8. Mai 2002 · Quelle: taz

Gesichter und Namen statt blinder Flecken

Gesichter und Namen statt blind­er Flecken 

“Anschläge” — eine neue Ausstel­lung am Bauza­un der Topogra­phie des Ter­rors — eröffnet. Sie doku­men­tiert Recht­sex­trem­is­mus und Ras­sis­mus in Deutsch­land seit 1990. 

Auf das Kon­to von Neon­azis gehen über hun­dert Tote
Die Gesichter der drei Män­ner auf den schwarzweißen Fotos am Bauza­un der Topogra­phie des Ter­rors kön­nten nicht unter­schiedlich­er sein. Ein junger Punk im Pro­fil, dem die Haarsträhne übers Auge fällt. Ein 60-jähriger Rent­ner mit sorgfältig ges­tutztem Ober­lip­pen­bart, der dem Betra­chter offen ent­ge­gen­lächelt. Und ein Berlin­er Sozial­hil­feempfänger, dessen skep­tis­ch­er Blick von ein­er wilden Lock­en­mähne einger­ahmt wird. Falko Lüdtke, Hel­mut Sack­ers, Dieter Eich — drei von 119 Todes­opfern rechter Gewalt seit der Wiedervere­ini­gung, die in der gestern eröffneten Ausstel­lung “Anschläge” von Studieren­den der Kun­sthochschule Weißensee doku­men­tiert wer­den. Drei Män­ner, deren Lebens- und Todesum­stände den Vorüberge­hen­den in kurzen Sätzen auf Deutsch und Englisch auf den blauen Tafeln entgegenspringen.

Drei von Neon­azis inner­halb von vier Wochen began­gene Tötungs­de­lik­te aus dem Jahr 2000: Hel­mut Sack­ers wurde am 29. April 2000 im sach­sen-anhaltischen Hal­ber­stadt im Trep­pen­haus eines Plat­ten­baus erstochen. Der engagierte Sozialdemokrat hat­te zuvor die Polizei gerufen, weil der spätere Täter laute Neon­az­imusik, darunter das Horst-Wes­sel-Lied, gespielt hat­te. Knapp drei Wochen später wird am 25. Mai in Berlin-Buch der Sozial­hil­feempfänger Dieter Eich von vier Naziskins in sein­er Woh­nung zusam­mengeschla­gen und erstochen. Als Motiv nen­nen die Täter, die zuvor an Kam­er­ad­schaftsaben­den des notorischen Neon­azis Arnulf Priem teilgenom­men hat­ten, sie woll­ten “einen Assi klatschen”. Sechs Tage nach dem Tod von Dieter Eich wird in Eber­swalde am 31. Mai der 22-jährige Punk Falko Lüdtke über­fahren, als ihn ein Rechter bei ein­er Prügelei auf die Straße stößt. Falko Lüdtke hat­te ihn zuvor wegen des offen­sichtlich­er Hak­enkreuz-Tätowierung ver­bal kritisiert.

“Es geht es darum, dass die Toten namhaft gemacht wer­den,” sagt Andreas Nachama, Leit­er der Stiftung Topogra­phie des Ter­rors. Mit weni­gen Worten span­nt er dann einen Bogen zwis­chen der sich seit nun­mehr sieben Jahren hinziehen­den Auseinan­der­set­zung um die Neugestal­tung der Topogra­phie, deren Fer­tig­stel­lung bis Mai 2005 Nachamas Worten nach erneut gefährdet ist, und dem poli­tis­chen Umgang mit den Fol­gen recht­sex­tremer Gewalt. “Ver­drän­gung, Wegse­hen, an den Rand drän­gen, ver­leug­nen”, sind Nachamas kri­tis­che Stich­worte. “Oft sagen Besuch­er der Topogra­phie, sie hät­ten die Bilder aus der Zeit des Nation­al­sozial­is­mus noch nie gese­hen.” Ähn­lich­es gelte auch für die neuen Bilder, die bis zum 23. Juni gegenüber den früheren Zel­len­baut­en der Gestapo am Bauza­un zu sehen sind. 

Nur bei einem Drit­tel der Opfer rechter Gewalt ist es Ausstel­lungs­macherin Rebbe­ca Forner gelun­gen, Fotos zu find­en. “Blinde Flecke”, doku­men­tiert durch schwarzweiß gerasterte Plat­ten, ver­weisen auf diese Schwierigkeit. Daneben hän­gen Spiegel, verse­hen mit den Unter­schriften “Täter”, “Opfer” und “Zuschauer”, “vor denen sich die Vor­beige­hen­den die Frage stellen kön­nen, welche Rolle sie ein­nehmen kön­nen”, erk­lärt die Stu­dentin der Kom­mu­nika­tion­swis­senschaften. Mit Postkarten aus allen Regio­nen Deutsch­lands, die unter den Fotos der Toten “das Image Deutsch­lands nach Außen” sym­bol­isieren, will Rebec­ca Forner daran erin­nern, “dass die Real­ität rechter Gewalt über­all in Deutsch­land stat­tfind­et”. Andere Aspek­te dieser Real­ität zeigen die Arbeit­en von sechs weit­eren Stu­den­ten und Stu­dentin­nen, die sich mit Ras­sis­mus in der All­t­agssprache, rechter Präsenz im Inter­net, der Berlin­er Flüchtlings- und Aus­län­der­poli­tik und der Angst von Nicht­deutschen in All­t­agssi­t­u­a­tio­nen beschäftigen.
Auch wenn die Sen­atsver­wal­tung für Stad­ten­twick­lung die Ausstel­lung “Anschläge” finanziell fördert: Der Umgang des Berlin­er Sen­ats mit den Todes­opfern rechter Gewalt in der Stadt sei “eine Geschichte der Ver­drän­gung”, sagt ein Sprech­er der Autonomen Antifa Nor­dost. Denn Dieter Eich wird in kein­er offiziellen Sta­tis­tik als Opfer neon­azis­tis­ch­er Gewalt anerkan­nt. Das will ein Bünd­nis aus Obdachlos­enini­tia­tiv­en, Antifa­grup­pen sowie Opfer­or­gan­i­sa­tio­nen ändern. Am 25. Mai, dem zweit­en Todestag von Dieter Eich, rufen sie zu ein­er Demon­stra­tion in Berlin-Buch auf. 

Weit­ere Infos: <a href=“http://www.anschlaege.de/

>http://www.anschlaege.de/


http://www.dieter.eich.de.vu/

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