16. September 2002 · Quelle: Inforiot

Nazidemo in Potsdam verhindert

Die Nazide­mo am Sonnabend in Pots­dam wurde erfol­gre­ich ver­hin­dert. Dem NPD-Aufruf zum Marschieren unter dem Mot­to “Schluss mit der Massenein­wan­derung rus­sis­ch­er Juden. Deutsch­land uns Deutschen” fol­gten lediglich rund 80 Faschis­ten — Nicht zulet­zt auf­grund der immensen Präsenz von Antifas und bürg­er­lichen Nazigeg­ner­In­nen im gesamten
Innen­stadt­bere­ich wur­den die Nazis von der Polizei an den Stad­trand geschickt, ursprünglich woll­ten die NPDler am Haupt­bahn­hof starten.


Dort, am Bahn­hof Pirschhei­de, wur­den sie in eine Git­ter­ab­sper­rung ver­bracht, wo sie — abseits jeglich­er Öffentlichkeit — lediglich Lied­chen sin­gen, jedoch nicht demon­stri­eren kon­nten.

 

An der bürg­er­lichen Demon­stra­tion “für Tol­er­anz” nah­men rund 2000 Men­schen teil. Zu den Aufrufern zählte unter anderem die jüdis­che Gemeinde Pots­dams. Als Red­ner bei der Abschlußkud­nge­bung am alten Markt trat unter anderem Bran­den­burgs Neu-Min­is­ter­präsi­dent und Pots­dams ex-Bürg­er­meis­ter Matthias Platzeck auf, der die gerichtliche
Genehmi­gung der Nazide­mo kri­tisierte. Diese, vom Cum­losen­er NPD-Kad­er Mario Schulz angemeldet, war ursprünglich von der Polizei ver­boten wor­den. Das Ver­wal­tungs- und let­zlich auch das Bran­den­burg­er Oberver­wal­tungs­gericht hoben das Ver­bot wieder auf. Das sei, so Platzeck, ein fal­tales Sig­nal angesichts des selb­st für NPD-Ver­hält­nisse über­raschend deut­lich for­mulierten anisemi­tis­chen Mot­tos.

 

Die Staat­san­waltschaft Neu­rup­pin ermit­telt inzwis­chen übri­gens inzwis­chen wegen Volksver­het­zung eben wegen des Mot­tos.

 

Hin­ter­gründe: Im Mai wurde in Witt­stock (nahe des Heima­tortes von Nazi-Anmelder Schulz gele­gen) ein Ausiedler von deutschen Ras­sis­ten ermordet. Erst let­zte Woche wurde auf die NS-Gedenkstätte im eben­falls nahe gele­ge­nen Below­er Wald ein Bran­dan­schlag verübt und Hak­enkreuze gesprüht.

 

 

Selb­stre­dend entschlossen­er als die Bürg­erIn­nen gin­gen die
schätzungsweise 500 unab­hängi­gen Antifas vor, die sich zum Ziel geset­zt hat­ten nicht nur gegen den Nazi­auf­marsch zu protestieren son­dern ihn auch aktiv zu ver­hin­dern. Angesichts der kurzen Mobil­isierungs­dauer ist die Anzahl der präsen­ten Antifas dur­chaus zufrieden­stel­lend und auch
der Infofluss — vor allem über das Infotele­fon — war gewährleis­tet.

 

Auch die Pots­damer Alter­na­tive-Haus­pro­jek­te äußer­sten sich auf Trans­par­enten an der Fas­saden (“Den deutschen Zustän­den ein Ende set­zen”) zur Demo. Der zwar zahlen­mäs­sig starken aber vol­lends über­forderten Polizei blieb nichts anderes übrig als die gerichtlich genehmigte Nazide­mo schon frühzeit­ig an den Stad­trand zu dirigieren.

 

Dort verzichteten die NPDler dann frei­willig auf ihre Demo.

 

Die Nazis wur­den sodann angewiesen, unver­richteter Dinge nach Hause zu fahren, einige fuhren Rich­tung Haupt­bahn­hof. Im Innen­stadt­bere­ich gelang es Antifas dann auch vere­inzelt, die Nazis direkt zu attack­ieren. Vor dem Mer­cure-Hotel etwa blieb einem ver­sprengten siebenköp­fi­gen Nazi­grüp­pchen nichts weit­er übrig als sich panikar­tig in
einen Polizeibul­li zu flücht­en. Die her­beigerufene Ver­stärkung der Polizei ging daraufhin mit Schlagstöck­en bru­tal gegen die umste­hen­den Nazigeg­ner­In­nen vor. Ins­ge­samt wur­den im Laufe des Tages elf Antifas wegen “Wider­stands gegen die Staats­ge­walt” sowie “Beamten­belei­di­gung”
ver­haftet.

 

Wie dem auch sei: Für die Faschis­ten ist der Tag ein
kom­plettes Desaster gewe­sen!

 

Ins­ge­samt waren über den Tag sieben Demos angemeldet, von
beispiel­sweise der Roten
Hil­fe
, der anti­ras­sis­tis­chen Fußball­fan-Ini­tia­tive Steh­platz Ermäs­sigt und dem Asta der Uni Pots­dam.

 

Die Polizei über­schlug sich förm­lich mit Ver­legun­gen der Demor­outen was prak­tisch oft in der Ein­schränkung von Grun­drecht­en der Protestieren­den endete. Immer wieder wurde Men­schen der Weg durch die Stadt zu reg­ulär angemelde­ten Ver­anstal­tun­gen von des­ori­en­tierten BeamtIn­nen ver­wehrt.

 

Im fol­ge­nen doku­men­tieren wir einen (wegen Ärg­er mit der Polizei nicht gehal­te­nen) Rede­beitrag von progress — antifas­cist youth Pots­dam.

 

Rede­beitrag von progress

Wenn die NPD hier heute unter dem Mot­to “Schluss mit der
Massenein­wan­derung rus­sis­ch­er Juden. Deutsch­land uns Deutschen” auf­marschiert, dann ist dies nur die Spitze des Eis­berges. Ein Eis­berg, dessen Rumpf die völkisch-deutsche Ver­sion der bürg­er­lichen Gesellschaft ist, ein­er Gesellschaft, welche eben­so anti­semi­tisch ist wie ihre kahlgeschore­nen Volksgenossen, welche lediglich ihre extrem­ste Aus­for­mung darstellen.

 

Ums Vater­land bedacht, bzw., im Neudeutsch, um den Stan­dort
Deutsch­land, ist der durch­schnit­tliche Deutsche nicht so dumm seine anti­semi­tis­chen Ressen­ti­ments der­maßen offen kundzu­tun, und in jede aus­ländis­che Fernsehkam­era, dreist grin­send und gestreck­ten Armes zu Pro­tokoll zu geben “Ick steh dazu, ick kann die Juden nicht lei­den”.
Denn nach dem ver­lore­nen Zweit­en Weltkrieg, bzw., aktueller, seit dem Som­mer 2000, als sich der Volk­szorn nicht nur gegen Flüchtlinge, Linke usw. richtete, son­dern die eigene Naz­i­brut ihn zu spüren kriegte, weiß man in Deutsch­land, das solche oder ähn­liche Äußerun­gen ein schlecht­es Licht auf die Bun­desre­pub­lik wer­fen, ein Licht, welch­es die für den Arbeit­splatz, und somit fürs Brot und vor allem die soziale Stel­lung so wichti­gen aus­ländis­chen Inve­storen und hän­derin­gend gesuchte Com­put­erinder ver­schreck­en kön­nte. Die sind aber für den her­beige­sehn­ten und hof­fentlich noch lange auf sich wartenden
Wirtschaft­sauf­schwung wichtig, denn, das weiß der Deutsche spätestens nach dem Zweit­en Weltkrieg, das mit der nationalen Selb­stver­sorgung wie es der Führer einst predigte ja doch nicht so gut geklappt hat.

 

Stattdessen tarnt sich der Juden­hass heute als eine Kri­tik an Israel oder an dem drin­gen­den Bedürf­nis, endlich einen Schlussstrich unter die deutsche Geschichte ziehen zu kön­nen.

 

Exem­plar­isch sei hier der Groschen­ro­ma­nau­tor Mar­tin Walser genan­nt: als dieser eben jenes auf sein­er Rede anlässlich der Ver­lei­hung des Frieden­spreis­es forderte, ern­tete er Stand­ing Ova­tions von der bun­des­deutschen Elite. Einzig der mit­tler­weile ver­stor­bene Ignatz Bubis, seines Zeichens ehe­ma­lige Vor­sitzen­der des Zen­tral­rats der Juden, klatschte nicht, son­dern bezichtigte Walser richtiger­weise der
geisti­gen Brand­s­tiftung. Doch nicht der deutsche Brand­s­tifter, son­dern der jüdis­che Nest­beschmutzer wurde Ziel der Aggres­sio­nen: durch die Parteien und Schicht­en bildete sich eine unheim­lich Allianz gegen Bubis, welche ihm vor­warf, mit seinem Ver­hal­ten den Anti­semitismus erst
zu schüren. Das ganze sei nun 60 Jahre her und man müsse doch auch mal vergessen kön­nen.

 

Außer­dem baue man ja auch ein großes Mah­n­mal als Zeichen der Sühne, ein Zeichen das Walser übri­gens als “Fußballfeld großer Alp­traum” beschreibt.

 

Diese nationale Mobil­machung, in der die Deutschen qua­si

gle­ichgeschal­tet, vor­erst freilich nur ver­bal, gegen den
gemein­samen Feind vorge­hen, der nicht zufäl­lig Jude ist, lässt nur

erah­nen welch­es faschis­tis­che Poten­zial unter der demokratis­chen

Ober­fläche brodelt.

 

Auch Walsers neuer Roman, oder bess­er, Walsers neuer gedruck­ter

Brand­satz, “Tod eines Kri­tik­ers”, träumt vom Juden­mord. Die Sto­ry ist

eben­so banal wie neben­säch­lich, das lit­er­arische Niveau düm­pelt gegen

Null, um was es geht ist der Hass auf den Kri­tik­er, welch
er lustvoll

seit­en­lang geschildert wird. Ach ja, der Kri­tik­er ist natür­lich Jude,

ein Motiv, was sich auch in der anti­semi­tisch codierten Beschrei­bung

des Vaters des Bösewicht­es wieder­spiegelt: “eine schauder­hafte Gestalt,

klein, dick­lich, große Ohren, die Mut­ter hat er, als er siebzehn war,
geschwängert”. Das er Banki­er war ist ja klar. Die Beschreibug des

Sohnes fällt ähn­lich aus, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Auch

wenn es sich liest wie aus dem Nazikampf­blatt Stürmer, ist es doch aus

dem Machtwerk Mar­tin Walsers, welch­es in den Buch­laden wegge­ht wie

warme Sem­meln, und dessen Chan­cen, zum meistverkauften Buch 2002 in

Deutsch­land zu wer­den, nicht schlecht ste­hen.

 

Min­destens eben­so beliebt ist der Anti­semitismus, der vorgibt sich

gegen Ras­sis­mus und für Men­schen­rechte, für die der Palästi­nenser

näm­lich, einzuset­zen. Unter dem Deck­män­telchen des Antizion­is­mus

erwacht die alte anti­semi­tis­che Schuld­pro­jek­tion zu neuem Leben. Von

ganz links bis ganz rechts weiß man das es Israel, und somit
die Juden sind, welche für die insta­bile Lage im Nahen Osten

ver­ant­wortlich sind, eine Lage, die tagtäglich Men­schen das Leben

kostet. Das über­all auf der Welt jeden Tag tausende Men­schen durch die
unter­schiedlich­sten Gründe, ange­fan­gen bei Hunger bis hin zum Krieg,

ver­reck­en, ist dem Anti­semiten egal. Ihn inter­essieren nur die von

israelis­chen Sol­dat­en getöteten Araber, den nur dort kann er seinem

inner­sten Wun­sch nach Pro­jek­tion nachge­hen. Genau­so wenig wie Israel

schuld an der derzeit­i­gen Sit­u­a­tion ist, genau­so wenig

inter­essieren sich der Deutsche für das Schick­sal der Palästi­nenser.

Wenn er, im Bunde mit den Moslem­faschis­ten
der PLO, in Dschenin ein Mas­sak­er hal­luzinieren, welch­es, wie selb­st

Amnesty Inter­na­tion­al eingeste­hen musste, nie existiert hat, geht es

ihm mit­nicht­en um die Dutzend toten Palästi­nenser, von denen im übri­gen

der Grossteil bewaffnete Milizionäre waren, und schon gar nicht um die

23 toten israelis­chen Sol­dat­en, einzig um die Aufrechter­hal­tung eines

Feind­bildes, zu welchem er sich kollek­tivs­tif­tend abgren­zen kann, geht

es ihm. Zusät­zlich dient es der Erle­ichterung der Volksseele: wo immer

wieder von Mas­sak­ern und Men­schen­rechtsver­let­zun­gen die
Rede ist kann man die Eige­nen leichter in eine Rei­he viel­er ander­er

inte­gri­eren und ihnen somit ihre Einzi­gar­tigkeit
nehmen, um sie in der End­kon­se­quenz zu vergessen. Auschwitz, Dres­den,

Dschenin und Kab­ul, über­all ist Unrecht geschehen.

 

So ver­wun­dert es auch nicht, das man jet­zt schon öffentlich über einen

Bun­deswehrein­satz in den Golan­höhen nach­denkt, ist man doch nun eine

geläuterte Nation, welche, wie alle anderen auch, ein paar kleine

Fehler gemacht hat, aus welchen man selb­stver­ständlich gel­ernt hat. 60

Jahre nach Auschwitz sollen es wieder Deutsche sein, die über das

Schick­sal der Juden entschei­den.

 

Während die Nazis keinen Hehl aus ihrem mörderischen Anti­semitismus

machen, hat man in der gesellschaftlichen Mitte einen Weg gefun­den

etwas zu sagen ohne es zu sagen. Trotz sein­er Codierung ist und bleiben

diese Vorgänge anti­semi­tisch. In Deutsch­land genü­gen Andeu­tun­gen und

man ver­ste­ht sich. Die Frage, wie lange der Mob sich mit diesen

Andeu­tun­gen beg­nügt, ist heute nicht sich­er zu beant­worten. Was jedoch

sich­er ist, ist die Exis­tenz eines anti­semi­tis­chen Kon­sens in

Deutsch­land, denn was den deutschen Spießer, den zün­del­nden
Intellek­tuellen und den mil­i­tan­ten Stiefel­nazi eint, ist der Hass auf

Juden.

 

progress.pdm@gmx.net

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