1. März 2003 · Quelle: Ruppiner Anzeiger

Rohrlacker wollen nach Übergriffen und antisemitischen Beschimpfungen schlichten

ROHRLACK Um eine weit­er Eskala­tion in Rohrlack zu ver­mei­den, wird die Bevölkerung aktiv. Bei einem Tre­f­fen am Mittwoch wur­den erste Maß­nah­men besprochen.

 

Eine Tele­fon­kette wird ein­gerichtet. Sollte es erneut zu Über­grif­f­en kom­men, wollen Ein­wohn­er schlich­t­end ein­greifen. Denn die Polizeipräsenz der ver­gan­genen Wochen soll ver­mieden wer­den. Zudem seien die Anwohn­er schneller zusam­men­zutrom­meln, als die Neu­rup­pin­er Polizei in Rohrlack ist.

 

Des Weit­eren gibt es kün­ftig einen Run­den Tisch, an dem Prob­leme besprochen wer­den. Die Stre­it­parteien wur­den aufge­fordert, sich aus dem Weg zu gehen.

 

Seit Jan­u­ar war es mehrfach zu Über­grif­f­en auf einen Rohrlack­er gekom­men, bei denen immer wieder anti­semi­tis­che Beschimp­fun­gen laut wur­den.

 

Auf den bere­its wegen ver­suchter Nöti­gung verurteil­ten mut­maßlichen Täter soll pos­i­tiv eingewirkt wer­den. Das Opfer der Attack­en bot an, Anzeigen zurück­zuziehen. Voraus­set­zung dafür sei, dass der Angreifer frei­willig pro­fes­sionelle Hil­fe annimmt.

 

Kai Wen­del vom Vere­in Opfer­per­spek­tive schlug vor, juris­tisch einen Täter-Opfer-Aus­gle­ich anzus­treben. Einig waren sich die Anwe­senden darin, dass eine Gefäng­nis­strafe nicht hil­fre­ich sein wird.

 


 


 

Die Eskala­tion durch­brechen

Prob­leme gibt´s in Rohrlack viele: Mit dem Täter, dem Opfer, dem Dor­fanse­hen und mit den Polizeiein­sätzen


 

„Wir wer­den an dieser Stelle keine Wahrheits­de­f­i­n­i­tion find­en.“ Rain­er Jessen, Heim­leit­er der Wohnge­mein­schaft für Behin­derte in Rohrlack, will nicht aufdeck­en, was in den ver­gan­genen Wochen im Ort tat­säch­lich passiert ist. Das sei ihm nicht möglich. Und auch allen Anderen nicht, die sich am Mittwoch im Gemein­de­haus trafen, und von denen jed­er eine ganz andere Sicht auf die Geschehnisse hat. „Wir kön­nen es aber ein­leit­en, diese Eskala­tion zu stop­pen“, machte Jessen deut­lich.

 

Immer wieder war in den ver­gan­genen Wochen zu Über­grif­f­en auf einen Rohrlack­er gekom­men. Haus­in­ven­tar ist zu Bruch gegan­gen. Dro­hbriefe mit anti­semi­tis­chem Inhalt sind geschrieben wor­den. Die Polizei hat das Dorf umstellt. Von ein­er Pis­tole ist die Rede. Mehrere Haus­durch­suchun­gen hat es gegeben.

 

Han­delt es sich um einen aus der Bahn ger­ate­nen Nach­barschaftsstre­it oder um recht­sradikale Über­griffe? Sind es die Tat­en eines Einzel­nen oder steckt mehr dahin­ter? Darum sollte es beim Tre­f­fen nicht gehen. Stattdessen wurde erste Maß­nah­men beschlossen, wie dem Opfer der Gewalt zu helfen ist. Und auch Nico D., der in dem Zusam­men­hang bere­its wegen ver­suchter Nöti­gung verurteilt ist und von der Polizei der weit­eren Straftat­en verdächtigt wird, gelte es zu unter­stützen. Das Opfer selb­st: „Ich will nicht, dass Nico in den Knast kommt. Ihm muss geholfen wer­den.“ D. habe große Prob­leme mit sein­er Per­sön­lichkeit, war die Mei­n­ung der meis­ten Ver­sam­melten.

 

Diese zu lösen, liegt aber nicht mehr in den Möglichkeit­en der Rohrlack­er, machte Kai Wen­del vom Vere­in Opfer­per­spek­tive deut­lich. Er hält es für sin­nvoll, auf dem juris­tis­chen Wege einen Täter-Opfer-Aus­gle­ich der sozialen Dien­ste der Jus­tiz anzuleit­en. Das kön­nte zum Beispiel im Falle ein­er Verurteilung bedeuten, dass Nico D. statt ein­er Haft­strafe die Auflage bekommt, sich pro­fes­sionell betreuen zu lassen. „Das klappt aber natür­lich nur, wenn er ein­sieht, dass er ein Prob­lem hat“, sagte Heim­leit­er Jessen. Er appel­lierte an das nähere Umfeld und Ver­wandte entsprechend auf den Tatverdächti­gen einzuwirken. Nimmt Nico D. diese Hil­fe an, ist der Geschädigte bere­it, seine Anzeigen zurück­zuziehen. „Dazu ste­he ich.“ Wegen Volksver­het­zung und Ver­stoßes gegen das Kriegswaf­fenkon­trollge­setz wird jedoch von der Staat­san­waltschaft selb­ständig ermit­telt. Darauf habe er keinen Ein­fluss.

 

Neben den Sor­gen um die Gesund­heit des Geschädigten, stand auch die Frage im Raum, inwieweit die Über­griffe auf das Anse­hen Rohrlacks zurückschla­gen. Zeitungs­berichte brächt­en das Dorf in Ver­ruf. Die ökol­o­gis­che Bäck­erei bekomme das bere­its finanziell zu spüren, hat es in ein­er vor­ange­gan­genen Sitzung geheißen. „Rohrlack hat ja inzwis­chen eine dollere Presse als die Haupt­stadt“, sagte Heim­leit­er Jessen. Wen­del von der Opfer­per­spek­tive: „Die beste Presse wäre es doch, wenn es heißt: Die Rohrlack­er haben das Prob­lem selb­st gelöst.“

 

Die Polizeiein­sätze der ver­gan­genen Wochen beun­ruhigten nicht nur den Tatverdächti­gen. Während Einige über Repres­sio­nen klagten – „Nico wurde von der Polizei eingeschüchtert“ oder „Beamte sind in unser Haus einge­drun­gen“ – war­ben Andere für Ver­ständ­nis. Recht Über­griffe in Bran­den­burg hät­ten die Behör­den bei der­ar­ti­gen Vor­fällen sen­si­bil­isiert.

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