19. August 2021 · Quelle: Babelsberger Fußballfans und Antifaschist:innen

20 Jahre Räumung der „Breiti“ in Potsdam-Babelsberg

In wenigen Tagen jährt sich der 20. Jahrestag der Räumung der Breiti. Mit diesem Artikel wollen wir alle motivieren, angemessen an die Breiti und die Räumung zu erinnern.

Am 25. August jährt sich zum 20. Mal die Räu­mung der „Bre­iti“. Die „Bre­iti“ war ein im Jahr 1996 beset­ztes Haus in der Rudolf-Bre­itscheid-Straße 6 im Herzen von Babels­berg. Das dem Ober­lin­vere­in gehörende Haus wurde nicht nur zum Wohnen von jun­gen Men­schen genutzt, son­dern hat­te einen Prober­aum und eine Kneipe. Das Haus, bzw. die Kneipe, dient als wichtiger Tre­ff­punkt für junge Leute. Es gab regelmäßige Ver­anstal­tun­gen wie die soge­nan­nte „Volxküche“, Konz­erte und Raum für poli­tis­che Treffen.

Am 25. August 2001 kam es in Babels­berg zu einem DFB-Pokalspiel zwis­chen dem SV Babels­berg 03 und dem Bun­desligis­ten Hertha BSC. In Babels­berg entwick­elte sich eine aktive und engagierte Fan­szene, die sich klar gegen Ras­sis­mus und Faschis­mus engagierte. Die Babels­berg­er Fan­szene speiste sich aus Teilen der Haus­be­set­zer­szene und linksalter­na­tiv­en Leuten, aber auch aus jün­geren Per­so­n­en, die sich in der neu gegrün­de­ten Ultra­be­we­gung wieder­fan­den. Auch hier gab es eine klare Posi­tion­ierung gegen Nazis und Rassisten.

Im Vor­feld des Spiels gab es bere­its weitre­ichende Dro­hun­gen von Hertha-BSC-Hools, ein Großteil von ihnen aus Pots­dam und im Fan­club „Fanat­ics“ organ­isiert. Im Inter­net-Forum der „Fanat­ics“, aber auch in anderen Inter­net-Foren wie dem der Babels­berg­er Ultras „Filmstadtinferno´99“, wur­den Nazi­parolen und Gewal­tan­dro­hun­gen geschrieben. Man wollte eine Jagd gegen Schwule und Zeck­en ver­anstal­ten und die „Nord­kurve“, also den Babels­berg­er Fan­block, ein­nehmen. Ein Teil der „Fanat­ics“ wohnte in den südlichen Pots­damer Neubauge­bi­eten wie Schlaatz und Wald­stadt und ihre Gewaltaffinität und poli­tis­che Aus­rich­tung stadtweit bekannt.

Es ist also klar, dass sich Hools und Nazis expliz­it zu diesem Spiel verabre­de­ten, um Linke anzu­greifen und im Babels­berg­er Kiez für Stress zu sor­gen. Eine wichtige Rolle nimmt dabei die „Bre­iti“ ein, die auf dem Weg der „Auswärts­fans“ lag. Nach­dem es den Hools und Nazis von Hertha BSC während des Spiels nicht möglich war, Babels­berg­er Fans anzu­greifen, nutzten sie den Weg vom Sta­dion nach Hause aus, um die „Bre­iti“ anzu­greifen. Als Pots­damer wussten sie ja, dass dort ein beset­ztes Haus war.

Die Bewohner:innen der „Bre­iti“ ver­sucht­en sich gegen die Masse an Hools und Nazis zu vertei­di­gen. Doch statt das Haus zu schützen, ließ die Polizei, die bere­its im Vor­feld über die Ein­träge in den Inter­net-Foren und die poli­tis­che Brisanz des Aufeinan­dertr­e­f­fens informiert waren, die Hools und Nazis minuten­lang gewähren, Schot­ter aus dem Gleis­bett der Straßen­bahn auf die „Bre­iti“ und ihre Bewohner:innen zu wer­fen. Schlim­mer noch, der Angriff von Hools und Nazis wurde genutzt, um das Haus durch die Lan­de­sein­satzein­heit (LESE) stür­men zu lassen, die Innenein­rich­tung zu zer­stören und Bewohner:innen zu verletzen.

In der Presse berichtete die Polizei später, man habe bei der Haus­durch­suchung auch Waf­fen und Diebesgut gefun­den. Man wollte somit den äußerst bru­tal­en Polizeiein­satz in ihr richtiges Licht stellen und recht­fer­ti­gen. Es hieß, mehrere ver­mummte Per­so­n­en aus dem beset­zten Haus hät­ten die Fußbal­lan­hänger mit Steinen bewor­fen und als Nazis beschimpft. Keine Mel­dung gab es über die Dro­hun­gen im Vor­feld, die rund 200 Hools und Nazis, die sich vor dem Haus mit Hit­ler­gruß sam­melten und es schließlich angriffen.

Bei dem Polizeiein­satz gab es keine Fes­t­nah­men oder Per­son­alien­fest­stel­lun­gen durch die Polizei gegenüber den Hools und Nazis, son­dern stattdessen wur­den die Bewohner:innen vor­läu­fig festgenom­men. Der Polizeiein­satz sorgte auch Wochen danach für poli­tis­che Debat­ten und Unter­suchun­gen, selb­st parteiüber­greifend musste in der Stadtverord­neten­ver­samm­lung fest­gestellt wer­den, dass die Polizei über­reagiert habe. In Gerichtsver­fahren zeigten Videos ein­deutig die Angriffe der Hools und Nazis und auch das Agieren der Polizei mit der Zer­störung des Mobil­iars, Dieb­stahls und sog­ar Urinierens in die Polstermöbel.

Die Babels­berg­er Fans und andere linke Ini­tia­tiv­en reagierten bere­its am 8. Sep­tem­ber mit ein­er Demon­stra­tion unter dem Mot­to „Gegen Ras­sis­mus und Polizei­willkür“. Hun­derte zogen durch den Babels­berg­er Kiez und macht­en ihren Unmut über das Agieren der Polizei deut­lich, aber auch ihren Kampf gegen Ras­sis­mus und Faschis­mus. 20 Jahre später ver­anstal­tete der Vere­in SV Babels­berg 03 im Juli 2021 erneut ein Spiel gegen Hertha BSC unter dem Mot­to „Ein Hauch von Bun­desli­ga-Luft weht durch das Kar­li“. Ein sen­si­bler Umgang mit der eige­nen Fan­szene sieht anders aus.

Wir wollen hier­mit an die Auseinan­der­set­zun­gen und die Räu­mung der „Bre­iti“ in Babels­berg erin­nern. Auch wenn im Zuge der Räu­mung, in Diskus­sio­nen mit dem Eigen­tümer des Ober­lin­vere­ins, aber auch auf­grund der poli­tis­chen Debat­te ein Auswe­i­chob­jekt für die Bewohner:innen gefun­den wurde, so darf das Agieren der Polizei und auch die Wichtigkeit nach Vertei­di­gung von linken Freiräu­men nicht vergessen wer­den — getreu dem Mot­to: Gegen Ras­sis­mus und Polizeiwillkür!

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