13. Juli 2007 · Quelle: DJB

Große Chance

Am 11.07.2007 haben Jugendliche und junge Erwach­sene der
Hen­nigs­dor­fer Antifaschis­tis­chen Ini­tia­tive (HAI) das seit langem
leer­ste­hende Gebäude ein­er alten Wäscherei in der Innen­stadt besetzt.
Das Demokratis­che Jugend­FO­RUM Bran­den­burg (DJB e.V. ) begrüßt das
Vorge­hen der Ini­tia­tive aus­drück­lich. Das Engage­ment der Mitglieder
bietet der Stadt Hen­nigs­dorf nun eine große Chance, die demokratische
Kul­tur in der Stadt zu stärken. 

Die Beset­zung ist eine Reak­tion auf die seit langem bekannten,
gedulde­ten und über die Stadt­gren­zen hin­aus wahrnehm­baren Zustände in
der Stadt Hen­nigs­dorf. Ger­ade im Bere­ich des Bahn­hofs und der
Innen­stadt ist das Stadt­bild oft­mals geprägt von rechtsextremen
Jugendlichen, die unschw­er an zur Schau gestell­ten Sym­bol­en der
recht­en Szene zu erken­nen sind. Über­griffe auf Aus­län­der und
alter­na­tive Jugendliche ste­hen auf der Tage­sor­d­nung. Der seit Jahren
etablierte rechte Szeneladen “On the Streets” dient dabei auch als
Anlauf­punkt für recht­sex­treme Per­so­n­en aus Hen­nigs­dorf und Umgebung.
Das hohe Poten­tial der recht­sex­tremen Szene in Hen­nigs­dorf zeigte
sich dann auch in den spon­ta­nen und äußerst gewalt­täti­gen Angriffen
von über 30 Recht­sex­tremen auf die Jugendlichen kurz nach der Besetzung. 

„Bei diesen Zustän­den ist es klar, dass es drin­gend nötig in der
Stadt ist, einen Ort zu schaf­fen indem Antifaschismus
selb­stver­ständlich ist“, so ein Sprech­er der Ini­tia­tive. In der
Ver­gan­gen­heit wur­den seit­ens der Ini­tia­tive viele Versuche
unter­nom­men, einen geeigneten Ort in der Stadt zu find­en, in dem
demokratis­che und antifaschis­tis­che Gedanken und Aktiv­itäten ihren
berechtigten Platz haben. 

Die Bemühun­gen der Jugendlichen um einen solchen Ort, sind allerdings
vor­erst gescheit­ert. Im beste­hen­den städtis­chen Jugendzentrum
“Kon­rads­berg” wurde der Ini­tia­tive unter­sagt auf einen Fly­er “Gegen
Nazis” zu schreiben. Sie soll­ten eben­falls dazu verpflichtet werden,
bei ihrer Ver­anstal­tung Per­so­n­en mit bekan­ntem rechtsextremistischen
Hin­ter­grund einzu­lassen. Ein Mitar­beit­er des Jugendzen­trum wird
zitiert mit den Worten: “Wir haben hier im Haus Iran­er, Russen sowie
rechte und linke Jugendliche — alle sind willkom­men”. Dieser
schein­bare Plu­ral­is­mus hat in den ver­gan­genen Jahren in Brandenburg
in vie­len Fällen zur Schaf­fung von Freiräu­men für rechte Jugendliche
geführt. 

Wer die Idylle stört, fliegt raus. Wer sich auf Antifaschis­mus und
Demokratie beruft hat es schw­er. Die Akzep­tanz und Tol­er­anz von
recht­en Jugendlichen in städtis­chen Jugend­clubs ist eine Verfehlung
mit mas­siv­en Auswirkun­gen auf Sozial­räume und das Kli­ma in einer
Stadt. Die Ini­tia­tive hat die einzig richtige Kon­se­quenz gezo­gen und
ver­sucht durch die Schaf­fung von Öffentlichkeit auf dieses Problem
hinzuweisen. Die Forderung nach einem eige­nen Raum und die
koop­er­a­tive Bere­itschaft darüber mit der Stadt zu ver­han­deln sind
vorbildlich. 

Das DJB ist seit 1990 in Bran­den­burg in der Jugen­dar­beit und als
Net­zw­erk­struk­tur viel­er selb­stver­wal­teter Pro­jek­te, Ini­tia­tiv­en und
Jugend­clubs aktiv. Es hat sich gezeigt, dass in Städten, die sich
pos­i­tiv zu ihren alter­na­tiv­en Jugendlichen beken­nen, ein
gesellschaftlich­es Kli­ma der Tol­er­anz und des Miteinan­ders existiert.
Es gibt einen kon­struk­tiv­en Dia­log und damit die Ein­bindung von
Jugend­struk­turen in poli­tis­che Gremien und Entscheidungsprozesse.
Pos­i­tive Beispiele find­en sich beispiel­weise in Straus­berg, Bernau,
Pots­dam oder Neuruppin. 

Städte die ihr Prob­lem mit recht­sex­tremer Dom­i­nanz in der Jugendszene
ver­harm­losen bzw. leug­nen präsen­tieren sich als gefährliche Gebiete
für viele Men­schen unser­er Gesellschaft. Beispiele sind hier Schwedt/
Oder, Anger­münde und Frankfurt/Oder. Ein Kli­ma der Aus­gren­zung sorgt
für Abwan­derung und kul­turelle Verarmung. 

Dem Han­deln nach „Geset­zes­lage“ ste­ht die Möglichkeit eines Handeln
der Nach­haltigkeit und Ver­nun­ft gegenüber. Die Jugendlichen in der
alten Wäscherei sind keine Chaoten, son­dern Jugendliche und Bürger
der Stadt Hen­nigs­dorf, die sich für ihre Freiräume und Interessen
engagieren. Dieses Poten­tial zu nutzen und nicht zu unter­drück­en wäre
ein beispiel­hafter Umgang im demokratis­chen Miteinander. 

Die Stadt Hen­nigs­dorf sollte die Haus­be­set­zung als Chance begreifen,
in einen Diskurs mit den Jugendlichen zu treten und gemeinsam
langfristige Strate­gien zu erar­beit­en, die eine bunte Jugendkultur
fördern und das Erstarken von Ide­olo­gien der Aus­gren­zung verhindern.
Die poli­tis­chen und gesellschaftlichen Kräfte der Stadt sind nun dazu
aufgerufen und gesellschaftlich verpflichtet, die Jugendlichen ernst
zu nehmen, sie vor psy­chis­chen und psy­chis­chen Angrif­f­en durch
Recht­sex­treme zu schützen und diese Gele­gen­heit zu nutzen, den Dialog
und die kon­struk­tive Auseinan­der­set­zung mit aller Kraft zu fördern.
Beteili­gung statt Poli­tikver­drossen­heit, Dia­log statt Aus­gren­zung und
Ver­ant­wor­tung statt Pop­ulis­mus ist das Erfolgsrezept.

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