13. November 2002 · Quelle: Märkische Allgemeine

Halbe: Teilnehmer der Kesselschlacht erinnern sich


Erneut wollen Neon­azis am Volk­strauertag die Toten auf dem Sol­daten­fried­hof in Halbe für ihre Ziele miss­brauchen. Dage­gen protestiert der heute in Berlin lebende Heinz Maether auf seine Weise. Als 17-Jähriger war er bei der Kesselschlacht von Halbe dabei. Maether berichtet darüber, wie es zu diesem Mas­sen­grab kam.

 

 

Wir waren ver­laust und ver­dreckt. Viele hat­ten die Krätze, auch ich. In ein­er Kampf­pause meldete ich mich daher von mein­er Ein­heit ab, um das Lazarett aufzusuchen. Aber es gab so viele Ver­wun­dete, dass eine Behand­lung nicht möglich war. Ich bekam daher auch nicht die übliche Bestä­ti­gung, dass ich tat­säch­lich im Lazarett gewe­sen war.

 

Bevor ich zu mein­er Truppe zurück­kehren kon­nte, set­zten wieder heftige Kämpfe ein. Kom­panien, ja ganze Reg­i­menter gin­gen zugrunde oder wur­den in alle Him­mel­srich­tun­gen ver­sprengt. Jed­er ver­suchte, in Autos und Pfer­dewa­gen unterzukom­men, um der anrück­enden Roten Armee zu entkom­men. Auch meine Kom­panie war nicht mehr auffind­bar. In Steins­dorf (Oder) erfuhr ich schließlich, dass sich Reste der aufgelösten Kom­panie sowie der Reg­i­mentsstab im näch­sten Dorf befan­den.

 

Ein ver­wun­de­ter Sol­dat, dem ich mich anschloss, ging in Rich­tung dieses Dor­fes. Der Weg wurde unter­brochen, weil eine ent­ge­genk­om­mende Wagenkolonne hielt. In einem offe­nen Wagen saß ein Gen­er­al mit seinem Stab und fragte, was wir hier auf der Chaussee zu suchen hät­ten. Der andere Sol­dat, der einen Arm­schuss bekom­men hat­te und im Lazarett medi­zinisch ver­sorgt wor­den war, kon­nte seine Bestä­ti­gung vor­weisen, ich jedoch nicht. Der Gen­er­al pack­te mich und zog mich in sein Auto, fuhr mit mir in ein Haus in Steins­dorf. Dieser Gen­er­al war der Kom­mandierende Gen­er­al der 9. Armee, Theodor Busse. Nach­dem ich ihm die Zusam­men­hänge der Kämpfe und mein Ent­fer­nen von diesem Chaos geschildert hat­te, antwortete er, dies sei nicht stich­haltig, ich wäre geflüchtet. Der Gen­er­al ging in eine Besprechung, kam wieder raus, sah mich und sagte: “Ich werde Sie erschießen.” Er ging zurück in sein Zim­mer und tele­fonierte mit eini­gen Befehlshabern. Durch sein lautes Organ erfuhr ich den Zus­tand der Front. Er war erbärm­lich. Der Gen­er­al schilderte Gen­er­aloberst Heinri­ci die Lage der Front als in Auflö­sung begrif­f­en, mit schw­eren Ver­lus­ten, nicht mehr imstande, größere Kampfhand­lun­gen zu führen, und es dro­he eine Ein­schließung der Armee.

 

Nach diesem Gespräch eilte der Gen­er­al wie ein Wahnsin­niger durch mehrere Zim­mer, sah mich und sprach zum Adju­tan­ten, sie soll­ten mich abführen. Über Nacht war ich in ein­er Sche­une unterge­bracht. Mor­gens wurde ich von der Feld­gen­darmerie — das waren teil­weise fliegende Feldgerichte, Zubringer für Todesurteile — zu meinem Reg­i­mentsstab geführt, der im näch­sten Dorf lag. Der Befehl lautete: Das kriegs­gerichtliche Ver­fahren sei einzustellen, ich soll aber sofort zum Bewährungs­batail­lon im vorder­sten Fron­tein­satz gebracht wer­den. Vorher sollte ich 20 Stock­hiebe wegen ange­blich­er Ent­fer­nung vom Trup­pen­teil erhal­ten. Dies unterblieb aber, weil der Adju­tant, der mir den Befehl zeigte, das unter den Tisch fall­en ließ.

 

So begann der große Marsch über Guben, Müll­rose in Rich­tung Teupitz. Inzwis­chen war die 9. Armee eingeschlossen. Wir wur­den von der Luft­flotte der Roten Armee mit Bomben belegt. Unserem Armee­treck hat­ten sich Zehn­tausende von Flüchtlin­gen angeschlossen: Frauen, Kinder, alte Leute. Wir erfuhren, dass es Auf­gabe war, einen Durch­bruch zu machen, und wur­den dann informiert, dass Berlin fast eingeschlossen wäre und wir zusam­men mit der 12. Armee von Gen­er­al Wenck Berlin ent­las­ten soll­ten. Von dieser Armee hörten wir aber nichts mehr. Wir fan­den uns wieder im Wald und erlebten eine Kanon­ade nach der anderen. Wir ver­loren immer mehr die Ori­en­tierung.

 

Von Befehlen galt nur ein­er: Wir müssen durch. Wir haben die Auf­gabe, Berlin zu ent­las­ten. Wir müssen aber erst den Kessel auf­spren­gen, in dem wir uns befan­den. Das war der große Kessel, wo sich die 9. Armee befand: Teupitz, Halbe, Märkisch Buch­holz. Ich befand mich hin­ter den Panz­ern dieser Armeetruppe. Es hieß auf ein­mal: Alles Stopp! Par­la­men­tär nach vorn! Es war ein Ober­stleut­nant, der auserse­hen war, Ver­hand­lun­gen mit dem Stab der Roten Armee zu führen. Die Russen boten uns an, zu kapit­ulieren und das Leben der Men­schen zu scho­nen. Wir erfuhren das aus einem Gespräch mit einem Begleit­er des Par­la­men­tärs.

 

Nach kurz­er Zeit erfol­gte die Ablehnung von Gen­er­al Busse und der Feuerza­uber begann erneut. Tausende von Men­schen wur­den sinn­los geopfert. Sol­dat­en, Frauen und Kinder star­ben in dieser Feuer­hölle. SS-Ein­heit­en mit Vier­lings­flakgeschützen trieben uns zum Stur­man­griff mit der Andro­hung, uns bei Nicht­be­fol­gung niederzuschießen. Gen­er­al Busse selb­st durch­brach mit über­schw­eren Tiger­panz­ern die Panz­ersperre bei Halbe. Der einzige Betrieb im Ort, ein Sägew­erk, bran­nte lichter­loh. Busses Panz­er durch­brachen die Straße, die voll gestopft war mit Men­schen und Fahrzeu­gen aller Art. Men­schen wur­den wie Brief­marken plattge­walzt. Men­schen­leiber wur­den durch Granat­en zer­ris­sen und in die Luft gewirbelt. Busse kon­nte seine über­schw­eren Panz­er zu den amerikanis­chen Lin­ien durch­stoßen und sich dort ergeben.

 

Die Reste dieser Armee gin­gen jäm­mer­lich in dieser Schlacht zugrunde. 20 000 deutsche Sol­dat­en sind auf dem Fried­hof in Halbe begraben wor­den. Davon wur­den viele Men­schen, die nicht mehr iden­ti­fiziert wer­den kon­nten, in Mas­sen­gräbern beige­set­zt. Die Gesamtver­luste betru­gen weit über 40 000…

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