11. September 2005 · Quelle: LR

Neonazis stören Platzeck-Auftritt

(LR, 9.9.) Mar­ti­na Krümm­ling ist noch immer fas­sungs­los. Dabei haben sich die jun­gen
Neon­azis, die die Wahlkundge­bung von Min­is­ter­präsi­dent Matthias Platzeck
(SPD) gezielt gestört haben, längst aus dem Staub gemacht. “Das gab es in
Neu­rup­pin noch nie. Ich zit­tere immer noch”, sagt die junge Frau, ehe sie
weit­er ein­dringlich auf Plat-zeck einre­det: Er möge sich bitte dafür
ein­set­zen, dass der Kurde Celal Kut­lu mit sein­er Frau und den vier Kindern
nicht in die Türkei abgeschoben wird, wo er als poli­tisch Ver­fol­gter einst
inhaftiert gewe­sen sei. Er lebe seit neun Jahren in Neu­rup­pin, habe Arbeit,
spreche deutsch. “2000 Neu­rup­pin­er haben unter­schrieben. Geben Sie doch den
Stem­pel”, bit­tet der 47-jährige Kut­lu, der daneben ste­ht, Platzeck.

Doch der Regierungschef und Lan­drat Chris­t­ian Gilde (SPD) kön­nen keine
Hoff­nung machen. Gilde ver­weist auf die Geset­ze, das ablehnende Votum der
Härte­fal­lkom­mis­sion, die schwierige Asylfälle prüft. “Wir müssen alle gle­ich
behan­deln”, sagt Platzeck. Mar­ti­na Krümm­ling schüt­telt ent­täuscht den Kopf:
“Bald ist Neu­rup­pin aus­län­der­frei. Das ist es, was die Neon­azis wollen.”

Zuvor haben rund 300 Zuhör­er eine bek­lem­mende Wahlkundge­bung in der
Fontanes­tadt erlebt: Hier vielle­icht 20 junge Men­schen, die mit Plakat­en für
die kur­dis­che Fam­i­lie demon­stri­erten. Da der kleine Trupp Neon­azis, der
zunächst gar nicht auf­fällt: Denn die acht oder zehn jun­gen Män­ner, fast
alle in schwarzen T‑Shirts, haben sich unauf­fäl­lig unter die Menge gemis­cht.
Erst als Platzeck die Bühne betritt, mit sein­er Rede begin­nt, schreien sie
abwech­sel­nd: “Hau′ ab!”, “Schaff Arbeit!”. Der Wort­führer ste­ht in
her­aus­fordern­der Posi­tur direkt an der Bühne und ruft immer wieder
has­ser­füllt: “Scheiß BRD-Sys­tem.”

Irgend jemand dreht die Laut­stärk­ere­gler höher. Platzeck lässt sich nicht
beir­ren, spricht noch lei­den­schaftlich­er. Als er für die Angle­ichung des
Arbeit­slosen­geldes II wirbt, die von der Union geplante Anhebung der
Mehrw­ert­s­teuer und die Abschaf­fung der Pendler­pauschale attack­iert,
klatschen sog­ar Anti-Hartz-IV-Demon­stran­ten. Schwe­dens Botschafter Carl
Tham, der ein­mal den Wahlkampf in der ost­deutschen Prov­inz erleben will und
in der Menge ste­ht, zeigt sich beein­druckt: “Ein sehr kraftvoller,
stand­hafter Poli­tik­er.” Platzeck gehöre zur kom­menden Führungs­gen­er­a­tion der
SPD.

Es ist der Ost­prig­nitz-Rup­pin­er Lan­drat Chris­t­ian Gilde, der den Wort­führer
der Neon­azis nach der Kundge­bung ent­larvt: Er ver­wick­elt ihn in einen
Dis­put — mit bohren­den Fra­gen nach seinen poli­tis­chen Zie­len. “Wir brauchen
Raum. Ich bin Bauer”, tönt der. Heißt das, Deutsche sollen nur deutsche
Lebens­mit­tel essen? “Natür­lich.” In Flug­blät­tern, die die Neon­azis auf dem
Platz verteilen, wird zum “Wahlboykott” aufgerufen. Ver­ant­wortlich: Mario
Schulz, der frühere NPD-Lan­deschef. Er trat aus, weil ihm die NPD nicht
rechts, nicht aus­län­der­feindlich genug war: Sie hat­te einen Bosnier
kan­di­dieren lassen. Schulz, inzwis­chen Anführer der “Bewe­gung Neue Ord­nung”,
ist auch auf dem Platz. Seine Leute fotografieren Ord­ner und Jour­nal­is­ten.
“Schlimm, dass die hier so unge­hin­dert provozieren dür­fen”, klagt ein
Neu­rup­pin­er. Als die Neon­azis schließlich mit tri­um­phieren­den Mienen
abziehen, stört die Polizis­ten nicht ein­mal, dass ein­er ihrer bei­den Pkw
vorn kein Num­mern­schild trägt. Erst als ein Jour­nal­ist sie darauf aufmerk­sam
macht, wer­fen sie einen kurzen Blick in die Papiere. Dann dür­fen Schulz und
Kon­sorten weg­fahren. Platzeck hört sich der­weil an einem lan­gen Bier­tisch
vor der Bühne die großen und kleinen Sor­gen der Neu­rup­pin­er an. Auf der
Rück­fahrt im Auto sin­niert Platzeck: “Die Gespräche nach der Rede sind das
wichtig­ste.”

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