6. März 2003 · Quelle: Frankfurter Rundschau

Die Zahl der Todesopfer rechtsextremer Gewalt ist erneut gestiegen

Men­schen­ver­ach­tung als Mord­mo­tiv

 

Die Zahl der Todes­opfer rechter Gewalt, die seit der deutschen Vere­ini­gung zu bekla­gen sind, steigt weit­er. Min­destens 99 Men­schen kamen ums Leben, weil ihnen recht­sex­treme Schläger das Exis­ten­zrecht absprachen. Zum
drit­ten Mal legt die Frank­furter Rund­schau mit dem Tagesspiegel das Ergeb­nis ihrer Recherchen vor.

 

Im Sep­tem­ber 2000 wur­den 93 Migranten und Deutsche genan­nt, die seit 1990 getötet wur­den. Bis zum Okto­ber 2001 stieg die Zahl der sicheren Fälle auf 97. Jet­zt beste­ht Gewis­sheit in zwei weit­eren Todes­fällen. Die reale Zahl
der Opfer recht­sex­tremer Gewalt ist wahrschein­lich deut­lich höher.

 

Tagesspiegel und FR führen aber nur Tötungsver­brechen als ein­deutig rechte Fälle auf, in denen kein Zweifel am Hin­ter­grund beste­ht.

 

Weit­ere Gewalt­tat­en, bei denen es deut­liche Indizien dafür gibt, wer­den im unten ste­hen­den Artikel als
“Ver­dachts­fälle” beschrieben. Eine der bei­den recht­sex­tremen Blut­tat­en, die im Fol­gen­den skizziert wer­den, der Mord an Willi Worg, ist in unser­er Recherche vom Okto­ber 2001 als “Ver­dachts­fall” aufge­führt wor­den. Aus dem Ver­dacht ist Gewis­sheit gewor­den.

 

Der 17 Jahre alte Mar­i­nus Schöberl wird am 12. Juli 2002 im
bran­den­bur­gis­chen Dorf Pot­zlow von drei jun­gen Recht­sex­trem­is­ten zu Tode gequält. Zunächst schla­gen die Täter, zwei Brüder im Alter von 17 und 23 Jahren sowie ein weit­er­er 17-Jähriger, bei einem Besäuf­nis in der
Woh­nung eines alko­holkranken Mannes auf Schöberl ein. Die Recht­sex­trem­is­ten hal­ten das Opfer für “min­der­w­er­tig” und pöbeln ihn an: “Sag, dass du ein Jude bist.” Schöberl lei­det an Sprach­störun­gen, außer­dem entsprechen seine
Hip-Hop­per­Ho­sen und seine blondierten Haare nicht dem Geschmack der Täter.

 

Die Recht­sex­trem­is­ten flößen Schöberl Bier und Schnaps ein und urinieren auf seinen Kopf und Kör­p­er. Min­destens zwei erwach­sene Augen­zeu­gen beobacht­en die Mis­shand­lung, helfen dem Opfer aber nicht.

 

Schließlich brin­gen die Schläger Mar­i­nus Schöberl in einen
still­gelegten Schweinestall. Schöberl wird weit­er geprügelt und gezwun­gen, in den Rand eines Schweinet­rogs zu beißen. Als Schöberl auf dem Boden liegt, ver­set­zt ihm ein­er der Täter gezielte Tritte an den Kopf. Nach mehr als vier
Stun­den Folter ist Schöberl tot. Die Täter versenken den Jugendlichen in ein­er Jauchegrube. Erst im Novem­ber 2002 wird die Leiche ent­deckt.

 

Die Staat­san­waltschaft Neu­rup­pin hat die Täter wegen Mordes angeklagt. “Das war ein­deutig eine rechte Tat”, heißt es in der Behörde. Ein­er der Täter hat einige Wochen nach dem Mord einen Asyl­be­wer­ber in Pren­zlau zusam­mengeschla­gen.

 

In der Nacht vom zum 25. März 2001 wird der 38-jährige Willi Worg in Milzau (Sach­sen-Anhalt) von fünf jun­gen Män­nern zwis­chen 15 und 24 Jahren vor ein­er Dis­co zusam­mengeschla­gen und getreten. Drei Tage später stirbt er an seinen schw­eren Ver­let­zun­gen. Fast alle inneren Organe im Ober­bauch­bere­ich sind geris­sen. Die Ermit­tlungs­be­hör­den rech­nen drei der Angreifer zur recht­sex­tremen Szene, in der man laut Urteil “recht­sradikale Musik hört und gegen Aus­län­der und Juden” sei. Zwei von ihnen sind wegen
Pro­pa­gan­dade­lik­ten vorbe­straft oder nach dem Jugend­strafrecht ermah­nt wor­den.

 

Die Staat­san­waltschaft Halle spricht von ein­er
“unglaublichen Bru­tal­ität”, mit der die Gruppe agierte. Die Ankläger schlossen einen recht­sex­tremen Hin­ter­grund zunächst aus. Die Anklage lautete auf ver­sucht­en Raub und
Kör­per­ver­let­zung mit Todes­folge. Die Jugend­kam­mer des Landgerichts Halle beurteilte die Moti­va­tion der Täter jedoch anders.

 

Am 13. Novem­ber 2001 wur­den alle fünf Tat­beteiligten wegen Mordes und Bei­hil­fe zu Mord zu Haft- und Jugend­strafen zwis­chen acht und vier Jahren verurteilt. Die Vertei­di­gung hat Revi­sion ein­gelegt. Die Vor­sitzende Rich­terin sagte:
“Erst in der Gruppe, die Gewalt und die Morde der
Altvorderen ver­her­rlicht, beka­men sie die Ein­stel­lung, eine solche furcht­bare Sache zu machen.” Gel­tungs­bedürf­nis und falsch ver­standene Kam­er­ad­schaft, gepaart mit Men­schen­ver­ach­tung und Gle­ichgültigkeit hät­ten zu
der Tat geführt. Der 19-jährige Haupt­täter ließ sich in der
Unter­suchung­shaft ein Hak­enkreuz auf den Bauch tätowieren.

 

Die Autoren danken den Ange­höri­gen der Opfer, dem Antifaschis­tis­chen Pressearchiv und Bil­dungszen­trum e.V. in Berlin, den Press­esprech­ern von Landgericht­en und Staat­san­waltschaften sowie den Archiv­en von FR und
Tagesspiegel für vielfältige Unter­stützung.

 

Rechte Gewalt­täter töteten 99 Men­schen

In Deutsch­land sind seit der Wiedervere­ini­gung min­destens 99 Men­schen durch die men­schen­ver­ach­t­ende Gewalt von Recht­sex­trem­is­ten ums Leben gekom­men, wahrschein­lich sog­ar noch mehr. Das haben gemein­same Recherchen der
Frank­furter Rund­schau und des Berlin­er Tagesspiegel ergeben.

BERLIN, 5. März. Seit 1990 sind deut­lich mehr Men­schen aus
recht­sex­trem­istis­chen Motiv­en getötet wor­den, als es die offiziellen
Sta­tis­tiken erken­nen lassen. Während FR und Tagesspiegel 99 Fälle
aufzeigen,
geht die Bun­desregierung von 39 Todes­opfern aus. “Im Jahr 2002 wurde
kein
vol­len­detes Tötungs­de­likt infolge ein­er extrem­istis­chen Straftat
gemeldet”,
teilt das Bun­desin­nen­min­is­teri­um mit.

Die bei­den Zeitun­gen hat­ten erst­mals 2000 ihre Recherchen unter dem
Titel
“Den Opfern einen Namen geben” vorgelegt. Damals hat­ten sie 93
Todes­opfer
ermit­telt. Ein Jahr später waren vier Fälle hinzugekom­men. Nun muss die
Liste erneut um zwei Namen ver­längert wer­den.

Mar­i­nus Schöberl wurde im Som­mer 2002 im bran­den­bur­gis­chen Pot­zlow von
drei
Recht­sex­trem­is­ten als “Jude” beschimpft und getötet, weil er sich die
Haare
blond gefärbt hat­te und weite Hosen trug. Der Fall wird amtlich nicht
als
recht­sex­trem motiviertes Delikt gew­ertet.

Der Rent­ner Willi Worg wurde im Jahr 2001 in Sach­sen-Anhalt ermordet.
Die
Tat galt zunächst als Raub­mord. Ein Gericht stellte dann aber die
recht­sex­treme Moti­va­tion der Täter fest.

Dies­mal bericht­en FR und Tagesspiegel über sieben neue Ver­dachts­fälle,
in
denen das recht­sex­treme Tat­mo­tiv wahrschein­lich, aber nicht mit let­zter
Sicher­heit zu ermit­teln war. Die Zahl der Opfer kön­nte deswe­gen noch
über 99
hin­aus­ge­hen.

Seit der ersten Veröf­fentlichung der Recherchen haben die Innen­min­is­ter
die
Zählweise geän­dert. Vorher wur­den nur Tat­en als recht­sex­trem­istisch
ver­bucht, mit denen der Angreifer das poli­tis­che Sys­tem der
Bun­desre­pub­lik
umstürzen wollte. Inzwis­chen sollen auch Attack­en angetrunk­en­er
Skin­heads
auf Obdachlose oder Behin­derte als poli­tisch motiviert reg­istri­ert
wer­den.
Polizei und Jus­tizbe­hör­den tra­gen dem jedoch häu­fig nicht Rech­nung.

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