28. April 2004 · Quelle: MAZ

Antirassismus zur Chefsache gemacht

Die von der Stadt und der Camino gGmbH vor zwei Jahren gegrün­dete Ser­vices­telle gegen rechte Gewalt stellt ihre Arbeit ein. Die Förderung läuft aus. Mit jährlich 40 000 Euro hat das Bun­de­spro­gramm Enti­mon zwei Halb­tagsstellen und eine stu­den­tis­che Hil­f­skraft finanziert, die die
Aktiv­itäten von 80 Vere­inen und Ein­rich­tun­gen, die sich in Pots­dam gegen Frem­den­feindlichkeit und Gewalt ein­set­zen, koor­dinierten. Man habe sich als unab­hängiger Berater gese­hen, erk­lärte Ser­vices­tellen-Mitar­bei­t­erin Esther
Lehn­ert. Gestern dank­te Ober­bürg­er­meis­ter Jann Jakobs ihr und Ingo Siebert. Jakobs erin­nerte an den Anschlag auf den jüdis­chen Fried­hof 2001 und an den lokales Aktion­s­plan für Demokratie und Tol­er­anz, den die Stadtverord­neten zu
erar­beit­en beschlossen hat­ten. Es sei damals sehr wohl disku­tiert wor­den, ob sich ein solch­er Plan für eine Stadt emp­fiehlt, in der weit weniger Über­griffe als ander­swo zu verze­ich­nen sind. Die Entschei­dung war richtig, so Jakobs. Die Öffentlichkeit sei für The­men wie Ras­sis­mus und rechte Gewalt
sen­si­bil­isiert; immer wieder hat sie Stel­lung bezo­gen. Das sei auch ein
Ver­di­enst der Ser­vices­telle.

In Pots­dam kann man über Recht­sex­trem­is­mus disku­tieren, “ohne gle­ich als Nest­beschmutzer dazuste­hen”, erk­lärte Siebert. Das sei beileibe nicht in allen Städten so. Pots­dam demon­striere poli­tis­chen Willen. Man spüre, dass
nicht nur Ini­tia­tiv­en und Ein­rich­tun­gen wie Schulen, Jugend­hil­fe und Sport, Antifa, Hochschulen und Woh­nungs­fir­men, son­dern auch Ober­bürg­er­meis­ter und
Frak­tio­nen die Angele­gen­heit zur Chef­sache gemacht haben, so Siebert. Das müsse beibehal­ten wer­den. Das Rin­gen um ein demokratis­ches, weltof­fenes Kli­ma brauche lan­gen Atem; Feuer­wehrak­tio­nen helfen wenig, so Lehn­ert. Ihrer
Ein­schätzung nach ist All­t­agsras­sis­mus auch in Pots­dam präsent: “Die Stadt macht da keine Aus­nahme.”

Been­det die Ser­vices­telle ihre Arbeit, übernehmen andere Ein­rich­tun­gen die Auf­gaben. Die Sicher­heit­skon­ferenz der Stadt koor­diniert kün­ftig die Ini­tia­tiv­en in Pots­dam, auch das Jugen­damt wird einge­bun­den, sagte Jakobs. Der Bere­ich analysiere derzeit in ein­er Umfrage, wie sich Recht­sex­trem­is­mus heute in Jugend­klubs darstellt, sagte Jugen­damt­sleit­er Nor­bert Schweers. Die rechte Szene habe sich gewan­delt und weit­ge­hend aus den Jugend­klubs
zurück­ge­zo­gen.

Die finanzielle Hil­fe für Pro­jek­te liegt kün­ftig in den Hän­den eines Bürg­ervere­ins, der den Aktions­fonds für Tol­er­anz und Demokratie ver­wal­tet. Mit 3200 Euro daraus hat­te die Ser­vices­telle bis­lang 20 Pro­jek­te unter­stützt. Nach einem Bene­fizkonz­ert beläuft sich der Etat jet­zt auf 600 Euro.

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