21. November 2001 · Quelle: Ruppiner Anzeiger

Freie Heide: Eklat bei Anhörung in Wittstock

WITTSTOCK Das erste Anhörungsver­fahren zum Schieß­platz Kyritz-Rup­pin­er Hei­de endete gestern im Witt­stock­er Rathaus mit einem Eklat. Als Bun­dewehrof­fiziere einen Wer­be­film der Stre­itkräfte vorf¨¹hrten, ver­ließen die Vertreter der Gemein­den nahezu geschlossen die Anhörung. Das teilte Lan­drat Chris­t­ian Gilde (SPD) dem RA mit. Zuvor hat­te bere­its der Anwalt der B¨¹rgerinitiative Freie Hei­de, der Berlin­er Recht­san­walt Dr. Rein­er Geulen, gefordert, das Anhörungsver­fahren einzustellen. Geulen begr¨¹ndete seinen Antrag damit, dass die Bun­deswehr bish­er nicht nachgewiesen hat, welche Flächen in der Hei­de ihr tat­säch­lich gehören. Zudem kri­tisierte er, das die Bun­deswehr den Anrain­erge­mein­den des Schieß­platzes f¨¹r das Anhörungsver­fahren nur unzure­ichende Unter­la­gen zur Verf¨¹gung gestellt hat.
Eine weit­ere Anhörung soll heute in Neu­rup­pin stat­tfind­en.

Polit­plakat und Bibelvi­sion

Anhörung: Pro Bun­deswehr und Freie Hei­de waren auf Witt­stock­er Markt präsent

WITTSTOCK “Scharp­ing, schick?Soldaten her, Witt­stock braucht die Bun­deswehr”, forderte ein Plakat. Daneben flat­terte ein Trans­par­ent mit der bib­lis­chen Vision, “Schw­ert­er zu Pflugscharen.”
Vertreter der Ini­tia­tive Pro Bun­deswehr und der B¨¹rgerinitiative (BI) Freie Hei­de standen sich gestern auf dem Mark­t­platz Auge in Auge gegen¨¹ber. Die erste Anhörung zum Truppen¨¹bungsplatz nutzten bei­de Seit­en, um ihren Stand­punkt öffentlich darzustellen.
Rein zahlen­mäßig besaß die Freie Hei­de ein­deutig das Übergewicht. Die Anhänger von Pro Bun­deswehr hat­ten allerd­ings zwei Gestelle mit Losun­gen optisch wirk­sam vor dem Rathaus postiert. Bun­deswehr und Touris­mus — kein Prob­lem, ver­sicherte eines ihrer Plakate. Inge und Wil­helm Hoff­mann aus Preußisch Old­en­dorf in West­falen sahen das anders. Wenn hier ein Bomben­ab­wurf­platz ein­gerichtet werde, w¨¹rden sie Witt­stock nicht mehr besuchen, so das Rent­nere­hep­aar. Auch Rein­er Kruse aus Ganz bei Herzsprung glaubt nicht daran, dass sich Touris­mus und Bun­deswehr miteinan­der ver­tra­gen w¨¹rden. Er habe in Ganz ein größeres Anwe­sen gekauft, das er später touris­tisch nutzen wolle. “Aber wenn die Berlin­er mit­bekom­men, das sie mit Fluglärm kon­fron­tri­ert sind, rechne ich mir keine Per­spek­tive aus”, sagte Kruse.
Horst Bred­low aus Bas­dorf ist strikt gegen die Bun­dewehrpläne. “Die wollen uns zur¨¹ckbomben in die Russen­zeit”, glaubt er. Damals seien die Jagdbomber Tag und Nacht ¨¹ber die Däch­er des Dor­fes gedröh­nt. Nicht mal zu Wei­h­nacht­en hät­ten die Snow­jets den Flug­be­trieb eingestellt. “Als meine Kinder noch klein waren, kamen sie manch­mal weinend ange­laufen, wenn die Bomben oder Granat­en zu nahe an unserem Dorf explodierten. Sie hat­ten solche Angst” erin­nert sich Bred­low. Er sei trotz Stasi¨¹berwachung am 9. Novem­ber 1989 mit anderen Bas­dor­fern zur großen Demon­stra­tion nach Berlin gefahren, “weil wir das in unserem Dorf nicht mehr aushal­ten kon­nten”.
Poli­tis­che Unterst¨¹tzung darf der Bas­dor­fer von Moni­ka Böhme und Johannes Oblas­ki erwarten, die als Vertreter der Großge­meinde Tem­nitzquell zur Anhörung nach Witt­stock gekom­men waren. Tem­nitzquell wende sich geschlossen gegen jegliche Schieß­platz-Pläne, ver­sicherten die Gemein­deräte.
Während sich die Anhänger der Freien Hei­de auf dem Platz vor dem Rathaus zu einem Kreis formierten, flat­terten vom Balkon bunte Flug­blät­ter. Auf einem stand zu lesen: “Das sagt mal später Euren Kindern, die Freie Hei­de wollt´s ver­hin­dern: Die riesige Investi­tion im Umfang hun­dert­er Mil­lio­nen”. “Euch gehts nur ums Geld” ruft eine Anhän­gerin der Freien Hei­de empört zum Balkon hin­auf.
Poli­tis­chen R¨¹ckhalt find­et Pro Bun­deswehr beim Witt­stock­er B¨¹rgermeister Lutz Schei­de­mann (FDP). Der zählt auf, was er sich von der Armee erhofft: Eine Gar­ni­son mit etwa 800 Sol­dat­en, dazu etwa 150 Zivilbeschäftigte, Investi­tio­nen im Umfang von rund 120 Mil­lio­nen Mark sowie 400 bis 600 Arbeit­splätze f¨¹r zehn bis zwölf Jahre f¨¹r die von der Bun­deswehr angek¨¹ndigte Beräu­mung des Schieß­platzes von Blind­gängern. Schei­de­mann f¨¹hlt sich durch den Aus­gang der B¨¹rgermeisterwahl in der Doss­es­tadt am 11.November bestätigt. Mit 53,16 Prozent der Wäh­ler­stim­men hat­te sich der Amtsin­hab­er, der sich im Wahlkampf f¨¹r den Truppen¨¹bungsplatz aussprach, klar gegen die Konkur­renten durchge­set­zt. Mit­be­wer­ber Pierre Schw­er­ing, der sich eben­so ein­deutig gegen den Schieß­platz aus­ge­sprochen hat­te, blieb mit 26,93 Prozent Stim­menan­teil hin­ter Schei­de­mann zur¨¹ck. “Witt­stock hat gewählt: Bun­deswehr”, verk¨¹ndete denn auch ein Trans­par­ent, das Anwohn­er an einem Balkon gegen¨¹ber dem Rathaus befes­tigt hat­ten. Während der Neu­rup­pin­er Hei­de-Aktivist Wolf­gang Freese ¨¹ber seine Ver­stärk­er­an­lage den Mark­t­platz mit ohren­betäuben­dem Fluglärm erf¨¹llte, begaben sich um 14 Uhr die Vertreter der Gemein­den und der Bun­deswehr zur Anhörung ins Rathaus. Die Dien­ste der Polizei, die vor­sor­glich mit eini­gen Uni­formierten vor Ort war, wur­den nicht gebraucht.
Heute wird es in Neu­rup­pin eine weit­ere nichtöf­fentliche Anhörung geben. Sie begin­nt um 13 Uhr im Neuen Rathaus.

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