11. Februar 2005 · Quelle: LR

«In Gaskammern verschwunden»

Wer bish­er davon aus­ge­gan­gen war, dass die «Ver­nich­tung leben­sun­werten
Lebens» eine Erfind­ung der Nazis im «Drit­ten Reich» war, der wurde am
Mittwochabend während der Vor­tragsver­anstal­tung «Kinder und Jugendliche in
bran­den­bur­gis­chen Lan­desanstal­ten in der NS-Zeit» mit Dr. Thomas Bed­dies
eines Anderen belehrt. Schon sehr viel früher, nach dem ersten Weltkrieg,
sei darüber nachgedacht wor­den, schein­bar wis­senschaftlich begrün­det, sagte
der Ref­er­ent. Er hielt seinen Vor­trag im Rah­men der Ausstel­lung
«Stolper­steine» im Lübben­er Stadt- und Regional­mu­se­um.

Schüler kamen zu spät

Es war ein ärg­er­lich, dass aus­gerech­net eine Gruppe Schüler um einige
Minuten zu spät kam und früher ging, was vor allem zu Beginn zur
Unter­brechung des Vor­trags und zu einiger Unruhe führte.

Was die doch recht zahlre­ich erschienen Zuschauer anschließend hörten, hat­te
zwar nur am Rande auch mit der Lübben­er Lan­desklinik und ihrer Rolle in der
NS-Zeit zu tun, weil Lübben etwas abseits lag, brachte aber doch
erschreck­ende Erken­nt­nisse über ein dun­kles Kapi­tel deutsch­er Geschichte,
von dem bish­er wenig zu hören war: «Kinder und Jugendliche in der Medi­zin
der NS-Zeit» .

Bed­dies geht davon aus, dass ins­ge­samt 250 000 bis 300 000 psy­chisch Kranke,
geistig Behin­derte und andere ermordet wur­den, darunter auch Tausende
Kinder. Sie seien nicht getötet wor­den, sagte Bed­dies, son­der ermordet. Auch
könne nicht von Euthanasie gesprochen wer­den, weil «Eu» gut bedeute und ein
großes Maß an Selb­st­bes­tim­mung voraus­set­ze. Hier aber seien Men­schen
heimtück­isch umge­bracht wor­den. Sie hät­ten nicht gewusst, was sie erwartet,
als sie «zum Duschen» in die Gaskam­mern geschickt oder medika­men­tös zu Tode
behan­delt wur­den.

Der Ref­er­ent sprach von «Medi­z­in­ver­brechen» , für die es auch in der NS-Zeit
keine Recht­fer­ti­gung in Form von Geset­zen gegeben habe. Lediglich auf ein
Schreiben von Hitler beriefen sich damals die Medi­zin­er. Dort war vom
«Gnaden­tod» für «unheil­bar Kranke» gesprochen und dann sehr rigide aus­gelegt
wor­den.

Trau­rige Höhep­unk­te regel­rechter Aktio­nen sei die Erfas­sung von Kindern mit
erb- und anlagebe­d­ingten Krankheit­en gewe­sen. Rund 100 000 seien erfasst und
etwa 80 000 als heil­bar aus­geson­dert wor­den. Von den restlichen 20 000 seien
die Gutacht­en durchge­se­hen wor­den mit der Über­legung, ob Kinder weit­er­leben
soll­ten. Wer getötet wer­den sollte, wurde in «Kinder­fach­abteilun­gen» von
Kranken­häusern gebracht, wurde nicht oder falsch behan­delt, einige
«abge­spritzt» , wie Bed­dies sagte. 5000 Kinder seien so ermordet wor­den,
sagte er.

Lübben­er in Gaskam­mer

Später, während des Krieges, habe es weit­ere Aktio­nen gegeben. Alle mit dem
Ziel, Platz zu machen in den Kliniken und Lazaret­ten für ver­wun­dete
Sol­dat­en, «unnötige Ess­er kostens­parend zu beseit­i­gen» , wie Bed­dies sagte.
Dafür wurde Gas einge­set­zt. Diese Aktio­nen seien dann Vor­bild für die so
genan­nte «Endlö­sung der Juden­frage» gewe­sen. Es seien, sagte der Ref­er­ent,
auch sehr viele Kinder aus der Lübben­er Anstalt «in den Gaskam­mer
ver­schwun­den»

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