17. Oktober 2003 · Quelle: Tagesspiegel

Erst Gift gegen Bäume, jetzt antisemitische Hetze

Groß Glienicke. Die Pots­damer Polizei ver­sucht, mit ein­er aus vier Beamten
beste­hen­den Son­der­ermit­tlungs­gruppe den Ver­fass­er eines antisemitischen
Het­zblattes aus­find­ig zu machen. Wie berichtet, waren rund um den Groß
Glienick­er See, der auf der Lan­des­gren­ze von Berlin und Bran­den­burg liegt,
Flug­blät­ter verteilt wor­den, in denen jüdis­che Grund­stück­seigen­tümer für
zwei Gif­tan­schläge auf Ufer­bäume ver­ant­wortlich gemacht wer­den. Hin­weise auf
den Ver­fass­er der Zettel und den­jeni­gen, der sie in der Nacht verteilte,
gibt es derzeit nicht. 

Am Mittwoch früh hat­te ein Polizist aus dem Span­dauer Ort­steil Klad­ow auf
dem Weg zur Arbeit das erste der Flug­blät­ter unter dem Scheibenwischer
seines Wagens gefun­den. Er benachrichtigte den Staatss­chutz der Berliner
Polizei, der weit­ere rund 50 der dif­famieren­den Pam­phlete an anderen
Fahrzeu­gen sich­er­stellte. Stun­den später wur­den weit­ere Het­zschriften auf
der Bran­den­burg­er Seite gefun­den — zunächst an der Seep­rom­e­nade in Groß
Glienicke und später auch in Briefkästen der anliegen­den Häuser: “Die Juden
haben sich bre­it­gemacht auf der Glienick­er Seeseite.” 

Der Schreiber wirft den Anwohn­ern vor, sie hät­ten die Bäume vergiftet,
nach­dem mehrere ihrer Baum­fäl­lanträge abgelehnt wor­den seien. Der Groß
Glienick­er Bürg­er­meis­ter, Daniel Dörr, sagte, ihm sei nicht bekan­nt, dass
jemals ein Fäl­lantrag für diesen Bere­ich gestellt wor­den wäre. Auch lebten
einige der in dem Flug­blatt namentlich beschuldigten Anwohn­er schon zu
DDR-Zeit­en in Groß Glienicke, sagte Dörr. In dem Ort werde das Flugblatt
“scharf verurteilt”. 

Im Juli und August war am Bran­den­burg­er Seeufer eine Mis­chung aus
Unkrautver­nich­tungsmit­tel und Dieselöl an die Wurzeln von Bäu­men gekippt
wor­den. Der Täter ist noch immer unbekan­nt, die meis­ten Bäume überstanden
den Anschlag mit der Gift­brühe. Es wurde ver­mutet, dass Anwohn­er hin­ter den
Anschlä­gen steck­ten, denen die Bäume die Sicht auf den See verdeck­en. Nach
der ersten Tat galt für mehrere Tage ein Bade­ver­bot im See. Außer­dem wurden
sicher­heit­shal­ber einige Bäume gefällt — man fürchtete um ihre
Stand­fes­tigkeit nach dem Anschlag. Das zweite Atten­tat über­standen die Bäume
unversehrt.

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