30. September 2005 · Quelle: Tagesspiegel / MAZ

Lehre statt Studium: Schüler können sich Bildung nicht leisten

Pots­dam — Wer in Bran­den­burg in sozial schwachen Ver­hält­nis­sen aufwächst, studiert nur sel­ten – selb­st im ost­deutschen Ver­gle­ich. Das geht aus der Antwort der Lan­desregierung auf eine Große Anfrage der Links-Frak­tion im Land­tag her­vor. „Ein Studi­um hängt auch hierzu­lande zunehmend vom Geld­beu­tel der Eltern ab“, erk­lärte dazu Peer Jür­gens, der hochschulpoli­tis­che Sprech­er der Links-Frak­tion. Er forderte auch wegen der demografis­chen Entwick­lung eine sozialere Hochschulpolitik. 

Tat­säch­lich heißt es unter Beru­fung auf das bun­desweite Hochschul-Infor­ma­tions-Sys­tems (HIS) in dem Regierungspa­pi­er: „Zugle­ich ist die soziale Selek­tiv­ität der Entschei­dung pro Studi­um in Bran­den­burg deut­lich stärk­er aus­geprägt als in den neuen Län­dern ins­ge­samt.“ Bekan­nt ist, dass weniger Kinder aus sozial schwachen Fam­i­lien Gym­nasien besuchen. Von denen, die es tun, entschei­den sich in Bran­den­burg nach dem Abitur nur 35 Prozent für ein Studi­um. In Ost­deutsch­land sind es 46 Prozent der Abi­turi­en­ten aus sozial schwachen Ver­hält­nis­sen, in den alten Län­dern 56 Prozent, wobei die Dat­en aus dem Jahr 2003 stam­men. Eine Erk­lärung: Die Mehrheit der Bran­den­burg­er Abi­turi­en­ten aus ein­fachen sozialen Ver­hält­nis­sen begin­nt nach dem Abi offen­bar eine herkömm­liche Lehre. Denn die Wirtschaft, mit dem Bil­dungsniveau von Schu­la­bgängern immer noch unzufrieden, zieht für viele Berufe längst Abi­turi­en­ten vor. 

Nur schein­bar ein Wider­spruch: Die Zusam­menset­zung der Bran­den­burg­er Stu­den­ten­schaft spiegelt die soziale Kluft der Abi­turi­en­ten kaum wieder. 11 Prozent der Stu­den­ten kom­men aus niedri­gen sozialen Schicht­en, in Ost­deutsch­land sind es 12 Prozent. Hier wirkt offen­bar aus­gle­ichend, dass jed­er zweite Stu­dent in Bran­den­burg aus einem anderen Bun­des­land kommt. Dazu passt, dass nach ein­er Erhe­bung des Deutschen Stu­den­ten­werks der „Nor­mal­stu­dent“ im Land monatlich über ein pass­ables Einkom­men von rund 701 Euro ver­fügt – was sog­ar über dem Ost-Durch­schnitt von 666 Euro liegt. Der Bun­deswert liegt bei 767 Euro. Den­noch bele­gen auch andere Dat­en, dass der Zusam­men­hang zwis­chen sozialer Herkun­ft und Bil­dung – Experten sprechen von „bil­dungs­fer­nen“ Schicht­en – längst wirkt: 63 Prozent der Studieren­den im Land haben „Abitur-Eltern“, nur sechs Prozent kom­men aus „Hauptschul-Eltern­häusern“.

Hol­ger Drews, Sprech­er des Wis­senschaftsmin­is­teri­ums, ver­wies darauf: Es sei erk­lärtes Ziel der SPD/C­DU-Regierungskoali­tion, dass kün­ftig mehr Schüler in Bran­den­burg – bis­lang ist es etwa jed­er Dritte – das Abitur machen und studieren. 

Geschlossene Gesellschaft an Unis
br>Linkspartei beklagt soziale Selektion

(MAZ) POTSDAM Die bran­den­bur­gis­che Linkspartei-PDS kri­tisiert die soziale Selek­tiv­ität an märkischen Hochschulen. “Lediglich elf Prozent der Studieren­den in Bran­den­burg kom­men aus sozial benachteiligten Schicht­en”, erk­lärte der hochschulpoli­tis­che Sprech­er der PDS-Frak­tion im Land­tag, Peer Jür­gens, gestern vor Jour­nal­is­ten. “Das ist unter dem bun­des­deutschen Durchschnitt.” 

Die Zahlen seien schon seit Jahren kon­stant schlecht. Eine neuere Unter­suchung belege, dass Bran­den­burg die höch­ste soziale Selek­tiv­ität unter kün­fti­gen Studieren­den habe. Jür­gens bekräftige deshalb noch ein­mal die Forderung sein­er Partei, eine vom Einkom­men der Eltern völ­lig unab­hängige Stu­di­en­fi­nanzierung einzuführen. Alle Studierende sollen dem­nach monatlich einen bes­timmten Betrag erhal­ten. Das Risiko, ehe­dem Wohlhabende kön­nten eine solche staatliche Förderung ihrer Kinder zweck­ent­frem­den, sei geringer als die Chance, sozial Schwache zur Auf­nahme eines Studi­ums zu bewe­gen. Eine solche Förderung solle anders als das Bafög kein Kred­it sein, son­dern durch eine so genan­nte Akademik­er­s­teuer beruf­stätiger ehe­ma­liger Hochschu­la­b­sol­ven­ten finanziert werden. 

Ins­ge­samt müssten die Hochschulen mehr Geld bekom­men, um das Ver­hält­nis von Pro­fes­soren und Studieren­den auszu­gle­ichen, so Jür­gens. Geld dazu sei im Prinzip vorhan­den. Nur müsse es zum Beispiel durch eine Ver­mö­genss­teuer entsprechend umverteilt werden. 

Die PDS hat­te Anfang Juni in ein­er großen Anfrage von der Lan­desregierung Näheres über die sozialen, kul­turellen und wirtschaftlichen Bedin­gun­gen für Studierende in Bran­den­burg erfahren wollen. Dass Bran­den­burgs Wis­senschaftsmin­is­terin Johan­na Wan­ka (CDU) vier Monate später 33 Fra­gen über­haupt nicht und einige nur ungenü­gend beant­wortet habe, zeigt nach Ein­schätzung von Peer Jür­gens, dass die Sit­u­a­tion der Studieren­den für die Lan­desregierung “kein The­ma” sei.

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