27. Oktober 2012 · Quelle: Antifaschistische Aktion Bernau

Nazigewalt in Bernau gestiegen

Antifaschist_innen verteilten in der Stadt Flyer um über Naziaktivitäten aufzuklären

Die Gewalt durch Nazis ist in Bernau in den let­zten Monat­en mas­siv angestiegen. Inner­halb von vier Monat­en kam es zu mehreren Kör­per­ver­let­zun­gen, Schmier­ereien und Sachbeschädi­gun­gen. Am Fre­itag und Sam­stag verteilten Antifaschist_innen in Bernau 10.000 Fly­er, in denen auf die Zunahme der Gewalt aufmerk­sam gemacht wurde. Auch diverse Nazi­aufk­le­ber wur­den beseit­igt.

 

Täter keine Unbekan­nten: Ein kurz­er Überblick

Bish­er hat die Polizei nur wenige der Täter ermit­telt, obwohl Zeug_innen die Täter benen­nen kon­nten und die Nazis sich selb­st öffentlich zu erken­nen geben. Wir wis­sen: Die Angreifer sind seit Jahren in der lokalen und regionalen Naziszene aktiv. Sie stam­men aus der NPD und ein­er Naz­i­clique, die sich selb­st “Barn­imer Fre­und­schaft” nen­nt.

Ins­beson­dere für die Angriffe auf Jugendliche und die Ein­rich­tung des Jugendtr­e­ff Dos­to lassen sich die Täter deut­lich zuord­nen. Während des Hus­siten­festes im Juni diesen Jahres, waren es die Aktivis­ten der NPD, Andreas Rokohl und Pas­cal Rosin, die am Getränke­stand des Jugendtr­e­ffs „Zeck­en­wein“ forderten und die Jugendlichen mit Ansagen wie „um die Ecke ste­hen noch mehr von uns“ bedro­ht­en. Nur wenige Stun­den später machte Rokohl seine Aus­sage war und kam mit 15 weit­eren Nazis zum Stand, riss die Fahne des Standes herunter und schlug zwei junge Erwach­sene. Rokohl (Bild links), der bish­er für den NPD Ver­band Ober­hav­el aktiv war, ist seit kurzem mit der Bernauer NPD Aktivistin Aileen Rokohl (ehm. Götze) ver­heiratet und engagiert sich nun für den NPD Kreisver­band Barn­im-Uck­er­mark. Er wurde bere­its verurteilt wegen Belei­di­gung und Kör­per­ver­let­zung in anderen Fällen.

 

Unter den 15 weit­eren, vor allem Bernauer Nazis fie­len bere­its die Nazis der soge­nan­nten „Barn­imer Fre­und­schaft“ auf. Auch an den bei­den fol­gen­den Tagen blieben erneute Angriffsver­suche nicht aus. So verteil­ten Aktivis­ten auf dem Rum­mel NPD-Fly­er und ließen es sich nicht nehmen, in regelmäßi­gen Abstän­den am Getränke­stand des Dos­tos vor­beizu­laufen. Zu einem weit­eren Angriff kam es dann am Son­ntag, als der Bernauer Nazi Chris­t­ian Kohnke (Bild Mitte) eine junge Frau am Dos­to-Stand beschimpfte und bespuck­te. Einen aus­führlichen Bericht zu den Ereignis­sen während des Hus­siten­festes gibt es hier. Kohnke, der seit vie­len Jahren auf Demon­stra­tio­nen zu sehen ist, beteiligte sich schon 2004 und 2005 an den Aufmärschen des Märkischen Heimatschutzes (MHS) und des „Nationalen Bünd­nis Preußen“ (NBP) in Bernau. In der Stadt ist er oft mit einem Pullover mit der Auf­schrift „Anti-Antifa Bernau“ zu sehen.

 

Auf Grund der Angriffe während des Hus­siten­festes organ­isierten Jugendliche des Dos­tos am 13. Juli ein Sol­i­dar­ität­skonz­ert auf dem Platz am Stein­tor. Am Son­ntag darauf, den 15. Juli, wurde der Jugendtr­e­ff von Nazis attack­iert. Die Täter hin­ter­ließen Fly­er der NPD, beschädigten den Klein­bus des Jugendtr­e­ffs, stahlen eine Feuer­tonne und zer­störten einen Holz­pavil­lon. Einen knap­pen Monat später, am 24. August, fol­gte der näch­ste Angriff, und wieder hin­ter­ließen die Täter ihren Namen: „Anti-Antifa 2bar5“ wurde gesprüht. Dieses Mal war nicht nur der Jugend­club Dos­to sowie das Auto ein­er Angestell­ten betrof­fen, auch an einem weit­eren Jugend­club und anderen Häuser­wän­den in der Stadt tauchte der Schriftzug auf. Hin­ter dem Kürzel „2bar5“ steckt die Naz­i­clique „Barn­imer Fre­und­schaft“. “bar” ste­ht hier für den Land­kreis Barn­im, die Zahlenkom­bi­na­tion “2” und “5”, (der zweite und fün­fte Buch­stabe des Alpha­bets “B” und “E”) ver­mut­lich für die bei­den großen Barn­imer Städte “Bernau” und “Eber­swalde”. Denkbar wäre auch „Blut und Ehre“, in Anlehnung an das ver­botene Naz­imusik- und Ter­ror­net­zw­erk „Blood & Hon­our.

Als am 25. Sep­tem­ber 2012 drei Nazis am Bernauer Bahn­hof auf Jugendliche ein­schla­gen, erken­nt selb­st die Polizei das Motiv der Täter an: Es ist ein­deutig, denn die Täter brüll­ten Nazi­parolen. Die Polizei nahm die drei Angreifer in Gewahrsam. Diese müssen sich nun wegen räu­berischen Dieb­stahls, Kör­per­ver­let­zung, Ver­wen­dens von Kennze­ichen ver­fas­sungswidriger Organ­i­sa­tio­nen und Wider­stands gegen Voll­streck­ungs­beamte ver­ant­worten.

Neben diesen Vor­fällen wur­den in der ganzen Stadt Aufk­le­ber der NPD und weit­ere Nazi­stick­er gek­lebt, auch kam es zur Beschädi­gung von Plakat­en der Partei “Die. Linke.” Am let­zten Woch­enende wurde außer­dem ein 39-Jähriger Bernauer von der Polizei fest­ge­hal­ten, da er ein T‑Shirt mit Hak­enkreuz trug. Erst im ver­gan­genen Jahr wurde in Bernau das Gebäude der Jüdis­chen Gemeinde durch Nazige­walt beschädigt.

 

Nazis in Bernau: Freie Kräfte und NPD

Die Kle­in­stadt Bernau, nordöstlich von Berlin, ist nicht bekan­nt für rechte Aktiv­itäten. Die lokale Naziszene ist seit mehreren Jahren unor­gan­isiert und kaum aktiv. Ins­beson­dere in den let­zten fünf Jahren beschränk­ten sich die Aktiv­itäten auf wenige Einzelfälle. Dahin­ter steck­en keine feste Struk­turen, und auch der NPD Ver­band Barn­im-Uck­er­mark kon­nte sich in Bernau nicht aus­bre­it­en.

Wenn es jedoch zu einzel­nen Vor­fällen kam, war ein beliebtest Ziel der Jugendtr­e­ff Dos­to. Dass es heute wieder der gle­iche Per­so­n­enkreis ist, der 2004/ 2005 „Kein DOSTO in Bernau“ forderte, ist kaum ver­wun­der­lich. Am 22. Jan­u­ar 2005 hat­te das „Nationalen Bünd­nis Preußen“ eine Demon­stra­tion gegen den Jugendtr­e­ff aus­gerichtet. Noch am sel­ben Tag fand die Kam­pagne in der Nacht ihren Höhep­unkt in einem Rohrbombe­nan­schlag. Mit viel Glück wurde dabei nie­mand ver­let­zt. Beteiligt an der Demon­stra­tion waren viele Bernauer Nazis. Darunter auch bekan­nte Gesichter, die am Angriff auf den Stand des DOS­TOs während des Hus­siten­festes in diesem Jahr teil­nah­men.

 

Das „Nationale Bünd­nis Preußen“, trotz ver­suchter „Reak­tivierung“ 2008, ist nicht mehr exis­tent. Heute treten die Nazis unter wech­sel­nden Namen auf, die nicht mehr als einen T‑Shirt-Auf­druck oder ein Trans­par­ent darstellen. Neben Namen wie „Barn­imer Brud­er­schaft“ oder „Nationale Sozial­is­ten Barn­im” taucht­en auch die Beze­ich­nun­gen „Barn­imer Ter­ror­is­ten“ oder „Barn­imer Fre­und­schaft“ auf. Ist in den meis­ten Fällen davon auszuge­hen, dass es sich um nicht mehr als selb­st gestal­tete Pullover han­delt, trat zumin­d­est die „Barn­imer Fre­und­schaft“ als Per­so­nen­zusam­men­hang u.a. durch die Angriffe im Juni oder die Schmier­ereien im August diesen Jahres in Erschei­n­ung. Die enge Anbindung an die NPD lässt sich nicht nur anhand der gemein­samen Angriffe nach­weisen, auch bezieht sich die NPD pos­i­tiv in Inter­net­beiträ­gen auf die „Freien Kräfte der Barn­imer Fre­und­schaft“. Festzuhal­ten bliebt: Der Per­so­n­enkreis bleibt nahezu gle­ich und ist eng ver­bun­den mit dem regionalen Kreisver­band der NPD.

 

Anstieg der Gewalt/ Enge Kon­tak­te nach Berlin

Ver­gle­icht man die Gewalt­tat­en in diesem Jahr mit den Vor­jahren, ist es deut­lich: Die Zahlen sind erkennbar angestiegen. Und das nicht nur in Bernau, auch in anderen Teilen Bran­den­burgs sowie in Berlin scheint Gewalt zum einzi­gen Aktions­feld der Nazis zu wer­den. Angriffe auf das Flüchtling­sheim in Wass­man­ns­dorf oder Zossen vor zwei Wochen, in Beeskow und Storkow vor weni­gen Monat­en, eben­so wie die vie­len Angriffe in Berlin gehen auf das Kon­to von ein­er sich radikalisieren­den gewalt­täti­gen Naziszene. Ins­beson­dere die engen Kon­tak­te der Bran­den­burg­er Szene nach Berlin, tra­gen ihre Früchte in Gewal­texzessen. Auch die Bernauer Szene ist ver­bun­den mit den Aktivis­ten des “Nationaler Wider­stand Berlin” (NW-Berlin) sowie mit ver­bote­nen Grup­pierun­gen wie „Frontbann24“ oder dem als krim­inelle Vere­ini­gung ver­bote­nen Inter­ne­tra­dio „Euro­pean Broth­er­hood Radio“. Bernauer Nazis beteili­gen sich an Demon­stra­tio­nen in Berlin, Bran­den­burg und bun­desweit, und nehmen an klan­des­tin vor­bere­it­eten Aktio­nen teil, wie z.B. dem Auf­marschver­such am 14. Mai 2011 in Berlin Kreuzberg, bei dem linke Aktivist_innen und Peo­ple of Col­or ange­grif­f­en wur­den.

 

Wir haben eine Chronik von Aktiv­itäten der Nazis zusam­mengestellt, die bis in die 90er Jahre zurück­re­icht. Die Chronik ist unvoll­ständig und wird regelmäßig ergänzt.

Wenn ihr Aktiv­itäten mit­bekommt oder sel­ber von rechter Gewalt betrof­fen seid, meldet dies der Antifaschis­tis­chen Aktion Bernau oder wen­det euch an die Kon­takt- und Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt in Bernau.

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