3. Juli 2002 · Quelle: Inforiot /ak

Aktion Analyse beendet

FRANKFURT/ODER Rund 200 AktivistIn­nen und Gäste waren am Mon­tag bei der Abschlußver­anstal­tung der Aktion Analyse im Rathaus Frankfurt/Oder zuge­gen. Die Ergeb­nisse der Arbeit eines dreivier­tel Jahres aus den elf lokalen Ini­tia­tiv­en wur­den präsen­tiert und prämiert. Die Lau­da­tio teil­ten sich Anet­ta Kahane (Amadeu-Anto­nio-Stiftung), Karl Diefen­bach (Aach­en­er Frieden­spreis) und Germ (Broth­ers Keep­ers). In Rede­beiträ­gen wurde kri­tisiert, dass sich seit dem Antifa­som­mer 2000 nichts grundle­gen­des in den Bran­den­burg­er Gemein­den und Kom­munen geän­dert hat. Zudem hätte die Lan­desregierung die Sit­u­a­tion der Flüchtlinge durch Ver­schär­fung diskri­m­inieren­der Regelun­gen weit­er ver­schlechtert. Par­tizipa­torische, demokratis­che und anti­ras­sis­tisch engagierte Basisini­ti­aiv­en würde immer weniger finanzielle Untertützung zuteil kom­men, an ideller Rück­endeck­ung offizieller Stellen man­gelte es sowieso seit eh und je. Ins­ge­samt sei die Aktion Analyse — der Nach­fol­ger der Aktion Notein­gang — ein voller Erflog gewe­sen, lautete das Faz­it der AktivistIn­nen.

 

Die beein­druck­enden Arbeit­sergeb­nisse der Aktion-Analyse-Grup­pen sind unbe­d­ingt lesenswert. Im Netz sind sie unter
fol­gen­der Adresse zusam­menge­fasst abruf­bar:

aktion-analyse.org/cdrom

 

Ein Videozusam­men­schnitt der Abschlussver­anstal­tung sowie die Film­beiträge aus den einze­le­nen Städten — alle­samt von her­vor­ra­gen­der Qual­ität — sind beim Umbruch Bil­darchiv anzuschauen:

umbruch-bildarchiv.de

 

Inter­views und Mitschnitte der Beiträge kannst du dir als Audio­dateien beim Antifa-Schul­netz Cot­tbus herun­ter­laden und anhören:

media.asncottbus.org
aktion-analyse.org

Hier noch ein Artikel aus der linken Zeitschrift “Analyse und Kri­tik” mit Hin­ter­grün­den und Konzepten der Aktion Analyse:

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Trotz Schwierigkeit­en: Anti­ras­sis­tis­che Jugen­dar­beit ist möglich

(Analyse und Kri­tik) Die Ver­net­zung von poli­tis­chen AktivistIn­nen in einem Flächen­land wie
Bran­den­burg stellt eine per­ma­nente Her­aus­forderung dar. Sie ist umso
größer, wenn Ver­net­zung nicht nur Selb­stzweck ist, son­dern eine
prak­tis­che Zusam­me­nar­beit in über­re­gionalen Kam­pag­nen und Ini­tia­tiv­en
zum Ziel hat. Eine solche Ver­net­zung real­isiert das Demokratis­che Jugend
Forum Bran­den­burg (DJB e.V.) seit etlichen Jahren mit unter­schiedlich­sten
Aktions- und Organ­i­sa­tions­for­men.

 

Nach­dem die AktivistIn­nen 1998/ 99 eine mas­sives Ablehnung ihres
Engage­ments im Rah­men der “Aktion Notein­gang” durch die Kom­munen erfahren
hat­ten, set­zte mit dem “Som­mer der Betrof­fen­heit” im Jahr 2000 eine
Trendwende ein. Es ließ sich fest­stellen, dass inzwis­chen alle
ver­nom­men hat­ten, dass Ras­sis­mus aus der Mitte der Gesellschaft kommt.
Allerd­ings wollte nie­mand es gewe­sen sein und die poli­tisch
Ver­ant­wortlichen lagerten die Ver­ant­wor­tung aus: Alle sollen mehr
Zivil­courage zeigen. Aus dieser Sit­u­a­tion her­aus bilde­ten sich allerorts
Bürg­er­bünd­nisse “gegen Gewalt und Frem­den­feindlichkeit”, das
Land Bran­den­burg schuf sein Hand­lung­spro­gramm “Tol­er­antes Bran­den­burg” und
der Bund das Mil­lio­nen-Förder­pro­gramm “civ­i­tas” für Struk­tur­förderung
gegen Rechts.
Schnell wurde klar, was all diese Insti­tu­tio­nen gemein hat­ten: Wirk­lich
ernst gemeintes antifaschis­tisch-anti­ras­sis­tis­ches Engage­ment, welch­es die
wahren Ursachen der angeprangerten Zustände benen­nt, ist
uner­wün­scht. Dies wird beson­ders in der finanziellen Förder­prax­is
deut­lich. So wurde uns vom Lan­desju­gen­damt Bran­den­burg mit­geteilt, dass es
eine Pri­or­itäten­ver­schiebung in der Förderung gebe und eine Förderung
von Struk­turen wie der unseren nach zehn­jähriger Förderung keine
Pri­or­ität mehr habe. Zudem wür­den etablierte Träger schon
lange gegen Rechts arbeit­en. Nun — wir machen dies nahezu seit der Wende
und ein weit­er­er Träger, der dies in Bran­den­burg mit eben solchem
Engage­ment seit nun­mehr elf Jahren und mit gle­ich­er Kom­pe­tenz tut, ist uns
nicht bekan­nt.
In diesem Kon­text ist auch die Trendwende in der “civitas”-Förderung zu
sehen. Eine Rück­kehr zur “Nor­mal­ität” erfol­gt; denn schein­bar
ist das Prob­lem Recht­sex­trem­is­mus erfol­gre­ich bewältigt: “Die Zahl
der über­griffe sinkt beständig”; wer das nicht so sehen will,
braucht nicht mehr auf finanzielle Unter­stützung zu warten, denn die
Hand, die einen füt­tere, so wur­den wir belehrt, die beiße man
schließlich nicht. Ger­ade das Anprangern staatlich­er Asyl­prax­is ist
den Ver­ant­wortlichen ein Dorn im Auge. Und so wer­den immer mehr
Anträge abgelehnt, die selb­stor­gan­isiertes Han­deln Jugendlich­er in
Ini­tia­tiv­en und Vere­inen gegen Ras­sis­mus und Recht­sradikalis­mus fördern
wollen.
Die Moti­va­tion der Akteure des “Som­mers der Betrof­fen­heit” war eben sehr
unter­schiedlich. Manche Einzelper­so­n­en waren ern­sthaft daran inter­essiert,
die Lebens­be­din­gun­gen von Nicht-Deutschen zu verbessern. Anti­ras­sis­tis­che
Grup­pen woll­ten die Debat­te nutzen, um die ras­sis­tis­che All­t­agskul­tur zu
kri­tisieren. Die Innen- und Sicher­heit­spoli­tik­erIn­nen von SPD und CDU
begrif­f­en den Kampf “gegen (Rechts-) Extrem­is­mus und Gewalt” jedoch vor
allem als autoritäre Aufrüs­tung des Staates und somit als Abbau
von Grund- und Bürg­er­recht­en und ein­er damit ein­herge­hen­den weit­eren
Diskri­m­inierung von Flüchtlin­gen.

 

Aktion Analyse: Research n action

 

Demzu­folge stellte sich uns die Frage: Was haben drei Jahre “Aktion
Notein­gang” und ein Som­mer voller Betrof­fen­heit verän­dert? Nach
unser­er Mei­n­ung hat im Wesentlichen lediglich eine Trans­formierung des
Blut-und-Boden-Ras­sis­mus in einen Ras­sis­mus nach Kri­te­rien der
ökonomis­chen Ver­w­ert­barkeit stattge­fun­den. Doch ger­ade dies und die
Ergeb­nisse der “Aktion Notein­gang” sind der Grund dafür, neue,
weit­er­führende Konzepte zu ersin­nen. So wurde die Idee der “Aktion
Analyse” geboren.
Wie hat die gesellschaftliche Sen­si­bil­isierung in den Kom­munen gewirkt?
Was ist aus der Kri­tik an den diskri­m­inieren­den Lebens­be­din­gun­gen für
Flüchtlinge im Land gewor­den? Wie ist die Sit­u­a­tion für
alter­na­tive Jugendliche heute? Was ist also angekom­men, vom “Auf­s­tand der
Anständi­gen” in den Gemein­den und Städten Bran­den­burgs? Zu
diesen und anderen Fra­gen haben Jugend­grup­pen und ‑ini­tia­tiv­en aus
zwöf Städten und Gemein­den Bran­den­burgs im Rah­men der “Aktion
Analyse” recher­chiert, analysiert und doku­men­tiert.
Ziel der Aktion war aber nicht nur eine sta­tis­tis­che über­prü­fung
des Ist-Zus­tandes, son­dern auch das Suchen nach lebendi­gen und
nach­halti­gen Aktions­for­men im Kampf gegen Recht­sradikalis­mus und
Ras­sis­mus. Die jew­eili­gen Herange­hensweisen an die The­matik waren sehr
unter­schiedlich, ein­er­seits bed­ingt durch den hohen Grad von gewoll­ter
Selb­stor­gan­isierung der Pro­jek­te und ander­er­seits durch die Entste­hung
neuer anti­ras­sis­tis­ch­er Jugend­grup­pen.
Die anti­ras­sis­tis­che Kam­pagne “Aktion Analyse” find­et am 1. Juli 2002 mit
der Präsen­ta­tion der Ergeb­nisse ihren Abschluss. Erstellt wur­den
ein­er­seits umfan­gre­iche Analy­sen, wie beispiel­sweise “Recht­sradikalis­mus
in Eisen­hüt­ten­stadt” oder zum The­ma Umgang von Schülern mit
Ras­sis­mus. Aktion­sid­een reichen vom Durch­führen von
Schul­ver­anstal­tun­gen wie Pro­jek­t­wochen über Demon­stra­tio­nen bis zum
Konzip­ieren und Anfer­ti­gen eines Brettspiels, das den Prozess des
Asylver­fahrens nachze­ich­net. Die Doku­men­ta­tions­for­men sind eben­so
vielfältig: Broschüren, Home­pages, Kurz­filme und eine
Ausstel­lung wur­den in den let­zten acht Monat­en ange­fer­tigt.
Der Abschluss der Kam­pagne bedeutet jedoch kein Ende der
Auseinan­der­set­zung mit Recht­sradikalis­mus u
nd Ras­sis­mus in Bran­den­burg,
son­dern die Ergeb­nisse sind die Grund­lage für weit­eres Han­deln und
Reflek­tieren im lokalen wie auch über­re­gionalen Raum. Der Erfolg
unser­er Kam­pagne ist und bleibt gekop­pelt an die selb­st bes­timmte Form der
poli­tis­chen Organ­isierung von Jugend­grup­pen und deren kri­tis­ch­er
Auseinan­der­set­zung mit staatlich­er Poli­tik und gesellschaftlich­er
Wirk­lichkeit.

 

aus: ak — analyse & kri­tik Zeitung
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