7. Dezember 2004 · Quelle: MAZ

Experiment mit Hitler

(MAZ, 6.12., Peer Straube) BABELSBERG Olli Dit­trich gibt mit schnar­ren­dem Rrr den “Führer”. Christoph
Maria Herb­st alias But­ler Hatler macht in der Edgar-Wal­lace-Par­o­die “Der
Wixxer” mit aus­gestreck­tem rechtem Arm mor­gendliche Dehnübun­gen. Dirk Bach
spielt Eva Braun.

Drei Auss­chnitte aus Fernsehs­ketchen und Kinofil­men flim­mern an diesem
Sonnabend­nach­mit­tag über die Wand in einem kleinen Raum im drit­ten Stock der
Hochschule für Film und Fernse­hen (HFF). Es ist ein Exper­i­ment. Fünf
Medi­en­wis­senschaftsstu­den­ten haben per Inser­at zehn Proban­den ein­ge­laden.
Zwis­chen 15 und 70 Jahre sind die Teil­nehmer alt. Das Pro­jekt nen­nt sich
“Holo­caust-Darstel­lun­gen in den Medi­en — wo liegen die Gren­zen des guten
Geschmacks?”

Drei Auss­chnitte, jede eine Par­o­die auf Adolf Hitler, den größten Ver­brech­er
der Men­schheits­geschichte. Kann man, ja, darf man über Hitler lachen? In dem
kleinen Raum zumin­d­est tut es nie­mand. “Geschmack­los”, urteilt ein Mann
mit­tleren Alters. “Ver­harm­lo­sung”, ruft eine Frau. “Nicht witzig”, find­et
ein Mäd­chen. “Das ist zeitlich noch viel zu nah”, gibt eine Frau zu
bedenken. Erstaunt reg­istri­eren die Stu­den­ten den gen­er­a­tionsüber­greifend­en
Kon­sens.

Dann wird eine Car­toon-Serie gezeigt. Wal­ter Moers “Adolf” und Bilder aus
“Der Führer pri­vat” von Ex-Titan­ic-Zeich­n­er Achim Greser. Man hört ein
leis­es Kich­ern. Also doch. “Das ist intelek­tueller, nicht so platt wie bei
Dirk Bach”, sagt ein Mann. Aha, auf die Qual­ität des Humors kommt es an.
Eine Frau wider­spricht. “Hitler schließt Komik generell aus. Angesichts der
Opfer kann man niemals darüber lachen.”

Weit­ge­hende Zus­tim­mung erfährt dage­gen eine vor Jahren heiß umstrit­tene
Wahlwer­beak­tion der nor­drhein-west­fälis­chen FDP. Der dama­lige
Spitzenkan­di­dat Jür­gen W. Mölle­mann warb mit groß­for­mati­gen Fotos von
Hitler, dem Sek­ten­führer Bhag­wan und dem Kinoschlitzer Fred­dy Kruger für
eine neue Schulpoli­tik: Darunter prangte der Slo­gan: “Wenn wir nicht schnell
für mehr Lehrer sor­gen, suchen sich unsere Kinder sel­ber welche.” Pro­vokant,
aber zuläs­sig, urteilen die meis­ten. Eine Kam­pagne der
Tier­schut­zor­gan­i­sa­tion Peta, die auf einem Plakat KZ-Häftlinge ein­er
Hüh­n­er-Leg­e­bat­terie gegenüber­stellt, find­et keine Gnade.

“Auf­schlussre­ich und inter­es­sant”, lautet hin­ter­her eine erste Bilanz der
Stu­den­ten. Den Ver­lauf der Diskus­sion hat­ten sie sich trotz­dem anders
vorgestellt. Zumin­d­est bei der satirischen Auseinan­der­set­zung mit Hitler, so
die Pots­damerin Maren Gäbel, habe man von den Jün­geren doch eher eine
lock­erere Ein­stel­lung erwartet.

Als repräsen­ta­tiv darf die Mei­n­ung der Teil­nehmer wohl eher nicht gel­ten.
Ger­ade die Gen­er­a­tion der Enkel und Urenkel ent­deckt Hitler zunehmend als
Witz­fig­ur und set­zt sich auf diese Weise mit dem The­ma auseinan­der.

Im Jan­u­ar wollen die Stu­den­ten eine Col­lage aus den gezeigten Auss­chnit­ten
und den Reak­tio­nen der Teil­nehmer im Inter­net präsen­tieren.

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