17. Mai 2006 · Quelle: Mut gegen rechte Gewalt

England — Deutschland 1:0

(Juri Eber) Noch einen Monat bis zur Fußball­welt­meis­ter­schaft. In Großbri­tan­nies Botschaft erlebte Deutsch­land diese Tage eine erste Nieder­lage im Leis­tungsver­gle­ich. Britis­che Konzepte gegen Ras­sis­mus und Anti­semitismus in Sta­di­en sind sehr viel effizien­ter, als bei uns. 

Am 9. Juli startet die Fußball­welt­meis­ter­schaft in Deutsch­land. Die Polizei bere­it­et sich auf Hooli­gans aus aller Welt vor, die deutschen Fußball­fans auf Men­schen aus aller Welt — mit unter­schiedlichen Schw­er­punk­ten. Wo die einen auf das große Geschäft hof­fen und andere auf schöne Tore, wer­den wieder andere ihre Borniertheit durch ras­sis­tis­che und anti­semi­tis­che Gesänge, Spruch­bän­der und Aufrufe demon­stri­eren. Diese kom­men tief aus der Mitte der Gesellschaft und sind somit auch in der deutschen Fankul­tur fest ver­ankert. Drei Beispiel sind exem­plar­isch dafür, welchen Anfein­dun­gen sich Spiel­er mit migrantis­chem Hin­ter­grund und/oder jüdis­chem Glauben in Deutsch­land aus­ge­set­zt sehen: 

1. Cir­ca 50 Ultra-Fan´s des 1. FC Lok Leipzig bilde­ten kür­zlich beim Sach­sen-Pokal-Spiel zwis­chen der A‑Jugend von Lok Leipzig und dem Lokalri­valen Sach­sen Leipzig ein lebendi­ges Hakenkreuz. 

2. Fans des Energie Cot­tbus zeigten während eines Fußball­spiels ein ca. 4x10m großes Trans­par­ent auf dem in Frak­tur-Schrift “Juden” stand. Das “D” in dem Wort wurde durch das Logo Dynamo Dres­dens erset­zt. Links und rechts des Wortes prangte jew­eils ein David­stern mit den Ini­tialen “DD” (Dynamo Dres­den) im Zentrum. 

3. Ade­bowale Ogung­bu­re, Spiel­er des FC Sach­sen Leipzig wird bei jedem Spiel mit ras­sis­tis­chen Schmähun­gen wie „Drecks-Nig­ger, Affe, Bim­bo und Scheiß-Neger” beschimpft. Beim einem Spiel gegen den Halleschen FC wurde er — von auf den Platz stür­menden Fans des HFC — geschla­gen, bespuckt, gewürgt und getreten. Ein Mit­spiel­er ver­hin­derte schlim­meres und zog ihn in die Umkleidekabine. 

Null-Toleranz-Kultur 

In Eng­land gibt es in den Fankur­ven nur sel­ten diese offe­nen For­men von Ras­sis­mus und Anti­semitismus. Es hat sich eine “Kul­tur der null Tol­er­anz etabliert, die dem kon­se­quent und aggres­siv ent­ge­gen­tritt”, so Lucy Falkn­er von der “Foot­ball Asso­ci­a­tion” (FA) auf ein­er Kon­ferenz am 5. Mai 2006 in Berlin. Organ­isiert wurde sie von der britis­chen Botschaft unter dem Titel “Fußball für alle — Fußball, eth­nis­che Min­der­heit­en und die Welt­meis­ter­schaft” und hat Experten aus Eng­land und Deutsch­land die Möglichkeit geboten Wis­sen und Erfahrun­gen anti­ras­sis­tis­ch­er Arbeit im Fußball auszu­tauschen. Die Ver­anstal­ter meinen, dass “Fußball die Kraft hat, gesellschaftliche Bar­ri­eren zu beseit­i­gen und Men­schen aller sozialen Schicht­en zu inspiri­eren”. Doch es ging nicht nur um Ras­sis­mus. Lucy Falkn­er betonte, dass „auch Homo­pho­bie, sex­uelle Beläs­ti­gung und Anti­semitismus nicht tot­geschwiegen wer­den darf”. 

Bis zu 3 Jahre Haft kann ein Fan in Eng­land bekom­men, wenn er sich diskri­m­inierend ver­hält oder äußert. Aber nicht nur da: wird ein englis­ch­er Fan in Deutsch­land wegen solch­er Delik­te festgenom­men, so hat er sich eben­falls in Eng­land dafür zu ver­ant­worten. Das ist — neben den erwarteten Auss­chre­itun­gen — ein­er der Gründe, weshalb 79 “Bob­bys” (britis­che Polizis­ten) zur WM in Frank­furt, Köln und Nürn­berg einge­set­zt wer­den. Doch nicht nur Eng­land hat reagiert. Die FIFA hat zur WM sog­ar einen neuen Strafenkat­a­log her­raus­ge­bracht. Jet­zt dro­ht Vere­inen, die nicht entsch­ieden gegen Ras­simus in ihren Sta­di­en vorge­hen Punk­tabzug, Platzsper­ren oder sog­ar der Zwangsabstieg.

Und Deutsch­land?

In Eng­land sind Anti­ras­sis­tis­che Ini­tia­tiv­en, wie “Kick it out”, soweit, dass man sich über­legt wie man latente — also im Unter­be­wusst­sein wirk­ende — Ras­sis­men im bzw. mit Fußball über­winden kann. Dage­gen wird “in der deutschen Gesellschaft das Prob­lem des Ras­sis­mus kaum wahrgenom­men und wenn es jemand wahrn­immt, dann sind es antifaschis­tis­che Kampf­grup­pen”, so ein Vertreter des BFC Dynamo. Ini­tia­tiv­en wie “Kick it out” sind in End­land seit 13 Jahren aktiv und bekom­men dabei kon­tinuier­lich finanzielle, wie auch organ­isatorische Unter­stützung von der FA. Dem deutschen Pen­dant, dem Deutschen Fußball Bund (DFB), fließt das Geld nicht so leicht von der Hand. Flut­licht wäre eine Ini­tia­tive die drin­gend Geld benötigt, um kon­tinuier­liche anti­ras­sis­tis­che Arbeit zu gewährleis­ten und mehr zukun­ftsweisende Pro­jek­te wie „Migra­tion und Fußball” zu finanzieren. Das sie kein Geld bekom­men kri­tisiert auch Claude Moraes — Mit­glied des Europäis­chen Par­la­ments: “Die Behaup­tung, dass etwas gegen Ras­sis­mus getan wer­den muss, muss sich mate­ri­al­isieren und da sehe ich die Umset­zung noch nicht.” Der DFB trumpft zwar ab und zu mit kurzen Kam­pag­nen auf — doch kon­tinuier­liche Unter­stützung gibt es nicht. 

1992 organ­isierte der DFB eine Kam­pagne unter dem Mot­to “Friedlich­es Miteinan­der. Mein Fre­und ist Aus­län­der”. Im Zuge der Kam­pagne wurde auch ein 10 Punk­te Pro­gramm gegen Ras­sis­mus, welch­es in Vere­inssatzun­gen über­nom­men wer­den sollte ver­ab­schiedet. Lei­der ist das Pro­gramm nur in weni­gen Vere­inssatzun­gen über­nom­men wor­den, was vor allem an der nicht-langfristig aus­gerichteten Arbeit liegt. So ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass die Unter­stützung des DFB in langjährige anti­ras­sis­tis­che Pro­jek­te, wie Flut­licht oder BAFF eher man­gel­nd ist. Um die Sta­dion­at­mo­sphäre zu ändern muss allerd­ings einiges passieren und, so betont Paul Elliott, ehe­ma­liger Fußball-Profi von Celtic Glas­gow, „bess­er präven­tiv als heilend”.

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