13. Juli 2007 · Quelle: TAZ

Linke Initiative von Rechten vermöbelt

Linke Jugendliche beset­zen eine leer ste­hen­den Fab­rik in Hen­nigs­dorf. Die Polizei lässt sie gewähren. Aber Nazis greifen das alter­na­tive Jugendzen­trum noch an dem­sel­ben Abend bru­tal an. Stadtver­wal­tung zeigt sich gesprächs­bere­it

Das bran­den­bur­gis­che Hen­nigs­dorf hat seit Mittwoch ein neues Jugendzen­trum — auch wenn das von der Stadt an den nördlichen Stadt­gren­ze Berlins so nicht geplant war. Die Hen­nigs­dor­fer Antifaschis­tis­chen Ini­tia­tive (HAI) hat mit Schülern und Jugendlichen die seit Jahren leer ste­hende Wäschefab­rik in der Nähe des Bahn­hofs beset­zt. Während die Polizei die Beset­zer gewähren ließ, grif­f­en Neon­azis noch am Mittwoch das Haus an.

“Um 21 Uhr beka­men wir einen Anruf, dass sich etwa 30 bewaffnete Neon­azis vom Bahn­hof in unsere Rich­tung bewe­gen”, erzählt Anna Koch, Sprecherin der HAI. “Die Nazis began­nen sofort mit Leucht­spur­mu­ni­tion auf uns zu schießen und Steine zu wer­fen”, so Koch. Die rund 30 verbliebe­nen Besuch­er hät­ten sich im Gebäude ver­schanzt. Erst als die Jugendlichen sich mit Flaschen und Steinen zur Wehr set­zten, hät­ten sich die Recht­sex­trem­is­ten zurück­ge­zo­gen. Ver­let­zt wur­den glück­licher­weise nie­mand.

Die Polizei sei schon nach dem ersten Nazialarm angerufen wor­den. Doch erst nach ein­er Stunde seien vier Beamten ohne Helme gekom­men, kri­tisiert die Sprecherin. Die Polizei bestätigte gestern den Über­fall auf das Jugendzen­trum. Die Angreifer hät­ten sich noch vor dem Ein­tr­e­f­fen der Polizei ent­fer­nt, heißt es in ein­er Mit­teilung. Beamte hät­ten 15 Per­so­n­en der recht­en Szene in der Nähe angetrof­fen, deren Per­son­alien fest­gestellt und ihnen Platzver­weise erteilt.

“Der Angriff über­rascht uns über­haupt nicht”, sagt Toni Peters vom Antifaschis­tis­chen Pressearchiv und Bil­dungszen­trum in Berlin. Das recht­sex­treme Spek­trum in Hen­nigs­dorf sei als äußerst gewalt­bere­it bekan­nt, nur habe es bish­er an möglichen Angriff­spunk­ten in der Umge­bung gefehlt. “Durch den recht­en Szeneladen On The Streets haben auch viele Neon­azis aus dem Umland einen zen­tralen Bezugspunkt in Hen­nigs­dorf”, so Peters.

Für die näch­sten Tage rech­nen die Beset­zer mit weit­eren Angrif­f­en. Trotz­dem wollen sie in dem mar­o­den Haus bleiben. Die Stadtver­wal­tung zeigt sich gesprächs­bere­it. “Wir haben den Jugendlichen vorgeschla­gen, den Besitzer des Haus­es zu kon­tak­tieren”, sagte der Hen­nigs­dor­fer Jugend­beauf­tragte Bernd-Udo Rinas. Auch bei ein­er inter­nen Sitzung mit dem stel­lvertre­tenden Bürg­er­meis­ter sei die Beset­zung The­ma gewe­sen.

“Wir waren schon lange auf der Suche nach einem Ort, um Par­tys und Konz­erte mit antifaschis­tis­chem Anspruch zu ver­anstal­ten”, erzählt Anna Koch. Im beste­hen­den städtis­chen Jugendzen­trum Kon­rads­berg sei antifaschis­tis­che Jugen­dar­beit nicht möglich. Als ihre Gruppe dort im let­zten Jahr eine Par­ty feiern wollte, habe ihnen das Jugend­haus aus­drück­lich unter­sagt “gegen Nazis” auf die Plakate zu schreiben, berichtet Koch. Zudem hät­ten sie auch Neon­azis zur Par­ty herein­lassen müssen. Seit Okto­ber habe die Gruppe erfol­g­los mit dem Jugend­beauf­tragten über ein eigenes Zen­trum ver­han­delt. “Die Beset­zung war für uns der let­zte Ausweg”, fügt sie hinzu.

“Alle For­men von Extrem­is­mus find­en bei uns keinen Platz”, ent­geg­net Bern­hard Witt, Mitar­beit­er des Jugendzen­trums Kon­rads­berg. Das Haus sei für alle Jugendlichen offen, nur ver­fas­sungs­feindliche Sym­bole aller Art seien ver­boten. “Wir haben hier im Haus Iran­er, Russen sowie rechte und linke Jugendliche — alle sind willkom­men”, so Witt.

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