21. Juli 2005 · Quelle: Indymedia

Dorfnazis und was dagegen tun?

Der fol­gende Text wurde von Indy­media kopiert. 


Immer wieder gibt es hier Berichte, dass sich Faschos in Kle­in­städten tum­meln, da offen rum­laufen und ihr Unwe­sen treiben. Wie ist nun damit umzuge­hen, welche Lösun­gen gibt es und wie ist all­ge­mein ein­er immer mehr in die Öffentlichkeit getra­gene Faschome­i­n­ung beizukommen. 

Mal ganz davon abge­se­hen, ob nun diese oder jene Geschichte stimmt, gibt es solche Sachen. Diese Vor­fälle passieren meist nicht in den linken Zen­tren der Großstädte, son­dern eben auf dem Dorf. 

Hier in mein­er unmit­tel­baren Umge­bung faengt das schon an. Ich kann mich an einen Artikel erin­nern, wo ca. 40km ent­fer­nt sich jeden Tag Nazis (20–30) in einem Freibad tum­meln. Sie stellen ihre faschis­toide Ein­stel­lung offen zur Schau, durch Tra­gen von Klam­ot­ten, Schwarz-weiß-rote Bade­tüch­er usw. Links oder “aus­ländisch” ausse­hende zumeist Jugendliche sind dann auch davon betrof­fen. Diese Leute machen eine Art Sicher­heits­di­enst in eigen­er Regie. Alle die nicht in ihr Welt­bild passen haben im Freibad nix zu suchen. Ob es Über­griffe gab weiß ich nicht; ist auch für die weit­ere Betra­ch­tung rel­a­tiv egal. 

Viele Kom­mentare auf Artikel dieser Art heißen dann, grün­det eine Antifa, oder haut die Spack­en um, oder irgen­deine andere idi­o­tis­che Theorie. 

Nun aber mal eine Frage… wie löst man als Linke auf solchen Dör­fern diese Situationen? 

Eine Demo ver­anstal­ten ist sicher­lich nicht verkehrt, ändert aber an der Lage nix. Es kom­men für einen Tag Antifas, Linke und andere aus der nahe gele­ge­nen Grosstadt ange­fahren und laufen da dann unter Bul­len­schutz etwas durch die Gegend. Aber selb­st, wenn sie einige der Nazis doch erwis­chen, wird auf diese Gewalt, wieder Gewalt kom­men. Nur diese wird dann an der lokalen Linken in diesem Dorf aus­ge­lassen. Nicht das ich mil­i­tante Aktio­nen mit ein­deutiger Wirkung ablehne, aber hier fehlt dann die Wirkung. 

Nun lungern die Faschos z.B. in der Badeanstalt rum, oder eben wie o.a. vor dem Bahn­hof. Eine klare Lösung, die Nazis von da zu vertreiben, ist meist nicht möglich. Und nun kommt etwas, was hier lei­der kein­er gerne ließt, oder sog­ar als Nazi-Pro­voka­tion aus­gelegt wird, teilweise: 

Wenn man nicht genü­gend linke antifaschis­tis­che Leute hat, kann man eben nicht die Faschos vor dem Bahn­hof vertreiben, son­dern diesen so gut es geht mei­den. Und das ist in vie­len kleinen Städten an der Tage­sor­d­nung. Es gibt fast in jed­er drit­ten Kle­in­stadt die ich kenne einen Naz­i­mob der sich rel­a­tiv frei bewegt. Diese sind — im Gegen­teil zu anders lau­t­en­den Bericht­en — doch gut organ­isiert. Dabei kommt ihnen zu Gute, das sie sich beson­ders gerne anleit­en, organ­isieren, befehli­gen usw. lassen. So kom­men in der o.a. Kle­in­stadt 25–30 lokale Nazis zusam­men. Diese treten auch in dieser Gruppe auf. Zumin­d­est sieht man diese Leute nicht unter 5–10 Leuten in der Stadt. Und nun mal zur Linken in dieser Stadt. Diese ist wahl­los organ­isiert, trifft sich meist in irgen­deinem Jugend­club. Aber selb­st da ist man nicht kom­plett sich­er vor den Faschos. So wurde z.b. 20km von hier ent­fer­nt in ein linkes JZ des öfteren einge­brochen, ein­deutige Parolen an die Wand geschmiert und eben so gut es geht alles zerstört. 

Nun möchte ich nicht jeden Nazi als Über­men­sch darstellen, aber meist sind diese viel “gewalt­geil­er” als eben wir. So laufen in manch­er Kle­in­stadt Schlägertrup­ps durch die Gegend um wahl­los “ver­meintliche Zeck­en oder Kanaken” zu schla­gen und nach ihrem Sprachge­brauch eine “Nation­al befre­ite Zone” einzuricht­en. Dabei gehen sie teil­weise mit äußer­ster Gewalt vor. Das sich in der Linken eben nicht so hirn­lose Schläger tum­meln, son­dern dur­chaus nach­denk­ende Leute, ist nicht nur ein Gerücht, son­dern die pure Wahrheit. Zumin­d­est kenne ich keine Stadt wo Linke sich in Schlägertrup­pen zusam­men­schließen und sinn­los “rechts ausse­hende” Jugendliche zusam­men­schla­gen usw. 

Also wie will die Kle­in­stadtlinke nun auf die Gewalt von rechter Seite reagieren. Sich wehren ist klar, nur lei­der funk­tion­iert das Kräftemessen in diesen Kle­in­städten nicht so wirk­lich. Erstens hat man als eigentlich friedlich­er Men­sch nicht so richtig Lust dauernd Gewalt auszuüben, zweit­ens ist das auch gefährlich, da (zumin­d­est in den mir bekan­nten Städten) die Faschos schlagfer­tiger sind. Das hören zwar viele nicht gerne, ist aber die Real­ität, fragt mal eure Genossen aus solchen Städten. Außer­dem ziehen Faschos gerne in Kle­in­städte, weil sie da anders als in Ham­burg, Berlin, Han­nover usw. die o.b. Vorteile haben. Während sie sich in Grosstädten ver­steck­en müssen auf Grund der schlagfer­ti­gen Antifa und ander­er Link­er Kräfte in großer Zahl kön­nen sie in Kle­in­städten ihr Unwe­sen treiben, und zwar meist völ­lig unge­hin­dert von Antifas, Wider­stand oder “Aus­län­der-Gangs”. Auch die Bullen in Kle­in­städten machen meist nicht viel. Die Faschos wer­den im Stadt­bild akzep­tiert. Die Städte ver­hal­ten sich als ob es diese gar nicht gibt, das schadet ja dem Ort nur. Und solange sich rechte und linke Jun­gendliche hauen, liegt es eben an bei­den. Das es ohne die Faschos gar keine der­ar­tige Gewalt­spi­rale geben würde ist allen Linken klar, wird aber von der Stadt nicht so gese­hen. Es wird auf Dorf­schlägereien ver­harm­lost. Die gab es immer und so schlimm ist das nicht, selb­st früher haben wir uns auch auf den Stadt­festen gehauen, so laut­en dann Kom­mentare der Buerg­er­meis­ter usw… 

Nun aber zurück zur Prob­lem­lö­sung. Schon als ich 1987 15 Jahre alt war, gab es diese Scheiße auch schon. In unser­er Kle­in­stadt trafen sich Faschos vor dem Bahn­hof. Da sich alle ken­nen, auch namentlich, kommt es eben drauf an, wie die Tages­form so ist, ob man ohne Prob­leme an denen vor­beig­ing. Natür­lich hätte ich diese am lieb­sten mal richtig da ver­trieben, was aber anhand kör­per­lich­er und zahlen­mäßiger Unter­legen­heit nicht ging. Auch habe ich viele Jugendliche gese­hen, die sich diesen Faschos anschlossen. Es ging damals nicht so sehr um Ide­olo­gie, son­dern darum sich mit der stärk­sten Gruppe im Dorf anzuschließen. Vielfach ist auch ein Anschluss von nicht so gefes­tigten Jugendlichen vorge­se­hen. Immer­hin ist es für viele eben bess­er sich auch vor den Bahn­hof zu stellen und zu den Starken zu gehören, als vielle­icht noch jeden Tag in die Fresse zu bekommen. 

Die Polizei ist meist unbeteiligt an der ganzen Sache. Wenn jemand den o.a. Artikel als unwahr verurteilt, weil keine Anzeigen erstat­tet wur­den, oder eben keine Presse davon weiß, kann er das gerne tun. Aber ich kann aus Erfahrung sagen, dass vieles aus guten Grund nicht angezeigt wurde. Vielfach sieht man die Faschos jeden Tag, sie wohnen nebe­nan. Die Eltern arbeit­en in der sel­ben Fab­rik und die Schule ist der Platz eines Zusam­men­tr­e­f­fens. Hier aber entzieht sich auch vieles den Lehrern. Erstens weil sie es echt nicht sehen, was im Schul­bus oder auf dem Nach­hauseweg passiert und zweit­ens weil sie es auch nicht sehen wollen, denn es bedeutet eine Auseinan­der­set­zung mit diesem The­ma, was Lehrern auch schw­er fällt, viele wählen deshalb den ein­fachen Weg: wegse­hen. Damit rei­hen sie sich übri­gens nur in die Gesellschaft ein, diese schaut auch lieber weg, wenn sich die Faschos in der Stadt sam­meln: Die tun ja nix. 

Dann gibt es ein noch größeres Prob­lem. Es entse­ht eine Antifa in dieser Stadt, aber diese beste­ht dann nur aus Leuten im Alter von 14–18. Denn die anderen wer­den früher oder später in die Großs­tadt gehen zum Studieren, Aus­bil­dung machen, oder ein­fach nur zum Rumhän­gen. Da entste­hen wun­der­bare Nis­chen­stadt­teile in denen Nazi-Prob­lem beste­ht und auch ich mich — zugegeben — super wohl füh­le. Hier frö­nen wir nun unseren Linken Ide­olo­gien, Lebensweisen usw. Aber nach einiger Zeit hat man den Blick n
ach draußen ver­loren. Ich erwis­che mich oft dabei, das mir eigentlich egal ist, was da draußen so abge­ht, Haupt­sache mein link­er Stadt­teil ist und bleibt ein Biotop in dem ich mich sauwohl füh­le. So jubeln wir über unser nicht vorhan­denes Naziprob­lem. Es ist schon richtig, dass sich keine Nazis in unserem Kiez sehen lassen und sie eben nur 5 Minuten am Bahn­hof ste­hen wür­den. Hier gibt es auch viele ältere Antifas und Linke. Diese sind auch schlagkräftig. Aber was bringt uns die Gewis­sheit, dass sich hier keine sam­meln, wenn 10km weit­er im näch­sten Dorf jeden Tag Faschos ste­hen, weitest­ge­hend unbeobachtet von Stadt­teilan­tifas und Milieulinken (zu denen ich mich auch zäh­le, bevor jemand sich belei­digt fühlt). 

Das Prob­lem ist doch aber ein anderes, es gibt anscheinend ein ruhiges Hin­ter­land, auch wenn wir anderes ver­muten. Ich habe, weil es in der Linken eigentlich ein unaus­ge­sproch­enes The­ma ist, es auch lange ignori­ert, aber nun finde ich man muss es mal ansprechen, weil ein Ver­schweigen nichts bringt. 

Ich habe in den let­zten 2 Tagen mit 3 Leuten gesprochen, die alle aus einem Kaff kom­men. Ein­er davon ist 35, wird zwar in Ruhe gelassen, aber genau neben ihm wohnt ein Fascho, der die Nach­barschaft mit Mate­r­i­al ver­sorgt, seine Scheiß-Musik extra laut andreht, damit es den Genossen nervt. Aber was soll er machen, die Adresse ist nun bei der Antifa und die Bilder auch, aber was soll das brin­gen, wir sam­meln das erst mal nur. Welche wirk­liche Aktion würde denn etwas bringen? 

Flug­blat­tak­tio­nen sind zwar toll, aber erstens inter­essiert es keinen in dem Dorf, den der Fascho ist auch so schlau, dass er den alten Leuten viel hil­ft usw. sich in der Nach­barschaft beleibt macht. Und der passt da bess­er hin, als mein “schmud­deliger Langzeit­stu­den­ten­fre­und”. Dieser wird nun wegziehen, was ich per­sön­lich auch ver­ste­hen kann, aber dabei fiel mir auf, dass das ja keine Lösung ist. Wir fahren auf jede Demo und regen uns auf, dass wir wieder mal nicht an die Nazis ranka­men. Da leben sie ganz unge­niert und kein­er macht was. Ich habe zwar auch keine Lösung für dieses Prob­lem der “recht­en” Kle­in­städte, aber will mal eine Diskus­sion anstren­gen, wie man eben mit solchen Sachen umge­ht, diese sollte aber nicht hier erfol­gen, dass ist ja kein Forum, son­dern in euer­er Antifa, Organ­i­sa­tion, oder son­st was für Zusam­men­schlüssen. Aber genau hier finde ich müssen wir aktiv­er werden. 

Eine Lösung wäre schon mal, bei der Grün­dung von starken Linken Struk­turen in Kle­in­städten zu sor­gen. Gibt es Prob­leme soll­ten diese wenig­stens Kon­takt zu der näch­sten “schlagkräfti­gen” Antifa oder anderen Organ­i­sa­tio­nen haben. Meist wis­sen diese Jun­gendlichen gar nicht wo sie sich im Fall der Fälle Hil­fe holen kön­nen. Wir dür­fen die lokale Antifa in den Dör­fern nicht alleine lassen, was lei­der viel zu oft gemacht wird. Über die Organ­i­sa­tion der Nazis brauche ich ja nix zu sagen, aber es dürfte klar sein, dass diese eine bre­ite Unter­stützung im Umfeld haben, jemand ken­nt immer jemand bei ein­er Kam­er­ad­schaft und diese Faschos kom­men auch mal 50km gefahren um ihren “Kam­eradIn­nen” beizuste­hen. Dazu kommt noch, dass sie eh da wohnen und wir nicht. 

Ich habe nicht viele Lösun­gen parat, aber einen Hin­weis, die Dor­fan­tifas in die szen­emäßi­gen Antifas der Städte inte­gri­eren, so sind sie mit ihren Prob­le­men wenig­stens nicht ganz alleine. Aber ich muss auch sagen, dass dies nicht unbe­d­ingt nicht alle wollen. Auch hier lebt es sich in unserem Stadt­teil ruhig und gut. 

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