3. September 2002 · Quelle: frankfurter rundschau

Scheiß Neger, wir kriegen Dich!”

Ein aus Sier­ra Leone stam­mender Mann fühlt sich im bran­den­bur­gis­chen Pren­zlau nicht mehr sich­er, nach­dem er vor gut zwei Wochen bru­tal zusam­mengeschla­gen wurde. Aus Furcht vor weit­eren Angrif­f­en möchte er in die Lan­deshaupt­stadt Pots­dam umziehen. Die Aus­län­der­beauf­tragte des Lan­des unter­stützt ihn dabei.
Eigentlich schien der Fall schnell gelöst: Nur wenige Stun­den, nach­dem Neil D. in der Nacht zum 16. August auf offen­er Straße mit Schla­gring und Knüp­peln niedergeprügelt wor­den war, nahm die Polizei drei tatverdächtige junge Män­ner und eine Frau fest. Die Staat­san­waltschaft in Neu­rup­pin rech­net sie der recht­en Szene zu, ein­er der Män­ner ist mehrfach wegen Gewalt­de­lik­ten aufge­fall­en. Die Jus­tiz griff kon­se­quent durch: Drei der mut­maßlichen Angreifer sitzen in Unter­suchung­shaft.
Doch Neil D., der seit zweiein­halb Jahren im Pren­zlauer Flüchtling­sheim lebt, hat weit­er­hin große Angst. “Pren­zlau ist eine kleine Stadt, und die ken­nen mich”, sagt der 34-Jährige. “Die”, damit meint D. Fre­unde der Täter. Dass während des Über­falls mehrere Autos vor­beige­fahren seien, ohne dass die Fahrer reagierten, hat sein Ver­trauen in die Pren­zlauer noch weit­er erschüt­tert.
Nur in sein­er Unterkun­ft fühlt sich Neil D. noch einiger­maßen sich­er. Er ver­lässt sie nur, wenn er einkaufen oder zu Behör­den gehen muss. Neil D. schläft schlecht. “Ich will weg”, sagt er.
Helfer des Vere­ins “Opfer­per­spek­tive”, die sich um Neil D. küm­mern, sind überzeugt, dass ihn der bru­tale Angriff trau­ma­tisiert hat. Es sei am besten, ihn nach Pots­dam zu ver­legen, meint Vere­ins­mit­glied Clau­dia Luza. Denn dort gibt es, eben­so wie in Berlin, Psy­cholo­gen, die sich um Opfer ras­sis­tis­ch­er Gewalt küm­mern.
Zudem nehmen die Helfer einen Vor­fall sehr ernst, der sich nach Darstel­lung von Neil D. eine Woche nach dem Über­fall ereignet hat. Vor einem Super­markt hät­ten zwei Män­ner auf ihn gewartet und ihn beschimpft: “Scheiß Neger, du bist schuld, dass unsere Fre­unde im Knast sitzen.” Und sich mit der Dro­hung ver­ab­schiedet: “Wir kriegen dich.”
Die Polizei hat keine Zeu­gen für diese Pöbelei gefun­den. Polizeis­prech­er Ingo Heese sagt deshalb: “Das mit der Bedro­hung ist nicht ganz rund.” Im All­ge­meinen gehe es in Pren­zlau auch gar nicht so gefährlich zu, beteuert er. “Schlimme” aus­län­der­feindliche Über­griffe wie der auf D. kämen nur sel­ten vor. Eigentlich lebten Flüchtlinge hier sich­er — weshalb die Attacke auch nicht zum Anlass genom­men wurde, das Asyl­be­wer­ber­heim zusät­zlich zu sich­ern: “Wir schauen wie immer regelmäßig vor­bei. Aber wir gehen davon aus, dass es sich um einen Einzelfall han­delt.”
Almuth Berg­er, Aus­län­der­beauf­tragte der Lan­desregierung in Pots­dam, hält einen Umzug von Neil D. trotz­dem für richtig. Obwohl die Auf­nahmestellen der Lan­deshaupt­stadt aus­ge­lastet sind, will Berg­er beim amtieren­den Pots­damer Ober­bürg­er­meis­ter Jann Jakobs (SPD) für den Flüchtling aus Sier­ra Leone eine Aus­nah­meer­laub­nis erre­ichen. Dass die Pren­zlauer Recht­sex­tremen sich die Hände reiben dürften, wenn D. die Stadt ver­lässt, nimmt die Aus­län­der­beauf­tragte in Kauf: “Man kann es nicht ver­ant­worten, auf dem Rück­en eines einzel­nen Opfers einen Kampf um Tol­er­anz vor Ort zu führen.”
Neil D. hofft nun, Pren­zlau möglichst schnell ver­lassen zu dür­fen. Dass örtliche Aus­län­der­feinde durch strenges Vorge­hen gegen seine mut­maßlichen Peiniger zur Räson gebracht wer­den, glaubt er nicht. Im Gegen­teil, fürchtet er: “Wenn die hart bestraft wer­den soll­ten, dann has­sen mich die Recht­en doch noch viel mehr.”

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