24. Juli 2004 · Quelle: MAZ

Bomberjacke ist Auslaufmodell

(MAZ, 23.07., Andreas Vogel) KREIS OPR Auf Wider­spruch ist gestern die Ein­schätzung der Polizei gestoßen, wonach
nicht mehr Witt­stock Bren­npunkt recht­sex­tremer Über­griffe ist, son­dern Neu­rup­pin, Rheins­berg und Neustadt (Dosse). “Die Anzahl recht­sex­tremer Vor­fälle in Witt­stock ist nicht weniger gewor­den. Vielmehr gibt es jet­zt nach ein­er Zeit rel­a­tiv­er Ruhe lediglich auch wieder mehr Vor­fälle in
Neu­rup­pin”, sagt Gabriele Schla­mann.

Schla­mann ist Chefin des “Büros für Inte­gra­tion und Tol­er­anz” (Bit) in Neu­rup­pin. In dem Büro in der Rudolf-Bre­itscheid-Straße, das gestern Bil­dungsstaatssekretär Mar­tin Gorholt besucht hat, arbeit­en seit Anfang des Jahres das Mobile Beratung­steam der Aktion Tol­er­antes Bran­den­burg sowie Mar­i­ana Wig­gert vom Regionalen Büro für Aus­län­der­fra­gen, Jugen­dar­beit und Schulen (RAA) zusam­men. Ziel der Büro­ge­mein­schaft ist es, die Arbeit gegen
recht­sex­treme Ten­den­zen in den Kreisen Ost­prig­nitz-Rup­pin, Prig­nitz und Ober­hav­el zu bün­deln. Ab August wird das Bit außer­dem mit Ute Müller von der Förder­schule Kyritz ver­stärkt, die sich vor allem um den Kon­takt zu den
Schulen küm­mern soll.

Wie wichtig das ist, das spüren die Mitar­beit­er des Beratung­steams fast täglich, wenn sie mit Lehrern, Schülern, Bürg­er­meis­tern und der Polizei sprechen. Dabei ist die Zahl rechter Über­griffe lan­desweit um die Hälfte gesunken. “Die rechte Szene ist in Bewe­gung”, sagt Nico­la Scu­teri. Zum einen­ver­suche sie, das Image von pöbel­nden Gewalt­tätern abzule­gen. Zum anderen halte die Szene weit­er Kon­takt zu gewalt­bere­it­en Cliquen. “Dabei übernehmen zunehmend Mäd­chen und Frauen eine führende Rolle.” Um ihren Ein­fluss zu
ver­größern, sei die Szene bestrebt, an den all­ge­meinen Frust der Leute anzu­dock­en — und ver­sucht neuerd­ings auch, in Eltern­vertre­tun­gen von Kitas und Schulen zu gehen und dort ein Wörtchen mitzure­den. “Der Rechte mit Bomber­jacke und Base­ballschläger ist ein Aus­lauf­mod­ell”, sagt Gabriele
Schla­mann. Ein Beispiel: In Ober­hav­el lässt sich ein junger Mann, der von seinen Mitschülern an der Gesamtschule “der Führer” genan­nt wird, zum DJ aus­bilden, um auf den Dör­fern Musik zu machen und ganz neben­bei rechte Pro­pa­gan­da zu ver­bre­it­en. In Fret­z­dorf werde indes der Jugend­club immer mehr zum Tre­ff für rechte und recht­sex­treme Jugendliche. “Solange ein Betreuer dort ist, ist alles okay. Fehlt der aber und taucht er dann unangemeldet auf, ist der Club von Recht­en belegt — wie bei vie­len anderen auf dem Land”,
so Schla­mann.

Das Bit ver­sucht gegen­zus­teuern und Sozialar­beit­ern, Lehrern und Bürg­er­meis­tern zu helfen. So ent­stand im Dezem­ber in Wuster­hausen auch die Idee für einen Spende­naufruf, nach­dem ein viet­name­sis­ch­er Imbiss abge­bran­nt war. Wie schw­er ihre Arbeit ist, zeigt ein ander­er Fall: Bei einem
Infor­ma­tion­s­abend mit Lehrern in Witt­stock spielte Schla­mann Musik ein­er Lie­der­ma­cherin vor, die recht­sex­treme Wertevorstel­lun­gen the­ma­tisiert. Vier von 14 Päd­a­gogen hat­ten damit kein Prob­lem.

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