6. September 2004 · Quelle: Mut gegen rechte Gewalt

Gegen Neonazi-Strukturen und Asylpolitik

(Anna Blume und Ralf Fis­ch­er, Mut gegen rechte Gewalt) In bran­den­bur­gis­chen Hen­nigs­dorf bei Berlin wird am Fre­itag, den 03. Sep­tem­ber, um 18 Uhr gegen Ras­sis­mus demon­stri­ert. Die Ini­tia­torIn­nen der Demo erzählen im Inter­view, warum sie dies zum drit­ten Mal für nötig eracht­en und wie sich die lokale recht­sex­treme Szene entwickelt. 

Mile­na Hilde­brandt und Ste­fan Tschir­switz sind zwei der Organ­isatoren und Organ­isatorin­nen der diesjähri­gen Anti­ras­sis­mus­de­mo in Hennigsdorf. 

Wie würdet ihr die Sit­u­a­tion in Hen­nigs­dorf beschreiben? 

Mile­na: Auch wenn die Nazis hier keine fes­ten Tre­ff­punk­te haben, gibt es trotz­dem eine nicht zu unter­schätzende Gefahr, Opfer von Über­grif­f­en zu wer­den. So kann es schon mal passieren, dass zwei Nazis an dir vor­bei fahren und sich spon­tan entschließen, dir auf die Fresse zu hauen. Auch wird man öfter angepö­belt und bespuckt. Dies passiert beson­ders häu­fig auf Rum­meln und in Hen­nigs­dorf Nord. Speziell Nord kann auf­grund seines rauen Kli­mas als Angst­zone beschrieben wer­den, die von poten­tiellen Opfern gemieden wird. 

Ste­fan: Nichts desto trotz muss man sagen, dass die Recht­en im öffentlichen Raum weniger präsent sind als im Vor­jahr. Dies liegt aber weniger an einem “Umdenken”, son­dern eher an einem Strate­giewech­sel. Sie leg­en momen­tan mehr wert auf Pro­pa­gan­da. So wur­den im Juni diesen Jahres hier erst­mals Flug­blät­ter mit ras­sis­tis­chen Inhal­ten verteilt und anti­semi­tis­che Parolen gesprüht. 

Am Stad­trand Hen­nigs­dorfs liegt das Asyl­be­wer­ber­heim Stolpe Süd. Durch welche äußeren Bedin­gun­gen ist das Leben der Men­schen dort gekennzeichnet? 

Mile­na: Zum einen bekom­men Asyl­be­wer­ber kein Bargeld, son­dern soge­nan­nte Gutscheine, die einem Wert von 70 bis 80% des Sozial­hil­fe­satzes entsprechen. Mit ihnen müssen sie so gut wie alle ihrer Aus­gaben in speziellen, meist teur­eren Läden bestre­it­en. Asyl­be­wer­ber bekom­men lediglich 40 Euro Taschen­geld pro Monat in bar, dass sie in Läden ihrer Wahl für Dinge ihrer Wahl aus­geben kön­nen. Zum anderen lei­den sie unter der, in Ober­hav­el beson­ders hart durchge­set­zten, Res­i­den­zpflicht. Diese besagt, dass sie den Land­kreis nicht ohne Genehmi­gung ver­lassen dür­fen. Die wird aber vom Lan­drat­samt nur bei Anwalt­ster­mine oder Arztbe­suchen erteilt. 

Neben der Asylpoli­tik werdet ihr auf der Demo den Naziladen “On the streets” the­ma­tisieren. Welche Rolle spielt er eur­er Mei­n­ung nach für die rechte Szene in Hennigsdorf? 

Ste­fan: Der Besitzer des Ladens ist Lars Geor­gi. Dieser betreibt neben dem neon­azis­tis­chem TTV-Ver­sand das Label Wotan–Records, das Bands wie Spreegeschwad­er ver­mark­tet. Zufäl­liger­weise arbeit­et der Sänger dieser Band — Alexan­der Gast — im Laden. Durch den Vertreib von neon­azis­tis­chen Marken wie Mas­ter­race Europe, den Verkauf rechter CDs und das Stellen von Räum­lichkeit­en für recht­sradikale Tre­f­fen bietet der Laden die Struk­tur, die für die Etablierung und Stärkung ein­er recht­sradikalen Szene notwendig ist. 

Ihr habt schon im Vor­jahr eine Demo zur Asylpoli­tik und dem Laden “On the streets” gemacht. Was hat sich seit­dem verän­dert und was hat euch bewogen, diese Demo zu wiederholen? 

Mile­na: Zwar war die Res­o­nanz auf die let­zte Demo äußerst pos­i­tiv und es wurde eine zivilge­sellschaftliche Ini­tia­tive für eine öffentliche Kam­pagne gegen den Laden ges­tartet, aber trotz­dem hat sich an der Sit­u­a­tion der Asyl­be­wer­ber, dem All­t­agsras­sis­mus und dem Prob­lem mit den Nazi-Struk­turen vor Ort kaum etwas verändert. 

Ste­fan: Wir fordern von den Poli­tik­ern vor Ort nicht nur ver­bale son­dern auch struk­turelle bzw. finanzielle Unter­stützung und schließlich politische
Kon­se­quen­zen, die sich aus der Sit­u­a­tion vor Ort ergeben, da dies bis jet­zt nicht geschehen ist, demon­stri­eren wir dieses Jahr wieder. 

Die 3. Antirassismus-Demonstration
startet am
Fre­itag, dem 3. Sep­tem­ber 2004
um 18 Uhr
am KZ-Denkmal
am Bahn­hof Hennigsdorf. 

Mehr im Internet:

www.antirassismuslobby.de.tf

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