25. April 2008 · Quelle: Berliner Zeitung

Girl´s Day

POTSDAM. Es ist Girl´s Day. Über­aus entspan­nt ste­ht Dag­mar Ziegler an der Stern­warte des Astro­physikalis­chen Insti­tuts in Babels­berg. Die Bran­den­burg­er Arbeits- und Sozialmin­is­terin freut sich an diesem Don­ner­stag­mor­gen über die vie­len Mäd­chen und jun­gen Frauen, die hier ihre Beruf­schan­cen erkun­den wollen. Und sie freut sich über ihren eige­nen Coup. Zieglers Ankündi­gung, das Min­is­ter­amt aufzugeben, hat viele über­rascht. Und die War­nung der SPD-Poli­tik­erin vor Rot-Rot hat in der Pots­damer Poli­tik ein kleines Beben aus­gelöst.
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Das Zitat ist geset­zt: “Ich kann mir nicht vorstellen, mit Poli­tik­ern am Kabi­nettstisch zu sitzen, die einst für die Stasi als IM gear­beit­et haben.” Auch wenn Dag­mar Ziegler im Nach­hinein rel­a­tiviert, die Bedenken gegen Rot-Rot seien für sie kein zen­traler Grund für den 2009 geplanten Wech­sel in den Bun­destag. Auch wenn sie sagt, sie habe die Koali­tions­de­bat­te nicht anheizen wollen. Sie sagt auch: “Ich will mich noch im Spiegel anguck­en kön­nen.” Das ver­lei­ht ihrem Abgang einen beson­deren Ges­tus.
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Die heute 47-Jährige wurde schon 1990 SPD-Mit­glied. Den merk­würdi­gen Knick in ihrer Vita, als sie 1987 von der Staats­bank der DDR in Leipzig auf den Posten der Ökonomin bei der Land­wirtschaftlichen Pro­duk­tion­sgenossen­schaft (LPG) in Lenzen in der Prig­nitzer Prov­inz wech­selt, begrün­dete Ziegler immer poli­tisch: Sie habe nicht in die SED ein­treten wollen. Deswe­gen habe sie in der Staats­bank keine Zukun­ft mehr für sich gese­hen.
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Später, als Land­tagsab­ge­ord­nete, erst Finanz‑, dann Sozialmin­is­terin in Pots­dam, war Dag­mar Ziegler nicht ein­deutig zu verorten. Wed­er fach­poli­tisch noch als Mah­ner­in gegen einen allzu kusche­li­gen Umgang mit der Linken. Aus der SPD-Land­tags­frak­tion wird all die Jahre über Zieglers man­gel­ndes Pro­fil, aber auch über ihre Empfind­lichkeit geklagt. Sie gilt als sehr schnell belei­digt und über­aus mis­strauisch. Pos­i­tiv beset­zte The­men wie das erfol­gre­iche Net­zw­erk für Gesunde Kinder oder das Bemühen, dem Ärzte­man­gel mit dem Mod­ell Gemein­de­schwest­er zu begeg­nen, wer­den eher Min­is­ter­präsi­dent Matthias Platzeck oder Frak­tion­schef Gün­ter Baaske, Zieglers Amtsvorgänger, zugeschrieben.
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Und auch mit der CDU, beson­ders mit deren dama­ligem Chef Jörg Schön­bohm, legte sich die groß gewach­sene, schlanke Frau schon heftig an. Intern beschimpfte sie Schön­bohm ein­mal als “kranken, alten Mann”. Zer­würfnisse haben bei Dag­mar Ziegler meist per­sön­liche Gründe.
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In der CDU jeden­falls hat das anderthalb Jahre vor den Bun­des- und Land­tagswahlen geset­zte The­ma der Noch-Sozialmin­is­terin ganz viele neue Fre­unde beschert. Nie­mand redet dort über ihre Arbeits­bi­lanz. “Respekt” habe er vor ihrer Hal­tung, betont Gen­er­alsekretär Rolf Hilke und fordert von Regierungschef Matthias Platzeck Klarstel­lun­gen zu Rot-Rot.
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Die Linke ist vom frühen Aus­bruch der IM-Debat­te über­rumpelt. Die führen­den Köpfe der Partei, Frak­tion­schefin Ker­stin Kaiser und Parte­ichef Thomas Nord, waren der DDR-Staatssicher­heit als informelle Mitar­beit­er zu Dien­sten. Sie sind damit offen umge­gan­gen und haben auch immer wieder ihr Bedauern bekun­det. Viele Sozialdemokrat­en haben mit ihrer Vita den­noch ein Prob­lem. Daran ändert auch nichts, dass Platzeck unlängst die Sicht ver­trat: “Wer sich 20 Jahre ern­sthaft bemüht hat, unser Gemein­we­sen zu gestal­ten und die Demokratie voranzubrin­gen, hat ein Recht darauf, dass seine gesamte Lebensleis­tung gewürdigt wird.”
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Thomas Nord hält Ziegler vor, die IM-Debat­te als “faule Ausrede für ihren Rück­zug” zu miss­brauchen. Aben­teuer­lich sei es, wenn führende Sozialdemokrat­en wie sie schon jet­zt begän­nen, ihre Posten zu sich­ern. Ziegler, die ihr Amt als stel­lvertre­tende Lan­desvor­sitzende auf dem Wahlparteitag im August abgeben will, gilt jet­zt als Num­mer zwei auf der SPD-Liste für den Bun­destag. Gle­ich hin­ter dem Spitzenkan­di­dat­en, Bun­de­saußen­min­is­ter Frank-Wal­ter Stein­meier.
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Chris­t­ian Göhrke, par­la­men­tarisch­er Geschäfts­führer der Linken, gibt einen Vorgeschmack, was im Bran­den­burg­er Wahlkampf noch bevorste­ht: “Wer mit ein­er Block­flöte wie CDU-Chef Ulrich Jung­hanns am Kabi­nettstisch sitzt, der noch in den let­zten Tagen der DDR die Mauer vertei­digt hat, sollte sich zurück­hal­ten.”

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