11. Juli 2012 · Quelle: iNFORiOT

Der Kick“

Potzlow - Vor zehn Jahren wurde Marinus Schöberl nach brutaler Folter in der Uckermark ermordet. Ein Rückblick auf die Konsequenzen rechtsradikaler Hegemonie in der Provinz.

Der kleine Ort Pot­zlow liegt in der Uck­er­mark und hat 600 Einwohner_innen. Das Wahrze­ichen ist eine hölz­erne Roland-Fig­ur, die im Mit­te­lal­ter das Stadtrecht sym­bol­isierte. Umgeben von ein­er idyl­lis­chen Natur­land­schaft mit ein­er lebendi­gen Flo­ra und Fau­na, ist die Gegend ein attrak­tiv­er Anlauf­punkt für den san­ften Touris­mus, der in dieser struk­turschwachen Region so manch­es Auskom­men sichert. Der Ort wirbt mit seinen vielfälti­gen Vere­inen und dem intak­ten, authen­tis­chen Leben auf dem Lande. Ober­fläch­lich betra­chtet unter­schei­det diesen Ort nicht viel von anderen Gemein­den in der Umge­bung. Und doch ist vor nun­mehr zehn Jahren etwas passiert, dass dieses Dorf in die weltweite Öffentlichkeit kat­a­pul­tierte und den Namen Pot­zlow bis heute als Syn­onym für beson­ders bru­tale recht­sradikale Gewalt ste­hen lässt.

In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 2002, also vor genau zehn Jahren, wurde Mar­i­nus Schöberl nach bru­taler Folter sein­er drei Peiniger Marko Schön­feld, Mar­cel Schön­feld und Sebas­t­ian Fink in einem ver­lasse­nen Schweinestall am Dor­frand ermordet. Der qualvolle Lei­densweg von Mar­i­nus begann am Abend des 12. Juli in ein­er Woh­nung im Pot­zlow­er Ort­steil Strehlow. Nach­dem er dort zusam­mengeschla­gen, zwangsweise unter Alko­hol geset­zt und auf ihn uriniert wurde, schleppten ihn die drei Täter noch unge­fähr einen Kilo­me­ter durch den Ort, bevor sie ihn mit einem soge­nan­nten Bor­d­stein­kick den Schädel brachen, ihn daraufhin mit Steinen töteten und in der Jauchegrube neben einem Schweinestall ver­schar­rten.

Ans Licht der Öffentlichkeit kam der Mord erst ein halbes Jahr später auf Grund des Hin­weis­es ein­er der Täter. In der Öffentlichkeit löste der Mord Entset­zen aus. Kaum jemand kon­nte sich der Rohheit dieser Tat entziehen. Auch im Dorf selb­st saß der Schock tief und es wurde sich in Erk­lärungsver­suchen geübt. Zu erk­lären ist diese Tat aber nur, führt man sich das ide­ol­o­gis­che Umfeld und das Men­schen­bild der Täter vor Augen. Die vorschnelle Ein­sicht, die Mörder von Mar­i­nus kön­nen keine Recht­sradikalen sein, da es in Pot­zlow keine solche Men­schen gäbe, war wenig erhel­lend und ließ eher auf einen Abwehrmech­a­nis­mus schließen, denn auf tat­säch­lichen Aufar­beitungswillen.

Pot­zlow­er Zustände

Die Real­ität spricht eine andere Sprache: Seit Beginn der 1990er Jahre kam es in der Region immer wieder zu recht­sradikalen Über­grif­f­en und Gewalt­tat­en: Von anti­semi­tis­chen Sprühereien an der Pfar­rhaus­mauer, über das Zusam­men­schla­gen von Jugendlichen, die sich der recht­sradikalen Hege­monie wider­set­zten, bis hin zu einem Angriff auf ein kirch­lich­es Freizei­theim im benach­barten Stern­hagen, wobei ein Sozialar­beit­er ins Koma geprügelt wurde. Diese Vor­fälle ereigneten sich alle unter Beteili­gung von „ganz nor­malen Jugendlichen“ wie die Recht­sradikalen gerne ver­harm­losend genan­nt wur­den aus Pot­zlow.

Diese Vor­fälle waren aber nur die nach Außen sicht­bare Spitze des Eis­berges. Das alltägliche Kli­ma recht­sradikaler Dom­i­nanz auf den Straßen, in den Schul­bussen und auf Dorffesten sind nicht weit­er doku­men­tiert, außer in den Erin­nerun­gen von Jugendlichen, die sich dem recht­en Main­stream nicht angepasst haben. Liest man mit diesem Wis­sen den Auszug aus einem Inter­view der dor­feige­nen Web­site, scheint es in Pot­zlow einen Hang zum Vedrän­gen zu geben. Auf die Frage, ob vor dem Mord an Mar­i­nus Recht­sradikalis­mus im Dorf aufge­fall­en sei, antwortet der dama­lige Bürg­er­meis­ter, Johannes Weber:

Es gab einzelne Jugendliche, die sich ‘rechts’ gek­lei­det haben und es gab rechte Schmier­ereien. In so einem Dorf glaubt man aber, man kenne seine Pap­pen­heimer. Und hier waren es zwei Jugendliche, die sich präsen­tieren woll­ten, die auf­fall­en woll­ten. So schien es uns. Mitte der 90er hat­ten wir Räume für einen Jugend­club zur Ver­fü­gung gestellt, aber keinen Jugen­dar­beit­er. Da sind dann rechte Jugendliche aus den Nach­barorten gekom­men und haben den Raum für sich beschlagnahmt. Wir haben das rel­a­tiv schnell erkan­nt und den kleinen Club zugemacht.“

Hier wird deut­lich, dass auch frühere Vor­fälle mit recht­sradikalem Hin­ter­grund geleugnet und bagatel­lisiert wur­den. Die Täter selb­st waren nicht nur durch ein­deutige Klei­dung, son­dern auch auf Grund ihrer Vorstrafen­reg­is­ter und ihres Agierens in recht­sradikalen Zusam­men­hän­gen bekan­nt. Beson­ders der damals 23-jährige Marko Schön­feld fiel häu­fig durch Über­griffe auf. Let­ztlich war er bere­its wieder im Gefäng­nis, als sein Brud­er Mar­cel einige Jugendliche des Dor­fes zur Jauchegrube führte und die Leiche von Mar­i­nus frei­legte. Er hat­te in der Zeit nach dem Mord zusam­men mit anderen einen Mann aus Sier­ra Leone ins Kranken­haus geprügelt.

Der Prozess

Vor diesem Hin­ter­grund wirkt es befremdlich, dass ver­sucht wurde, die Tat aus ihrem ide­ol­o­gis­chen Kon­text her­auszulösen. Trotz der schweigen­den Gle­ichgültigkeit von Mar­i­nus Peinigern wurde der Tather­gang während des Prozess­es nahezu lück­en­los rekon­stru­iert. Am ersten nichtöf­fentlichen Prozesstag legten alle drei Beschuldigten schriftliche Geständ­nisse ab. An den fol­gen­den öffentlichen Prozessta­gen eröffnete sich den Anwe­senden im Gerichtssaal ein Bild der Rohheit, Ver­wahrlosung und fehlen­der Sol­i­dar­ität in der Pot­zlow­er Dor­fge­mein­schaft. Die Vertei­di­gung ver­suchte den ganzen Prozess hin­durch ihre Man­dan­ten als während der Tat unzurech­nungs­fähig, nicht recht­sradikal, oder als nicht intel­li­gent genug darzustellen, um ein möglichst mildes Urteil zu erwirken. Die Urteile im Saal des Neu­rup­pin­er Landgerichts blieben 2003 schliesslich alle­samt unter den von der Staat­san­waltschaft geforderten Straf­maßen.

Mar­cel Schön­feld wurde zu ein­er Jugend­strafe wegen Mordes, Kör­per­ver­let­zung und Nöti­gung in Höhe von achtein­halb Jahren verurteilt und 2009 vorzeit­ig ent­lassen. Marko Schön­feld musste für 15 Jahre wegen ver­sucht­en Mordes und gefährlich­er Kör­per­ver­let­zung sowie Nöti­gung ins Gefäng­nis. Sebas­t­ian Fink wurde wegen gefährlich­er Kör­per­ver­let­zung zu zwei Jahren Jugend­strafe verurteilt, durfte den Gerichtssaal aber als freier Mann ver­lassen, da ihm die Zeit der Unter­suchung­shaft bere­its auf die Haft­dauer angerech­net wurde. Zwar hob der Bun­des­gericht­shof in Leipzig die Urteile ein Jahr nach Prozessende wieder auf und sprach den Tätern eine höhere Ver­ant­wor­tung für den Tod Mar­i­nus Schöberls zu, am ursprünglichen Straf­maß änderte das allerd­ings kaum etwas.

Aufar­beitungsver­suche

Da sich die Aufar­beitungsver­suche im Dorf selb­st – mit Aus­nah­men – meist im Bagatel­lisieren der weit­eren Umstände im Ort erschöpften, gab es mehrere Ver­suche außer­halb des Dor­fes, die Tat und ihr gesellschaftlich­es Umfeld zu reflek­tieren. Genan­nt seien hier das The­ater­stück, das Buch und der Film „Der Kick“ von Andres Veiel und Gesine Schmidt und der Film „Zur Falschen Zeit am falschen Ort“ von Tama­ra Milo­se­vic. In diesen Veröf­fentlichun­gen wurde ver­sucht sich dem Ver­brechen anhand der indi­vidu­ellen Gefühls- und Hand­lungswel­ten der Täter, der Freund_innen und Nachbar_innen des Opfers zu näh­ern.

Aber wo ste­hen der Ort und seine Einwohner_innen heute zehn Jahre nach dem Mord an Mar­i­nus Schöberl? Was hat sich im Dorf verän­dert? Wie ste­ht es um eine „echte“ Aufar­beitung der Geschehnisse vom 12. Juli 2002? Das Ergeb­nis kön­nte pos­i­tiv­er sein. Auf der Inter­net­seite von Pot­zlow find­et sich zwar ein eigen­er Bere­ich, der den Mord in Form von Inter­views mit den bei­den Bürgermeister_innen aus den ver­gan­genen Jahren the­ma­tisiert, aber ist dieser in den Untiefen der Dor­fchronik ver­steckt. Es gibt einen Gedenkstein an der Periph­erie des zen­tralen Dorf­platzes, der nur auf Ini­tia­tive des dama­li­gen Pot­zlow­er Pfar­rers ent­standen ist. Aber selb­st die Auf­stel­lung des Steines lief nicht ohne Wider­stand ab. So war es eini­gen ein Ärg­er­nis, dass der Gedenkstein mit­ten im Dor­fzen­trum aufgestellt wer­den sollte.

Bis heute ist der Mord an Mar­i­nus Schöberl ein The­ma, dass im Dorf gerne beschwiegen wird. Auch in oben erwäh­n­tem Inter­view wird der Kon­text in dem der Mord passierte und die Vorgeschichte von Recht­sradikalis­mus, Ras­sis­mus und alltäglich­er Gewalt geleugnet. Stattdessen ziehen sich der ehe­ma­lige Bürg­er­meis­ter und die spätere Bürg­er­meis­terin auf eine Opfer­rolle zurück und bedauern, dass es nach dem Mord eine Het­ze gegen den Ort Pot­zlow gegeben habe.

Zumin­d­est in der Pot­zlow­er Kirche ist eine Gedenkan­dacht zum zehn­jähri­gen Jahrestag der Ermor­dung von Mar­i­nus Schöberl angekündigt.

 

Am 13. Juli wird es ab 14 Uhr in Pren­zlau eine Fahrrad­de­mo in Gedenken an Mar­i­nus geben. Wie schon im Jahr 2002 sind es antifaschis­tis­che Grup­pen, die Erin­nerung aufrecht erhal­ten. Mehr dazu hier.

Eine Samm­lung von Presseartikel der let­zten 10 Jahre zum The­ma find­et sich hier.

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