27. November 2004 · Quelle: Ruppiner Anzeiger

Holocaust-Opfer in Wittstock beleidigt

OSTPRIGNITZ-RUPPIN Der 83-jährige Zeitzeuge Pavel Strán­ský ist am Mittwoch Opfer recht­sradikaler Pöbeleien gewor­den, als er in der Witt­stock­er Gesamtschule über seine Lei­dens-Odyssee durch drei Konzen­tra­tionslager bericht­en wollte. Während eine Schü­lerin seinen Vor­trag demon­stra­tiv durch laute Wortein­würfe störte und von der Lehrerin des Raumes ver­wiesen wurde, drang ein ander­er Schüler in den Raum ein und schrie den Vor­tra­gen­den an: „Du bist ein Jude!“

Strán­ský ist ein­er von weni­gen tschechis­chen Juden, die die Depor­ta­tion in das Ver­nich­tungslager Birke­nau über­lebt haben. Der poly­glotte Prager ist weltweit unter­wegs, um seine Erleb­nisse zu schildern und hat mehrere Schulen in Ost­prig­nitz-Rup­pin besucht. Die Vor­fälle von Witt­stock sind „schmer­zlich“ gewe­sen, sagte Strán­ský den Schülern des Evan­ge­lis­chen Gym­na­si­ums gestern bei sein­er Sta­tion in der Fontanes­tadt.

Die auf­fäl­lige Schü­lerin wolle sich jet­zt kaut Lehrerin Ute Meier, die die Zeitzeu­gen­reise begleit­et, bei Pavel Strán­ský entschuldigen. Gegen den Schüler sei Anzeige erstat­tet wor­den. Polizeis­precherin Beat­rix Kühnbe­stritt dies allerd­ings: „Nach vor­liegen­den Infor­ma­tio­nen lieget eine Anzeige zu solch einem Fall nicht vor.“

Nein, den Glauben an Gott habe ich ver­loren. Das einige woran ich glaube, ist die Liebe.“

Schaut zum Hor­i­zont“, haben Mithäftlinge die Neuankömm­linge im Ver­nich­tungslager Auschwitz-Birke­nau begrüßt. „Seht ihr den Rauch aus dem Schorn­stein steigen? Das ist der einzige Ausweg hier.“ Pavel Strán­ský hat­te Glück. Für ihn sollte es noch einen anderen Weg geben.

Gestern erzählte der Holo­caust-Über­lebende den Schülern des Evan­ge­lis­chen Gym­na­si­ums von sein­er Odyssee durch drei Konzen­tra­tionslager. Es war eine Odyssee der Lei­den, die die etwa zwanzig Schüler des Deutschkurs­es der zwölften Klasse zu hören beka­men: Unvorstell­bare Kälte, steter Hunger und Demü­ti­gun­gen musste Pavel Strán­ský über sich erge­hen lassen.

Mein Vater hat das Unheil kom­men sehen, als die Nazis 1938 unser Land beset­zten“, erzählte der 83-jährige Prager in ein­wand­freiem Deutsch den aufmerk­sam lauschen­den Schülern. Der Vater hin­ter­ließ seinem Sohn Pavel und der Frau nur einen Abschieds­brief und eine leere Schlaftablet­ten­dose. Strán­ský hat­te einen trifti­gen Grund, es ihm nicht gle­ich zu tun, auch wenn 1938 die Repres­salien bere­its unerträglich gewor­den waren. Denn er war ver­liebt. „Wir woll­ten heirat­en“, erzählte er über seine Beziehung zu Vera, eben­falls Jüdin, „und hat­te Eheringe schon gekauft – aus Edel­stahl, Gold ist uns abgenom­men wor­den.“

Im Dezem­ber 1943 wur­den Vera und Pavel, der inzwis­chen Lehrer war, zusam­men mit den Müt­tern nach There­sien­stadt deportiert. Irgend­wann sollte Pavel dem Weg fol­gen, den seine Mut­ter zuvor schon gehen musste – „in den Osten“ wie es damals nur hieß. Vera wollte ihn nicht alleine gehen lassen und sie heirateten in There­sien­stadt. Ohne die Ringe, die Pavel bei sein­er Tante abgegeben hat­te.

Wir wur­den dann in Viehwag­gons gepfer­cht. Es gab nur einen Eimer für die Not­durft. Zwei Nächte und einen Tag lang hat­ten wir nichts zu essen und zu trinken.“ Bar­fuß im Schnee angekom­men gab es „die let­zte Demü­ti­gung“: „Wir beka­men eine Num­mer tätowiert und ver­loren unsere Namen.“ Dass Vera die kar­gen Essen­sra­tio­nen für die Lagerin­sassen austeilte, war ein Glück für bei­de. Sie durfte die Behäl­ter auskratzen, was für sie eine zweite und über­lebenswichtige Ration bedeutete. Strán­ský hat­te außer­dem das Glück, bei ein­er Art Pro­jekt mitwirken zu dür­fen: einem Block für Kinder. „Hier schufen wir eine Märchen­welt. Es war keine schwere Arbeit und wir hat­ten ein Dach.“ Unter anderem probten sie Stücke mit Kindern ein, Stücke voll Hoff­nung uns Opti­mis­mus. Die wur­den vor Nazi-Per­son­al aufge­führt. „Men­gele, der berüchtigte Lager­arzt, nahm danach oft die Kinder auf seinen Schoß“, erin­nerte sich Pavel Strán­ský. „’Nen­nt mich Onkel’, hat er gesagt und sie später ver­gasen lassen.“ Der Arzt spielte auch Schick­sal in seinem Leben.

Als in den let­zten Jahren des zweit­en Weltkrieges immer mehr Juden angeliefert und ver­gast wur­den, wurde Pavel Strán­ský wie einige andere bei einem Lau­fap­pell durch einen kurzen Wink Men­ge­les her­aus­se­lek­tiert: Er kam nach Schwarzhei­de bei Dres­den und wurde Zwangsar­beit­er. Im Mai 1945 über­lebte er den Todes­marsch und lan­dete wieder in There­sien­stadt. Von dort schaffte er den Weg zurück nach Prag.

Auch seine Frau fand den Weg aus Auschwitz her­aus und über­lebte sog­ar eine Typhuskrankheit. Über die Zeit des Holo­caust woll­ten die bei­den bis vor weni­gen Jahren nicht reden. Das er es jet­zt tue, sehe er als „moralis­che Pflicht“, auch wenn es zu einzel­nen Aus­fällen komme. Jüngst erlebte er in Witt­stock etwas, was ihn geschmerzt habe. Die gute Reak­tion der Mehrheit der Schüler darauf habe ihn aber bestärkt.

Die Evi-Gym­nasi­as­ten zeigten sich mit der Deutsch-Lek­türe „Der Vor­leser“ von Bern­hard Schlink im Gespräch gut informiert und inter­essiert. Ihre Fra­gen fokussierten sich auf den Umgang mit der Ver­gan­gen­heit. Wieso hat er beispiel­sweise so lange geschwiegen? „Das Schick­sal der Juden war lange Zeit tabu. Ger­ade meine Frau hat nie ein Wort dazu gesagt. Nicht mal zu unseren Söh­nen.“

Zur Frage, ob das Schick­sal seine Reli­giosität bee­in­flusst habe, sagte er: „Nein, den Glauben an Gott habe ich ver­loren. Das einige woran ich glaube, ist die Liebe.“ Der Ring, den er gestern trug, hat immer noch die Prä­gung „Edel­stahl“.

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