3. Januar 2004 · Quelle: TAZ

Es war der falsche Weg”

Michael sitzt in Bran­den­burg in Haft. Der 21-Jährige war ein bru­taler Schläger in ein­er recht­sex­tremen Clique. Ein Präven­tivpro­jekt im Knast ver­sucht Jugendliche wie ihn mit poli­tis­ch­er Arbeit zu erre­ichen

(TAZ, 3.1., Susanne Sit­zler) Michael ist 21. Er kommt in den Raum, in Jeans und T‑Shirt, als ob es das Nor­mal­ste auf der Welt wäre, im Knast Besuch bekom­men. Sein Händ­e­druck ist
fest. Im Besuch­sz­im­mer ste­hen vier Tis­che, Nelken, ein Aschen­bech­er. Als Michel anfängt zu erzählen, begin­nt sein Fuß nervös zu zit­tern. Und er erzählt, dass er es auch früher nie bemerk­te: wie ihm die Knie zit­terten,
bevor er zuschlug.

Seit einem Jahr sitzt Michael im Gefäng­nis, in ein­er Jugend­haf­tanstalt in Bran­den­burg. Heute ist Zwei-Drit­tel-Tag, der Tag, an dem nur noch ein Drit­tel der Haft vor ihm liegt. Ab heute kön­nte Michael ent­lassen wer­den,
wenn das Gericht es genehmigt. Michael hat einen Antrag gestellt. Er habe viel nachgedacht und wolle ein anderes Leben führen: ohne Saufen. Ohne die Kumpels, mit denen er von Dorffest zu Dorffest zieht, stets auf der Suche
nach ein­er Schlägerei.

Michael sieht aus wie ein harm­los­er Typ, aber er war nicht ger­ade zim­per­lich. Mit den Fäusten oder mit den Springer­stiefeln, seine Opfer schlug er kranken­haus­reif. Er sei kein Ans­tifter gewe­sen, sagt er, aber auch kein­er, der dem Stre­it aus dem Weg ging. Zu den vier Malen, die er seit 1998 erwis­cht wurde, könne man “noch 20 Mal drau­fle­gen”. Michaels Blick schweift ins Leere, er macht eine Pause und spricht dann ganz ruhig: “Ich wurde zu Recht bestraft. Es wurde Zeit, dass ich inhaftiert wurde.”

Als Michael 16 war, fing sein Abstieg an. Der Sport, bis dahin sein größtes Hob­by, inter­essierte ihn nicht mehr. Seine Aus­bil­dung zum Met­all­bauer auch nicht. Er begann zu “gam­meln”, so nen­nt er es heute. Das Wichtig­ste für ihn
waren seine neuen Fre­unde — Kumpels aus der recht­sex­tremen Szene, die er noch von der Schule kan­nte. Michael trug Springer­stiefel und Bomber­jacke, hörte recht­sex­treme Musik, ging zu “Kam­er­ad­schaftsaben­den” und spielte in ein­er Skin­head-Band. Über­all, wo es Ärg­er geben kön­nte, war auch er. Seine Mut­ter wollte keinen Stre­it und tolerierte alles. Der Vater ver­suchte zu disku­tieren, ohne Erfolg. “Die Kumpels waren meine Fam­i­lie.”

Was für eine Art von Fam­i­lie, das begreift er erst spät. Unge­fähr vier Monate vor seinem let­zten bru­tal­en Angriff und der Inhaftierung bekommt er Zweifel an den recht­sex­tremen Parolen. “Ich war schon drei Mal in der
Türkei, da hats mir gefall­en.” Irgend­wie merkt er, dass alles nicht zusam­men­passt. Mit dem Skin­head-Dasein habe er sich in etwas “ver­ran­nt”. Michael wollte nicht rechts sein — Michael wollte zuschla­gen: “Wenn man ein paar Mal geprügelt hat, hat man Lust, das wieder zu machen.” Der Hass, den er spürte, sei in der Szene “immer mehr aufge­bauscht” wor­den in Rich­tung Frem­den­feindlichkeit.
Michael sagt heute: “Das war der falsche Weg”, aber
“wo der Hass herkommt, das weiß ich auch nicht.”

Michaels let­zte Tat: Er war mit Kol­le­gen auf einem Lehrgang. An einem Abend, so erzählt er, habe ihm ein­er der Kol­le­gen Süßigkeit­en geklaut. Wegen dieser Lap­palie kommt es zum Stre­it. Michael wird sauer und will dem anderen “ne
Lek­tion erteilen”. Er ver­set­zt dem Jun­gen einen Schlag, der ihn lebens­ge­fährlich ver­let­zt. Wie es dazu kam, kann Michael nicht erk­lären: “Wenn ich was getrunk­en habe, bin ich nicht Herr mein­er Sinne. Das geht in Sekun­den­bruchteilen, ich weiß nicht, was ich tue. Ich bin so selb­st­gerecht, kann keine Kränkung ertra­gen. Bewusst wird es mir erst, nach­dem es passiert ist.”

Dass Michael heute über seine Schlägerver­gan­gen­heit spricht, ver­dankt er einem Pro­jekt: dem Pro­jekt “Präven­tive Arbeit mit recht­sex­trem­istisch bee­in­flussten Jugendlichen im Strafvol­lzug des Lan­des Bran­den­burg”. Hin­ter
dem sper­ri­gen Titel ver­birgt sich ein bis­lang ein­ma­liger Ver­such in Deutsch­land: Jugendliche im Knast mit poli­tis­ch­er Arbeit zu erre­ichen — in allen Anstal­ten eines Bun­des­lan­des.

Neun Monate war Michael im geschlosse­nen Vol­lzug. “Das ist ver­lorene Zeit. Das bringt nichts, man ist ein­sam und verblödet.” Als er von dem Pro­jekt hörte, war er zunächst skep­tisch. Doch er hoffte, schneller in den offe­nen
Vol­lzug zu kom­men. Seine Moti­va­tion änderte sich bere­its nach dem ersten Tre­f­fen. Die bei­den Train­er waren ihm sym­pa­thisch. Also ist er dabei geblieben.

Mit sieben anderen Häftlin­gen hat Michael an dem Kurs teilgenom­men. “Das Train­ing in der Gruppe ist die wichtig­ste Voraus­set­zung für den Erfolg”, sagt ein­er der Kursleit­er, der Sozialar­beit­er ist. Gegen­seit­iges Ver­trauen
ist die Basis der Arbeit. Reden, reflek­tieren, Gehor­sam­sori­en­tierun­gen hin­ter­fra­gen, Gegen­bilder auf­bauen. Die Jugendlichen ler­nen, über sich nachzu­denken. Und sie haben eine Gruppe, die zuhört. “Das ist für viele eine
ganz neue Erfahrung”. Eines der wichtig­sten Ziele sei, Ver­ant­wor­tung zu übernehmen. Auf Sprüche wie “Wir waren halt betrunk­en” dürfe man sich nicht ein­lassen, erk­lärt der Train­er.

Obwohl Michael in ein­er recht­sex­tremen Gruppe aktiv war, gilt er im Gefäng­nis als “Mitläufer”. Der Kurs richtet sich bewusst nicht an den organ­isierten Kern der Szene. Dieser würde, so die Befürch­tung der Ver­ant­wortlichen, die Runde eher als Plat­tform zur poli­tis­chen Agi­ta­tion
miss­brauchen.

Bei Michael ste­ht die Gewalt­bere­itschaft im Vorder­grund. “Gewalt­täter sind keine Überzeu­gungstäter”, sagt sein Train­er. Deshalb sollen die Jugendlichen
ler­nen, ihre Aggres­sion in den Griff zu bekom­men. Das geschieht in erster Lin­ie durch Gespräche. Wenn die Tat in ihrer Bru­tal­ität nacherzählt wird, ist das für alle Beteiligten oft schw­er auszuhal­ten. Doch nur so könne man
klar machen: Es gibt immer eine andere Möglichkeit — Gewalt geschieht nicht zwangsläu­fig. “Wo ist der Punkt, an dem du aussteigen kön­ntest?” Das ist seine Frage.

Auch Michael hat nachgedacht. Über sich und wie er bru­tal Men­schen zusam­men­schlug. Dass ihm jedes Mal die Knie zit­terten, das ist für ihn kein belan­glos­es Detail, son­dern ein Stro­hhalm: “Meine Kör­persig­nale sind mir nie
bewusst gewe­sen, jet­zt kann ich vielle­icht im richti­gen Moment sagen: Halt ich muss vor­sichtig sein!”

Das let­zte Mal, als er am Woch­enende draußen war, habe es wieder irgend­wo eine Schlägerei gegeben. Er habe sich “weggestellt und auch nicht hingeguckt”. Ein klein­er Schritt in die richtige Rich­tung. Ein Anfang. Ob
Michael es auf lange Sicht schaf­fen kann, weiß er nicht. Da gibt es immer noch die alten Kumpels, da gibt es Alko­hol. Sein Train­er glaubt an ihn: “Michael hat den größten Schritt nach vorne gemacht.” Doch Michael sagt:
“Ein biss­chen Angst hab ich schon. Ich weiß nicht, ob es auf Dauer klappt.” Jeden­falls hat er bessere Chan­cen als andere. Er wird wieder in seinem Betrieb arbeit­en kön­nen. Seine Eltern ste­hen hin­ter ihm. “Wenn ich die nicht
hätte, wärs mir egal — dann hätte ich nix mehr zu ver­lieren.”

Und was ist mit den Opfern? Darüber kann Michael nicht reden. Er schweigt. Mit­ge­fühl zeigen ist eine Übung, die noch vor ihm liegt. Weil die “eigene Opfer­per­spek­tive ver­drängt wird”, sagt der Sozialar­beit­er, sei es für die
Jugendlichen schwierig, “andere als Opfer zu erken­nen”. Auch nach fast einem Jahr Train­ing ist kein­er voll­ständig geläutert. Im Knast wird aufge­fan­gen, aufgear­beit­et, aufge­baut. Die echte Prü­fung ste­ht noch bevor.

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