28. Oktober 2015 · Quelle: Presseservice

Rathenow: Kundgebungen spalten Stadt – 500 gegen „Asylmissbrauch“, 300 für „Herz statt Hetze“

Titelbild
Am frühen Abend haben gestern unge­fähr 500 Per­so­n­en auf dem Märkischen Platz in Rathenow gegen ver­meintlichen „Asylmiss­brauch“ und für die Abset­zung von Bun­deskan­z­lerin Angela Merkel demon­stri­ert. Es han­delte sich um eine der zahlen­mäßig am stärk­sten fre­quen­tierten Ver­samm­lun­gen nach dem Vor­bild der PEGI­DA-Bewe­gung im Land Bran­den­burg. Die Ver­anstal­tungsleitung gab sich betont „bürg­er­lich“. Einige Rede­beiträge waren jedoch deut­lich von Nation­al­is­mus und ein­er klar geäußerten Abnei­gung gegenüber Men­schen, die in der Bun­desre­pub­lik nach Asyl suchen, geprägt. Unge­fähr zehn Prozent der anwe­senden Ver­anstal­tungs­gäste des „Bürg­er­bünd­niss­es Havel­land“ waren bekan­nte Neon­azis. Entsprechend gezeigte Plakate, Fah­nen und Ban­ner macht­en dies auch offen­sichtlich. Die Ver­anstal­tungsleitung ver­leugnete ihrer­seits jedoch die Teil­nahme der­ar­tiger Per­so­n­enkreise und dif­famierte Medi­en, welche die Ver­samm­lung im Vor­feld kri­tisch betra­chteten, als „Lügen­presse“. Gegen die Ver­anstal­tung des „Bürg­er­bünd­niss­es Havel­land“ demon­stri­erten unge­fähr 300 Men­schen am August-Bebel-Platz für eine Stadt „mit Herz statt Het­ze“. Auf dieser Kundge­bung sprachen u.a. auch Bürg­er­meis­ter Ronald Seeger sowie Vertreter_innn der Zivilge­sellschaft. Sym­bol­isch, zur Beto­nung des Mot­tos „Mein Rathenow – mit Herz statt Het­ze“ wurde Kerzen angezün­det. Unge­fähr 50 Antifaschist_innen begaben sich anschließend in die Nähe des Märkischen Platzes und protestierten dort unmit­tel­bar gegen die Ver­anstal­tung des „Bürg­er­bünd­niss­es Havel­land“. Dabei kam es auch zu ver­balen Auseinan­der­set­zun­gen mit Neon­azis und aufgeputscht­en Sympathisant_innen des „Bürg­er­bünd­niss­es“.
Die Stunde der Pop­ulis­ten
Eine gewisse Genug­tu­ung klang schon aus den Stim­men von Chris­t­ian Kaiser und Nico Tews, bei­de Wort­führer des „Bürg­er­bünd­niss­es Havel­land“, als sie vor dem von ihnen zusam­mengetrom­melten „Volk“ sprachen. Mit der­art vie­len Sympathisant_innen hat­ten selb­st die Bei­den offen­bar nicht gerech­net. Viel Neues hat­ten Kaiser und Tews allerd­ings nicht zu bericht­en. Kaiser wieder­holte die bere­its im Aufruf ver­fassten Forderun­gen und ergänzte sie mit eini­gen State­ments zur aktuellen Flüchtlingssi­t­u­a­tion. Tews ging eben­falls auf die Sit­u­a­tion der Flüchtlings­be­we­gung ein, verurteilte die Medi­en und erläuterte seine Abkehr von der CDU unter Angela Merkel. Aufge­lock­ert wur­den die Rede­beiträge lediglich durch das skandieren ein­fach­er Schlag­wörtern und Parolen wie „Lügen­presse“ oder „Merkel muss weg“, die eifrig vom Pub­likum mit­ge­grölt wur­den. Konkrete und vor allem prax­is­taugliche Lösungskonzepte ins­beson­dere für den Umgang mit hier ank­om­menden Flüchtlin­gen kamen jedoch wed­er von Kaiser noch von Tews. Offen­bar war dies auch gar nicht die Absicht dieser Ver­anstal­tung. Ähn­lich gab sich der in Ital­ien behei­matete Gas­tred­ner Sebas­tiano Graziani, dem Kon­tak­te zum neo­faschis­tis­chen Cas­a­Pound Italia nachge­sagt wer­den, schon öfters bei PEGI­DA-ähn­lichen Ver­samm­lun­gen im gesamten Bun­des­ge­bi­et auf­trat und betont kämpferisch­er Auf­trat. Er deutete, im Zusam­men­hang mit seinem als Auf­gabe gese­henen Kampf gegen die ver­meintliche Islamisierung Europas, an, not­falls mit ein­er AK47 beispiel­sweise durch Berlin rumzuren­nen, wenn er seine Fam­i­lie gefährdet sehe.
Vere­in­nah­mungsver­suche durch die NPD
Das neon­azis­tis­che Milieu war übri­gens gestern mit unge­fähr 50 Per­so­n­en aus dem gesamten Land­kreis Havel­land, der kre­is­freien Stadt Bran­den­burg an der Hav­el sowie dem sach­sen-anhal­tinis­chen Land­kreis Sten­dal vertreten. Die zahlen­mäßig stärk­ste Frak­tion bilde­ten dabei Funk­tionäre und Sympathisant_innen der lokalen NPD aus Rathenow und Prem­nitz, darunter auch der Rathenow­er Stad­trat Michel Müller. Aus deren Rei­hen stammten mut­maßlich auch die am Kundge­bung­sort ange­bracht­en Wahlplakate der Partei. Eine weit­ere NPD Del­e­ga­tion aus dem osthavel­ländis­chen Nauen, um den dor­ti­gen Abge­ord­neten Maik Schnei­der, hat­te sich zu dem an der Ecke Berlin­er Straße / Goethes­traße ver­sam­melt und dort zwei Ban­ner mit dif­famieren­den Parolen entrollt. Konkrete Ver­suche der Worter­grei­fung auf dem Podi­um der Ver­samm­lung gab es hinge­gen nicht. Die lokal als Platzhirsch unter den Parteien der extremen Recht­en gel­tende Organ­i­sa­tion set­zte offen­bar eher auf sub­tile Bee­in­flus­sung durch die mit­ge­brachte Pro­pa­gan­da.
„Bürg­er­bünd­nis“ will kün­ftig jeden Dien­stag demon­stri­eren
Nach der aus ihrer Sicht erfol­gre­ichen Kundge­bung hat­te Chris­t­ian Kaiser vom „Bürg­er­bünd­nis Havel­land“ bere­its am gestri­gen Abend angekündigt kün­ftig jeden Dien­stag Kundge­bun­gen durchzuführen.
Fotos: hier

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