25. März 2015 · Quelle: Presseservice

Brück: Infoveranstaltung zur Aufnahme von Asylsuchenden im Ort

Einwohner_innenversammlung
Am gestri­gen Abend lud das Amt Brück (Land­kreis Pots­dam-Mit­tel­mark) zu ein­er Einwohner_innenversammlung in die St. Lam­ber­tus Kirche ein. The­ma des Abends war die Informierung aller inter­essierten Men­schen über die Auf­nahme von 27 Asyl­suchen­den in der Stadt Brück. Um alle Fra­gen best­möglich zu beant­worten waren sachkundi­ge Vertreter_innen des Land­kreis­es und des Trägervere­ines der Unterkun­ft anwe­send. Vor­ab bekan­nten sich das Amt und die Stadt Brück in ein­er Pressemit­teilung zur Auf­nahme der Asyl­suchen­den. „Brück ver­ste­ht sich als Ort der Vielfalt und der Tol­er­anz“, so Amts­di­rek­tor Chris­t­ian Groß­mann (SPD). Entsprechend werde sich „um die ank­om­menden Fam­i­lien und Kinder“ geküm­mert, so Bürg­er­meis­ter Karl-Heinz Borgmann ergänzend. „Familienfreundlichkeit“werde „in Brück“ schließlich „groß geschrieben“.
Ein­leitung in die Infor­ma­tionsver­anstal­tung
Gegen 19.00 Uhr eröffnete dann Amts­di­rek­tor Chris­t­ian Groß­mann die Einwohner_innenversammlung, zu der 150 Men­schen erschienen waren. Er teilte mit, dass 27 Flüchtlinge, darunter fünf Fam­i­lien mit ins­ge­samt zehn Kindern in der Stadt erwartet wer­den. Dies sei zwar für Brück, so Groß­mann, eine vol­lkom­men neue Sit­u­a­tion, jedoch sei er zuver­sichtlich, dass beste­hende Vorurteile zumeist auf Unwis­senheit beruhen und im Rah­men der Infor­ma­tionsver­anstal­tung entkräftet wer­den kön­nen.
Pfar­rer Hel­mut Kautz gab sich in seinen ein­lei­t­en­den Worten eben­so zuver­sichtlich, wie hil­fs­bere­it. Ihm sei schließlich bei sein­er Ankun­ft in Brück auf­tra­gen wor­den: „Seien sie Pfar­rer nicht nur für die Chris­ten, son­dern für alle Brück­er!“ Dementsprechend wolle er sich nun auch um die ank­om­menden Flüchtlinge küm­mern.
In diesem Sinne sprach auch Otthein­er Klein­erüschkamp (CDU), Bürg­er­meis­ter der Nach­barge­meinde Linthe. Er bot an, die mit der Unter­bringung entste­hen­den Auf­gaben gemein­sam zu bewälti­gen. „Den Leuten“ solle ein „würdi­ger Ersatz für ihr zu Hause“ geboten und es ihnen, so Klein­erüschkamp weit­er, leicht gemacht wer­den, „sich hier einzuleben“.
Infor­ma­tio­nen des Land­kreis­es
Nach der Ein­leitung in die Ver­anstal­tung, informierte nun die Sozialdez­er­nentin des Land­kreis­es Pots­dam-Mit­tel­mark, Gertrude Meißn­er, detail­liert über die Auf­nahme und die Ver­sorgung der Asyl­suchen­den im Kreis sowie die Wahl des Stan­dortes Brück.
Gemäß ihren Angaben hat der Land­kreis Pots­dam-Mit­tel­mark die Auf­gabe bis Jahre­sende 659 Asyl­suchende und 85 syrische Kontin­gent­flüchtlinge aufzunehmen. Diese Zahlen seien allerd­ings vari­abel, da die Möglichkeit beste­ht, dass weit­ere Men­schen ankom­men wer­den. Insofern ist der Land­kreis auch bestrebt, weit­ere Unterkün­fte zu akquiri­eren. Zurzeit gibt es in Tel­tow und Stahns­dorf zwei beste­hende Heime, die mit jew­eils 200 Per­so­n­en pro Unterkun­ft, am Ende ihrer Kapaz­itäten sind. Auch die kleineren Gemein­schaft­sun­terkün­fte in Bad Belzig und Beelitz sind eben­falls aus­ge­lastet. Deshalb werde nun auch auf Objek­te zurück­ge­grif­f­en, die in kleineren Orten liegen und wegen der nicht opti­malen Stan­dort­fak­toren bish­er als ungeeignet gal­ten.
Die kün­ftige Gemein­schaft­sun­terkun­ft in Brück befind­et sich beispiel­sweise in einem zwar indus­triell genutzten, aber unbe­wohn­ten Gewer­bege­bi­et. Hier wer­den die 27 Asyl­suchen­den ab heute unterge­bracht sein. Nach Ostern kom­men dann noch ein­mal 45 Men­schen dazu, so dass ins­ge­samt 72 Per­so­n­en unterge­bracht wer­den.
Als Herkun­ft­slän­der der Asyl­suchen­den wur­den Tschad, Syrien, Iran, Alban­ien und auch die Rus­sis­che Föder­a­tion genan­nt. Für ihre Betreu­ung wird eine Sozialar­bei­t­erin zuständig sein.
Des Weit­eren sieht sich der Land­kreis Pots­dam-Mit­tel­mark für die Gewährleis­tung der Sicher­heit, dem Ange­bot von gemein­nütziger Arbeit, der Ver­mit­tlung von Deutschken­nt­nis­sen in Koop­er­a­tion mit der Volk­shochschule, die Finanzierung der Grund­sicherung sowie die gesund­heitliche Ver­sorgung der Asyl­suchen­den ein­schließlich der Ver­voll­ständi­gung des Impf­s­tandes zuständig.
Darüber hin­aus würde sich der Land­kreis über eine Unter­stützung der Einwohner_innen von Brück freuen.
Einwohner_innenfragen
Nach dieser infor­ma­tiv­en Ein­führung waren nun die Brück­er am Zuge, durch ihre Fra­gen beste­hende Unklarheit­en aufzuhellen, Äng­ste auszuräu­men und Vorurteile zu über­winden.
Eine Bürg­erin, die beispiel­sweise vor drei Jahren aus Berlin wegen den hohen Mieten wegge­zo­gen ist, befürchtete durch den Zuzug von Asyl­suchen­den und der möglicher­weise damit ver­bun­de­nen Verk­nap­pung des Wohn­raumes, eine erneute Ver­drän­gung.
Dem wider­sprach allerd­ings der Land­kreis. Asyl­suchende wür­den in Pots­dam-Mit­tel­mark auss­chließlich in Gemein­schaft­sun­terkün­ften unterge­bracht wer­den. Zwar war vor drei Jahren schon ein­mal eine men­schen­würdi­gere Unter­bringung angedacht, jedoch auf­grund man­gel­nden Wohn­raums und steigen­der Flüchtlingszahlen wieder ver­wor­fen wor­den.
Lediglich bei syrischen Kontin­gent­flüchtlin­gen sei die Unter­bringung in Woh­nun­gen geplant. Dies träfe jedoch auf Brück nicht zu.
Wenn es jedoch pri­vate Woh­nungsange­bote hier gäbe, so die Antwort auf eine Frage ein­er anderen Bürg­erin, würde der Land­kreis auch nicht nein sagen. Schließlich müssten in diesem Jahr noch min­destens 63 syrische Flüchtlinge aufgenom­men wer­den. Die Miete würde, bei entsprechen­der Eig­nung der Woh­nung, dann das Job­cen­ter zahlen.
Anschließend kamen die The­men Sicher­heit und Inte­gra­tion auf die Agen­da. Ein Bürg­er äußerte Bedenken vor ein­er ange­blichen Gewalt­bere­itschaft der trau­ma­tisierten Men­schen, ein ander­er sei sel­ber schon in einem Krisen­ge­bi­et gewe­sen und habe die dort Leben­den als „unzivil­isiert“ emp­fun­den. Diesem Szenario wieder­sprach Rose Dit­t­furth vom Arbeits- und Aus­bil­dungs­fördervere­in Pots­dam-Mit­tel­mark e.V. im Hin­blick auf die hier ank­om­menden Men­schen ener­gisch. In ihrer lan­gen Lauf­bahn als Sozialar­bei­t­erin in der Bad Belziger Asy­lun­terkun­ft habe sie kein unzivil­isiertes Ver­hal­ten erlebt. Im Gegen­teil, die meis­ten hier­her kom­menden Men­schen seien eher glück­lich, dass sie in geord­neten Struk­turen aufgenom­men wer­den und sich diesen anpassen.
Ander­er­seits kön­nen in Heimen natür­lich auch Span­nun­gen nicht aus­geschlossen wer­den. Den dort leben­den Men­schen ste­ht laut Asylge­setz schließlich nur ein Raum von 6,00m² zu. Pri­vat­sphäre gebe es dort eher nicht. Im Ern­st­fall soll jedoch ein 24-Stun­den-Wach­schutz Stre­it schlicht­en.
Trau­ma­tisierten Men­schen, ins­beson­dere Folteropfern, würde zudem psy­chol­o­gis­che Betreu­ung ange­boten, damit sie die Chance erhal­ten die erlit­te­nen Qualen seel­isch zu ver­ar­beit­en.
Aber wie soll mit Asyl­suchen­den, die ein schw­eres Trau­ma durch­leben, im All­t­ag umge­gan­gen wer­den, schloss die näch­ste Frage an. Tat­säch­lich gäbe es für hier­für kein Paten­trezept, so Frau Meißn­er vom Land­kreis. Hier sei die Men­schlichkeit jedes Einzel­nen gefragt. Nur wenn offen und ohne Vorurteile auf die Men­schen zuge­gan­gen wird, könne auch eine gute Inte­gra­tion gelin­gen.
Selb­stver­ständlich sei natür­lich auch die Sprache ein entschei­den­der Schlüs­sel. Hier machte die Mitar­bei­t­erin des Land­kreis­es eben­falls Mut. Kinder von Asyl­suchen­den wür­den durch den Schulbe­such recht schnell, teil­weise inner­halb eines hal­ben Jahres, die deutsche Sprache beherrschen. Erwach­sene bräucht­en zwar in der Regel länger, wür­den aber laut Land­kreis, wenn sie ein­mal einen Deutschkurs begonnen hät­ten, diesen auch mit großer Moti­va­tion weit­er führen.
Eine kri­tis­che Stimme erkundigte sich daraufhin nach dem Mehraufwand für Lehrkräfte und ob dadurch nicht das Bil­dungsniveau der anderen Schüler lei­de. Doch auch hier wider­sprach die Vertreterin des Land­kreis­es. Für die Nach­hil­fe im Deutschunter­richt seien geson­derte Unter­richtsstun­den vorge­se­hen, die von zusät­zlichen Lehrkräften betreut wer­den.
Trotz der fundierten Argu­mente, ver­sucht­en Einzelper­so­n­en jedoch weit­er­hin gezielt Äng­ste durch Vorurteile zu schüren. Dem­nach zeige sich all­ge­mein, dass Orte mit vie­len Migranten soziale Bren­npunk­te seien. Zudem sei eine alban­is­che Fam­i­lie, im Hin­blick auf die Ankündi­gung von Asyl­suchen­den aus Alban­ien, ohne­hin nicht inte­gra­tions­fähig. Doch auch diesen Behaup­tun­gen wurde ener­gisch wider­sprochen, in diesem Fall so gar aus dem Pub­likum.
Eine junge Frau, die aus Köln stammt und jet­zt in Brück lebt, erzählte, dass sie in der Grund­schule viele Aus­län­der in der Klasse und damit über­haupt kein Prob­lem hat­te.
Eine andere junge Brück­erin kam ursprünglich aus Berlin-Wed­ding und hätte dort auch keine schlecht­en Erfahrun­gen mit Asyl­suchen­den gemacht. Sie fragte sog­ar wie konkret geholfen wer­den kann. Sind Spenden erwün­scht und wenn ja wohin? Dies hörte Sozialar­bei­t­erin Rose Dit­t­furth natür­lich gerne. Spenden wären selb­stver­ständlich erwün­scht. Ins­beson­dere Fahrräder und Spielzeug wären wohl die sin­nvoll­sten Dinge. Jedoch bat Dit­t­furth zunächst ein­mal um Geduld, die Asyl­suchen­den müssen schließlich erst­mal in ihrem neuen zu Hause ankom­men. Erst danach sei eine Bedarf­s­analyse sin­nvoll.
Möglicher­weise kön­nen diese Fra­gen dann während eines ersten „run­den Tis­ches“ am 25. April 2015 gek­lärt wer­den.
Abschließend äußerte sich dann noch ein­mal Amts­di­rek­tor Chris­t­ian Groß­mann zu dem über­wiegend pos­i­tiv ver­laufend­en Abend: „Es gab vie­len Fra­gen und wir haben sie gut beant­wortet. Wir haben keine Angst vor dem Heim.“
Fotos: hier

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