17. Januar 2003 · Quelle: Berliner Zeitung

Gedenkstätten gelten im Westen als Vorbild

(Mar­tin Kles­mann) ORANIENBURG. Gut 3,7 Mil­lio­nen Men­schen haben in den ver­gan­genen zehn Jahren
die bran­den­bur­gis­chen KZ-Gedenkstät­ten Sach­sen­hausen, Ravens­brück, das
ein­stige Zuchthaus in Brandenburg/Havel und die Todes­marsch-Gedenkstätte im
Below­er Wald besucht. “Dies ist dur­chaus rel­e­vant für die internationale
Bedeu­tung Bran­den­burgs”, sagte Gün­ther Morsch, der Direk­tor der Stiftung
Bran­den­bur­gis­che Gedenkstät­ten, am Don­ner­stag in Oranienburg.
Nach Ansicht Morschs haben sich die ost­deutschen Gedenkstät­ten in den
let­zten zehn Jahren sog­ar zum Motor ein­er neuen Erinnerungskultur
entwick­elt. Endlich hät­ten alle Opfer Erwäh­nung gefun­den — auch die
Kriegs­ge­fan­genen, die Homo­sex­uellen und die Opfer des Stal­in­is­mus nach 1945.
Von neuer Qual­ität sei auch, dass die Gedenkstät­ten nach der Wende als
zei­this­torische Museen konzip­iert wor­den seien, sagte Morsch. Über­reste des
Lagers seien freigelegt, saniert und bewahrt, ins­ge­samt rund 25 Millionen
Euro ver­baut wor­den. Anders in der alten Bun­desre­pub­lik, dort sei etwa ein
erhe­blich­er Teil des KZ Flossen­bürg nach 1945 abgeris­sen wor­den. Zudem habe
die Stiftung zeit­genös­sis­che Gegen­stände von Über­leben­den der Lager
gesam­melt. Und auch die wis­senschaftliche Forschung vor Ort sei wieder
möglich. Anders als zu DDR-Zeit­en: “Damals hat das Zen­tralkomi­tee sogar
beschlossen, dass in Ravens­brück und Sach­sen­hausen nicht geforscht werden
darf.”
In der DDR seien die Gedenkstät­ten als “Tem­pel des Antifaschis­mus” ohnehin
poli­tisch instru­men­tal­isiert wor­den. Spät­folge dieser “Erblast des
DDR-Antifaschis­mus” sei, dass heute noch die Opfer des sowjetischen
Spezial­lagers in Sach­sen­hausen “pauschal als Nazis diskri­m­iniert” würden.
Morsch forderte zugle­ich ein stärk­eres Engage­ment der Gesellschaft gegen den
Recht­sex­trem­is­mus im Land. Im Sep­tem­ber 2002 hat­ten Recht­sex­trem­is­ten einen
Bran­dan­schlag auf die Todes­marsch-Gedenkstätte Below­er Wald bei Wittstock
verübt. “Wir haben dafür gesorgt, dass dieser aktive Gedenko­rt nicht
geschlossen wer­den musste.”
Derzeit bere­it­et die Stiftung eine Ausstel­lung über poli­tis­che Häftlinge in
Sach­sen­hausen vor, die in den Nachkriegs­jahren höch­ste poli­tis­che Ämter in
Europa aus­füll­ten. Im früheren Frauen-KZ Ravens­brück ste­hen 2004 die
SS-Auf­se­herin­nen im Mit­telpunkt ein­er Ausstellung.
Morsch zeigte sich zuver­sichtlich, dass seine Stiftung trotz der leeren
Lan­deskasse von Spar­maß­nah­men ver­schont bleibt. Seit Jahren erhält die
Stiftung jährlich rund 5,3 Mil­lio­nen Euro, jew­eils zur Hälfte von Land und
Bund.

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