2. November 2004 · Quelle: BM

Die Stadt wußte Bescheid

Beziehung zwis­chen Oranien­burg und KZ Sach­sen­hausen ist wissenschaftlich
aufgearbeitet

(BM, 1.11.) Oranien­burg — Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre hat­ten sich die
bei­den Standes­beamten im Rathaus der Stadt Oranien­burg die Arbeit geteilt.
Ein­er war für Eheschließun­gen, Schei­dun­gen und Geburten zuständig. Sein
Kol­lege K. bear­beit­ete die Todes­fälle. Davon gab es reich­lich, denn zum
Standesamts­bezirk gehörte auch das KZ Sachsenhausen. 

Gesagt hat die Amtsper­son K. nichts. Denn for­mal war alles in Ord­nung. Die
Toten­scheine, vom SS-Lager­arzt aus­gestellt, enthiel­ten die erforderlichen
Angaben über Todeszeit­punkt und ‑ursache. Die Zahl der Fälle allerd­ings war
für die Kle­in­stadt enorm. Allein im Jan­u­ar 1940 wur­den 930 Tote beurkundet,
viele davon Erschossene — “auf Befehl des Führers”, “auf Befehl des
Reichs­führers” (Himm­ler), “auf der Flucht”, oder ein­fach “erschossen”.

Gewun­dert hat sich der Pri­vat­mann K. schon. Denn immer waren die gleichen
Todesur­sachen aufge­führt. Herzver­sagen, Lun­genentzün­dung — das waren zwei
der zwölf Todesur­sachen, die die SS für Ster­beurkun­den von KZ-Häftlingen
vorgeschrieben hat­te. Erst viel später, nach dem Krieg, sagte der Beamte,
ihm sei klar gewe­sen, daß es sich um fin­gierte Todesur­sachen han­delte. Für
His­torik­erin Andrea Riedle, die das Ver­hält­nis zwis­chen Kom­mune und KZ
erforscht, ist klar: “Mitar­beit­er der Stadtver­wal­tung waren in die
Ver­brechen involviert.” 

“Das Beispiel zeigt, daß Oranien­burg und Sach­sen­hausen keine hermetisch
voneinan­der getren­nten Bere­iche waren”, sagt Forscherin Riedle. Ganz im
Gegen­teil, Stadt und Lager waren auf vielfältige Weise miteinan­der verwoben.
“Die Ein­wohn­er kon­nten die Elend­szüge der Häftlinge täglich sehen, etwa wenn
Trans­porte am Bahn­hof anka­men und die Kolon­nen über offene Straßen zum Lager
marschierten”, sagt die His­torik­erin. Das soge­nan­nte Klink­er­w­erk, eine
mit­ten in der Stadt gele­gene Außen­stelle des KZ, war der schreck­lich­ste Ort
von Oranien­burg. Hier gab es täglich Tote, die die Gefan­genen abends auf
Roll­wa­gen hin­ter sich herzogen. 

Immer wieder gab es Men­schen, die den Häftlin­gen heim­lich Essen zusteckten,
Brot zuwar­fen oder es am Straßen­rand deponierten. Die Gefangenen
revanchierten sich so gut sie kon­nten. Zeug­nis davon ist die sogenannte
Troi­ka, ein Holzspielzeug, das eine Oranien­burg­erin für ihren elfjährigen
Sohn geschenkt bekam. 

Dutzende von Häftlingskom­man­dos arbeit­eten in der Stadt, die Gefangenen
waren aber auch zur Zwangsar­beit in den Heinkel-Flugzeug­w­erken und in den
Auer-Werken einge­set­zt, wo sie unter anderem Gas­masken für die Wehrmacht
her­stellen mußten. Dabei kam es immer wieder zu Kon­tak­ten zwischen
Häftlin­gen und Arbeit­ern — obwohl das streng ver­boten war. 

Und Oranien­burg­er hat­ten immer mal im Lager zu tun, als Handw­erk­er etwa oder
Bauar­beit­er. Die örtliche Bäck­erei und die Druck­erei arbeit­en für das Lager.
Bis zu vier Besucher­grup­pen pro Wochen wur­den hin­durch geführt, die
Finan­za­kademie Berlin-Tegel unter­nahm gar regelmäßig ihren Betriebsausflug
dor­thin. “Jed­er Oranien­burg­er wußte, daß es ein KZ gab und daß es den
Häftlin­gen dort nicht gut ging”, sagt Gün­ter Morsch, Leit­er der Gedenkstätte
Sach­sen­hausen. Die Stadt wußte Bescheid, spätestens, seit durch die
Ver­bren­nung der Leichen 12 000 sow­jetis­ch­er Kriegs­ge­fan­gener im Herb­st 1941
wochen­lang beißen­der Qualm in der Luft hing. Zwei Fälle sind dokumentiert,
wo SS-Leute Gefan­gene in aller Öffentlichkeit erschossen. 

Doch die meis­ten Oranien­burg­er hörten, sahen, rochen und fühlten lieber
nichts. “Der SS ist es gelun­gen, sich hin­ter einem schö­nen Pro­pa­gand­abild zu
ver­steck­en”, sagt Morsch. Sie sam­melte fürs Win­ter­hil­f­swerk, ihr Musikkorps
gab regelmäßig Konz­erte in der Stadt, die SS-Fußball­mannschaft trat gegen
örtliche Vere­ine an, es gab eine Fülle von Anweisun­gen, wie ein SS-Mann
außer­halb des Lagers aufzutreten hatte. 

Anson­sten gren­zte sich das Lager ab. Es gab Ver­bote für Pas­san­ten, an
Lagerza­un oder ‑mauer ste­hen zu bleiben, auch der Blick hinein, von
bes­timmten Häusern aus möglich, war unter­sagt. “Dies und die gelun­gene PR,
die sug­gerierte, die SS sei gut, und im KZ säßen ohne­hin nur die Verbrecher,
bot allen poten­tiellen Weg­guck­ern die Chance, dies auch zu tun”, urteilt
Morsch. Auch in der Dik­tatur könne jed­er Men­sch entschei­den, ob er hinguckt
oder wegsieht. 

In der Gedenkstätte Sach­sen­hausen ist zu dem The­ma die neue Dauerausstellung
“Die Stadt und das Lager” eröffnet wor­den (dien­stags bis son­ntags, 8.30 bis
16.30 Uhr).

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