzafrikan­er kranken­haus­reif geprügelt und getreten hat, muss seinen sechs Jahre jün­geren Brud­er Mar­cel in die Sache reinge­zo­gen haben, glaubt man in dem Dorf am Oberuck­ersee, wenige Kilo­me­ter südlich von Pren­zlau. Anders kann sich auch Mike Lemke die Sache nicht erk­lären, die seit weni­gen Tagen ein gesamtes Dorf lähmt.

 

Doch die Sache am 12. Juli ver­lief anders, als alle ver­muten. “Der 17-jährige Brud­er stand bei der Tat im Vorder­grund”, betonte Neu­rup­pins Lei­t­en­der Ober­staat­san­walt Gerd Schnittch­er gestern. Erst­mals deutete der Chefan­kläger zudem an, wie der 16-jährige Son­der­schüler Mar­i­nus Schöberl auf der ver­lasse­nen LPG von den drei jun­gen Neon­azis umge­bracht wurde: “Mit mehreren Wür­fen auf den Kopf mit einem schw­eren Stein.” Die bei­den 17 Jahre alten Tatverdächti­gen, Mar­cel Sch. und Sebas­t­ian F., hät­ten dies in ihren Vernehmungen übere­in­stim­mend beschrieben. Nur Mar­co Sch. schweigt weit­er zu der Tat, die Schnittch­er “viehisch” nen­nt.

 

Offen­bar hat­te Mar­i­nus Schöberl keine Chance, jenen Fre­itagabend im Juli zu über­leben. “Warum ger­ade er?”, fragten Vernehmungs­beamte. Antwort: “Das spielte keine Rolle, wenn es ein ander­er gewe­sen wäre, dann der.” Offen­bar paarten sich Mord­lust und Hass auf alle, die nicht dem Bild der Täter vom deutschen Mann entsprachen. Mar­i­nus trug extrem weite Hosen und hat­te sich die Haare blond gefärbt.

 

Manch­es kann sich der Staat­san­walt auch nach der Vernehmung nicht erk­lären. Wieso habe in dem Dorf nie­mand die Polizei bei der Suche nach dem ver­mis­sten Mar­i­nus Schöberl unter­stützt, frage er sich. Drei bis fünf Per­so­n­en, die nicht an der Tat beteiligt waren, müssten zumin­d­est geah­nt haben, dass der Junge umge­bracht wurde. Sie waren anwe­send, als er zunächst in zwei Woh­nun­gen gequält wurde. “Wir prüfen auch eine Anzeige wegen unter­lassen­er Hil­feleis­tung”, sagte Schnittch­er.

 

Dass der Mord nach monate­langem Schweigen über­haupt ent­deckt wurde, erscheint so unfass­bar wie die Tat. Ein­er der bei­den 17-jähri­gen Tatverdächti­gen hat­te Ende ver­gan­gener Woche mit zwei Bekan­nten um 25 Euro gewet­tet, dass er in der Lage sei, ihnen eine frisch ver­grabene Leiche zu zeigen. Schnittch­er: “Der wollte Geld ver­di­enen.” Mit ein­er Axt habe der Jugendliche die Leiche in der Jauchegrube freigelegt. Einem Bekan­nten, der das Ver­brechen anzeigen wollte, dro­hte der Täter: “Dann werde ich dir mit der Axt den Kopf spal­ten.”

 

Der Schock bei den Pot­zlow­ern sitzt tief. Fra­gen beant­worten sie meist mit Gegen­fra­gen. Eine Erk­lärung, warum in ihrer Mitte die entset­zliche Tat geschehen und so lange geheim gehal­ten wer­den kon­nte, haben sie nicht — allen­falls ein Achselzuck­en. “Ich bin bestürzt”, sagen manche noch, bevor die Stimme ver­sagt. Peter Feike, der Bürg­er­meis­ter, bemüht sich, dass sein Dorf nicht plöt­zlich als recht­sex­treme Hochburg stig­ma­tisiert wird. Gegen den Vor­wurf, in Pot­zlow hät­ten die Recht­en das Sagen und das Kinder- und Jugend­freizeitzen­trum im Ort­steil Strehlow sei deren Dom­izil, wehren sich alle vehe­ment.

 

Worte find­en die wenig­sten — wie Mike Lemke. Bei Stre­it­igkeit­en, sagt er, gebe es im Dorf auch “mal was auf die Fresse”. “Aber dann ist bish­er immer wieder Friede, Freude, Eierkuchen gewe­sen. Dass so was passiert, kann ich bis jet­zt nicht glauben. Ich wollte das erst gar nicht glauben, aber am Son­ntag hat mir ein Jugendlich­er aus dem Dorf von dem schreck­lichen Fund erzählt. Ich habe ihn dann zusam­mengeschissen, weil er und andere im Dunkeln hier rumgeis­tern.”

 

“Es ist ein­fach unbeschreib­lich”, sagt Jugend­be­treuerin Liane Klützke, “viele Leute sind völ­lig fer­tig mit den Ner­ven. Vor allem um jene vier Kinder küm­mern wir uns beson­ders, die am Son­ntagabend am Fun­dort der Leiche von Mar­i­nus waren.” Bevor die Krim­i­nalpolizei den Tatort absper­ren kon­nte, hat­ten schon Jugendliche, die von dem Ver­brechen gehört hat­ten, es aber nicht glauben woll­ten, in der Grube gebud­delt.

 

Jugend­sozialar­bei­t­erin Petra Freiberg ist per­sön­lich tief erschüt­tert. Seit fünf Jahren set­zt sie sich für die Jugendlichen ein. Für die mobile Jugen­dar­beit zur Ver­mei­dung rechter Gewalt ste­ht sie mit ihren vier Mitar­beit­ern oft allein auf weit­er Flur. Sie empfinde das Ver­brechen als Nieder­lage, sagt Petra Freiberg. “Für mich per­sön­lich, für die Kom­mu­nalpoli­tik und darüber hin­aus. Was muss in dieser Gesellschaft eigentlich noch passieren, damit etwas passiert?”

 

Blauer Him­mel, klare Luft, der Oberuck­ersee blinkt im Glanz der Herb­st­sonne — Pot­zlow gestern. Die ver­fal­l­enen Hallen und Ställe der ver­lasse­nen LPG, wo Mar­i­nus Schöberl zu Tode gequält und ver­schar­rt wurde, waren ein­mal ein beliebter Tre­ff­punkt viel­er Kinder und Jugendlich­er aus dem Dorf.

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