2. Juni 2004 · Quelle: LR

Integrieren statt isolieren

(LR, 1.6.) «Eine Jugen­dini­tia­tive, die fünf Jahre lang das poli­tis­che Kli­ma der Stadt Lauch­ham­mer mit geprägt hat, ver­ab­schiedet sich» , lautet das Faz­it von Vio­la Wein­ert, die als Vor­sitzende von Chill out mit den Jugendlichen durch
dick und dünn gegan­gen ist.

Am 28. Mai feierte der Jugend­club gemein­sam mit seinen Fre­un­den und Förder­ern in der Friedens­gedächt­niskirche das fün­fjährige Beste­hen und gab gle­ichzeit­ig seine Auflö­sung bekan­nt. Der größte Teil der engagierten Jugendlichen hat ger­ade sein Abitur in der Tasche und wird nun wegen eines
Studi­ums, des Zivil­dien­stes oder des Dien­stes bei der Bun­deswehr die Heimat ver­lassen. Vio­la Wein­erts Rück­blick auf das gemein­sam Erre­ichte führt noch ein­mal deut­lich vor Augen, wie wichtig die Arbeit der “Chill outs” für das
poli­tis­che Kli­ma in der Stadt Lauch­ham­mer war.

Chill out ist englisch und bedeutet soviel wie“abhängen” oder “sich entspan­nen”. Doch das ist längst nicht alles, was die couragierten Schüler dieser Ini­tia­tive drauf haben.

Gegrün­det hat­te sich “Chill out” 1999 aus ein­er Hand voll junger Leute, die zu den aus­ländis­chen Bürg­ern ein fre­und­schaftlich­es Ver­hält­nis aufge­baut und deren Sor­gen und Nöte ken­nen gel­ernt hat­ten. Damals woll­ten sich die jun­gen
Lauch­ham­mer­an­er nicht damit abfind­en, dass das Heim im Stadt­teil Süd geschlossen wird und die Betrof­fe­nen nach Bahns­dorf umge­siedelt wer­den. “Weil wir das dor­tige Heim kan­nten, mussten wir etwas unternehmen”, sagen die Chill­ies heute. Also trat­en sie im Kreistag und ver­schiede­nen
Frak­tion­ssitzun­gen der Parteien des OSL-Kreis­es auf, um für die Inter­essen der Asyl­be­wer­ber zu kämpfen. Die Schließung des Heimes in Lauch­ham­mer kon­nten sie den­noch nicht ver­hin­dern. Wohl aber die Umquartierung nach Bahns­dorf. Stattdessen kamen die Aus­län­der nach Sedlitz. Dort waren sie
jedoch auch nicht recht willkom­men. Darum führten die Chill outs viele Gespräche mit den Sedl­itzer Ein­wohn­ern, um sie über die Sit­u­a­tion der Asyl­be­wer­ber aufzuk­lären und von ihren pos­i­tiv­en Erfahrun­gen mit ihnen zu
erzählen. Ihr Slo­gan “Inte­gri­eren statt isolieren” trägt heute Früchte. Denn
nach Aus­sage des Heim­leit­ers gibt es keine nen­nenswerten Prob­leme zwis­chen
den Sedl­itzern und den Bewohn­ern des Asyl­be­wer­ber­heimes. Nicole Pacht­mann
hat durch ihre Mitar­beit in der Jugen­dini­tia­tive ver­schiedene Kul­turen
ken­nen gel­ernt, aber auch viele Infor­ma­tio­nen zum Asyl­recht in Deutsch­land
erhal­ten. “Dadurch füh­le ich mich den Asyl­be­wer­bern gegenüber weniger
hil­f­los”, sagt die Schü­lerin.

Große Unter­stützung fan­den die für ihre her­vor­ra­gen­den Leis­tun­gen mehrfach
aus­geze­ich­neten Jugendlichen beim Heim­leit­er, der zu bericht­en weiß, dass
“für viele Asyl­be­wer­ber die Zeit in Lauch­ham­mer zu den schön­sten Abschnit­ten
ihres Aufen­thalts in Deutsch­land gehört”. Daniel Fol­ly erin­nert sich noch
heute daran, wie sehr die deutschen Fre­unde ihn beim Schreiben und Lesen von
Behör­den­briefen geholfen haben. “Sie unter­stützten mich aber auch beim
Möbel­trans­port. Und wir haben oft zusam­men gefeiert. Es sind meine Fre­unde
gewor­den.” Afghan Abdul Hamid erin­nert sich beson­ders gern an die
gemein­samen Sport­feste. “Sog­ar an ein­er Wei­h­nachts­feier haben wir
teilgenom­men.”

Als Dankeschön bracht­en die aus­ländis­chen Fre­unde einen Tulpen­baum und eine
Mag­no­lie mit. “Zwei exo­tis­che Gewächse, die etwas Farbe ins Land brin­gen.
Denn das braucht unser Land”, unter­stre­icht der Leit­er des Heimes die
sym­bol­is­che Geste.

Noch immer beste­hen die inten­siv­en mul­ti­kul­turellen Kon­tak­te. Regelmäßig
besucht man sich gegen­seit­ig, um über die anste­hen­den Prob­leme zu reden oder
auch um zu feiern. “Das wird auch in Zukun­ft so bleiben”, ist man sich
sich­er. Lei­der hat Chill out große Nach­wuch­sprob­leme und muss sich nun erst
ein­mal auflösen. Aber Vio­la Wein­ert weiß: “Irgend­wann machen wir etwas Neues
mit unseren Jugendlichen.”

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