12. Juli 2007 · Quelle: Berliner Zeitung

Polizisten in ihren fliegenden Kisten

POTSDAM. Die Polizei in Bran­den­burg beschre­it­et neue Wege — und geht dabei in die Luft: Als erste in Deutsch­land will die märkische Polizei ab dem 1. August den Ein­satz von soge­nan­nten Tragschraubern testen. Diese oben offe­nen Flug­geräte sehen aus wie ein fliegen­der Zweier­bob mit einem motor­getriebe­nen Pro­peller am Heck und einem nicht angetriebe­nen Rotor oder auch Drehflügel. Auf dem Flug­platz Saar­mund südlich von Pots­dam wird in den näch­sten Monat­en aus­pro­biert, ob Tragschrauber für die Verkehrsüberwachung, bei der Ver­fol­gung von Straftätern oder der Ver­mis­sten­suche nüt­zlich sein kön­nen. Auch die Ver­mis­sten­suche soll erprobt wer­den. Zunächst sind 40 Flüge mit einem anlei­t­en­den Piloten geplant — bei gutem und bei schlechtem Wet­ter. Die ins­ge­samt vier angemieteten Tragschrauber stellen laut einem internem Pro­jek­t­pa­pi­er gar “eine ein­satz­tak­tis­che Nis­che” dar.

“Es han­delt sich um die allererste Pro­jek­t­phase”, bestätigte Dorothée Stacke, Sprecherin des Innen­min­is­teri­ums. Bish­er hat die Polizei in Bran­den­burg allein zwei Hub­schrauber Typ Euro­copter 35 zur Ver­fü­gung, die zen­tral nahe dem Flughafen Schöne­feld in Diepensee sta­tion­iert sind. Doch der Betrieb dieser bei­den Hub­schrauber ist teuer: Eine Flugstunde schlägt laut Innen­min­is­teri­um mit 3 000 Euro zu Buche, während eine Flugstunde im Zwei-Mann-Tragschrauber nur 120 Euro Sprit- und Betrieb­skosten verur­sache. Die zwei schw­eren Hub­schrauber hät­ten bei manchen Polizeiein­sätzen aus Kosten­grün­den am Boden bleiben müssen, heißt es. Denn ein Flug in die entle­ge­nen Regio­nen Bran­den­burgs kostet viel Geld. Die Tragschrauber kön­nten indes dezen­tral in der Nähe von Polizei­wachen sta­tion­iert wer­den und dann wesentlich kostengün­stiger fliegen, so glaubt das Innen­min­is­teri­um. Allerd­ings kön­nen die Tragschrauber anders als gewöhn­liche Hub­schrauber nicht senkrecht starten, son­dern benöti­gen eine geeignete Start- und Lan­de­bahn.

Kri­tik kommt schon jet­zt von der Gew­erkschaft der Polizei: “Das ist ein Luxu­s­pro­jekt”, sagte Lan­deschef Andreas Schus­ter. Denn ger­ade erst habe man die zwei Euro­copter-Hub­schrauber zum Stück­preis von fünf Mil­lio­nen Euro erwor­ben. Ein Tragschrauber könne noch nicht ein­mal Las­ten mit an Bord nehmen — keine Wärme­bild­kam­era, kein Geschwindigkeitsmess­gerät. “Insofern dürfte man kaum etwas Beweiskräftiges fest­stellen kön­nen”, so Schus­ter. Er räumte aber ein, dass es inner­halb der Polizei auch andere Mei­n­un­gen gebe. So bei Sven Bogacz, Leit­er des Schutzbere­ich­es Brandenburg/Havel. Der ehe­ma­lige NVA-Pilot leit­et die Pro­jek­t­phase mit den Ultra­le­icht-Flug­geräten, die immer­hin eine Spitzengeschwindigkeit von 160 Kilo­me­ter pro Stunde erre­ichen. Eine Flugstunde mit angemietetem Piloten der Berlin­er Fir­ma Aero­nau­tix kostet 150 Euro. Eine kom­plette Pilote­naus­bil­dung würde mit 5 000 Euro zu Buche schla­gen. Immer­hin kündigte Gew­erkschaftschef Schus­ter nun an, die erste Test­phase kri­tisch begleit­en zu wollen.

Liebling­spro­jekt des Min­is­ters

Er und andere Gew­erkschafter fürcht­en auch um den Ruf der Kol­le­gen. “Sie kön­nten sich der Lächer­lichkeit preis­geben”, heißt es. Vere­inzelt wird in Polizeikreisen auch befürchtet, dass sich die Beamten in dem exo­tis­chen Flug­gerät bei schlechtem Wet­ter ern­sthaft erkäl­ten kön­nten. Und selb­st die Flugsicher­heit der Geräte wird angezweifelt, nach­dem vor einem Jahr ein ähn­lich­es Mod­ell im Havel­land abgestürzt war. Dabei sind sie vom Luft­fahrt­bun­de­samt zuge­lassen.

Bis Ende 2007 will das Innen­min­is­teri­um entschei­den, ob die Tragschrauber für die Polizeiar­beit über­haupt tau­gen. So ist unklar, ob der Funkverkehr funk­tion­iert. Erst wenn die Tauglichkeit erwiesen ist, sollen bis Herb­st 2008 alle Ein­satzmöglichkeit­en des Tragschraubers getestet wer­den. Offen­bar han­delt es sich um ein Liebling­spro­jekt von Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm (CDU), der mit sein­er Polizei noch ein­mal bun­desweit auf­fall­en will.

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