25. Januar 2002 · Quelle: Inforiot

Besetzen oder Bockwurst


Alles ist bess­er, als ein beschissener Jugend­club mit Sozialar­beit­ern, die ihre Auf­gabe darin sehen, hin­ter einem Tre­sen zu ste­hen und an Jugendliche Cola und Bock­wurst zu verkaufen. Soviel ste­ht fest. Zumin­d­est, für die Jugendlichen, die mehr wollen als ein­mal im Jahr auf die Lovepa­rade fahren und später mal einen guten Job bekom­men! Doch auch denen bleibt oft nicht nichts anderes übrig, als in eben jenen Club zu gehen. So ist nun ein­mal das Leben in den bran­den­bur­gis­chen
Kle­in­städten. Bran­den­bur­gis­che Kle­in­städte wie zum Beispiel Prem­nitz. Mit etwa 9000 Ein­wohn­ern liegt das beschauliche Örtchen im west­lichen Havel­land im Dreieck zwis­chen Rathenow, Gen­thin und Brandenburg/Havel. An der Spitze der Lokalpoli­tik ste­ht ein CDU-naher Bürg­er­meis­ter. Ein anderes Wort für Freizeit ist dort Langeweile.

Den­noch find­en sich auch in Prem­nitz Leute, die gegen die kap­i­tal­is­tis­chen Ver­hält­nisse etwas unternehmen wollen, die sie im städtis­chen Jugend­club vorfind­en und bestätigt sehen. So wurde im Herb­st 2001 ein Haus beset­zt. Es sollte Tre­ff­punkt für etwa 15 junge AktivistIn­nen wer­den. Und genau das wurde er auch. Doch so sollte es nicht lange bleiben. Nach nicht ein­mal ganz einem Monat wurde das Haus wieder geräumt. Um 7 Uhr mor­gens stürmte ein Bul­lenaufge­bot, wie es die kleine Stadt wohl bis dahin sel­ten gese­hen hat, die Räume. Fes­t­nah­men gab es glück­lich­er Weise keine. Denn die über­wiegend jun­gen Leute wohn­ten nicht in dem Haus. Während der ganzen Zeit hat sich die regionale Presse gar nicht für die Beset­zerIn­nen, ihre Gründe und Ziele inter­essiert, eben­so wenig die Räu­mung. Genau­so igno­rant ver­hiel­ten sich Stad­trat, Parteien und poli­tis­che Ver­bände. In der Öffentlichkeit fand all das nicht statt.

 

Also hieß es für die Besezter erst ein­mal, wieder mit dem städtis­chen Jugend­club vor­lieb zu nehmen. Wohl oder übel. Doch auch dort ließen sich die Bullen recht bald blick­en. Die Spezialein­heit Tomeg (Täteror­i­en­tierte Maß­nah­men gegen extrem­istis­che Gewalt) tauchte auf, und sprach wahl­los Leute in dem Club an. Ange­blich wolle die Prem­nitzer Woh­nungs­bauge­sellschaft den Ex-Beset­zerIn­nen ein Ersat­zob­jekt zur Ver­fü­gung stellen, ver­sprachen die Staats­büt­tel. Recherchen
der Jugendlichen ergaben, dass es diese Gesellschaft schon lange nicht mehr gibt. Nichts weit­er als eine Masche der Bullen, um an die Namen der Leute zu kom­men, die sich poli­tisch engagieren. Und noch ein­er ist an der­lei Infor­ma­tio­nen über­aus inter­essiert: Der Leit­er des Jugend­clubs. In jed­er Einzel­heit schreibt er auf, wer mit wem wann zu welch­er Demo fährt, oder son­st etwas macht. Was er mit all dem anfan­gen will, ist nicht klar. Die Ver­mu­tung liegt aber nahe, dass Mis­ter Stasi-Sozialar­beit­er mit den Bullen, speziell der Tomeg, zusam­me­nar­beit­et.

 



Auch anson­sten ist er fleißig dabei, alles, was nach ein­er linken alter­na­tiv­en Jugend­kul­tur aussieht, zu ver­hin­dern. Ver­anstal­tun­gen zu The­men wie Anti­ras­sis­mus sind tabu. “Zu poli­tisch”, lautet die Antwort auf Anfra­gen der Jugendlichen.

 

Räume im Club dür­fen nur genutzt wer­den, wenn ein Sozialar­beit­er die “Kids” im Visi­er hat und der­lei Schick­a­nen mehr.

 

Nicht ger­ade eine rosige Sit­u­a­tion in Prem­nitz. Doch die AktivistIn­nen lassen den Kopf nicht hän­gen. “Wir wer­den wieder beset­zen.”

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