17. April 2005 · Quelle: LR

Schipkau — eine Leidensstation jüdischer Häftlinge

Kurz vor Ende des Zweit­en Weltkrieges wurde der Streck­en­ab­schnitt der Schipp
chen­bahn zwis­chen Hör­litz und Schip­kau zur entset­zlichen Lei­denssta­tion von
etwa 2 500 vor allem jüdis­chen KZ-Häftlin­gen, heißt es in einem Beitrag der
Gemeinde Schip­kau.

Und weit­er: Zwei Tage lang, am 19. und 20. April 1945, stand hier ein mit
Men­schen voll­gepfer­chter Trans­portzug. Er kam aus dem Konzen­tra­tionslager
Bergen-Belsen im nieder­säch­sis­chen Land­kreis Celle. Ges­tartet war er als
let­zter von drei Zügen am 10. April. Sein Ziel war das Konzen­tra­tionslager
There­sien­stadt in Böh­men.

Wie ein Geis­terzug rollte er in den let­zten Kriegsta­gen durch den immer
enger wer­den­den Kor­ri­dor im noch nicht beset­zten Teil Mit­teldeutsch­lands.
Ein Befehl vom Reichs­führer SS, Hein­rich Himm­ler, hat­te die Züge in Marsch
geset­zt. Denn kein KZ-Häftling sollte lebend in die Hände der Befreier
fall­en.

Als sich die britis­che Armee unter dem Befehl von Feld­marschall Mont­gomery
dem Konzen­tra­tionslager näherte, pfer­chte die SS-Wach­mannschaft die
unglück­lichen Frauen, Män­ner und Kinder viel­er Natio­nen wie Vieh in die 46
Wag­gons. Der Zug sollte nie in There­sien­stadt ankom­men. Die Irrfahrt führte
von Bergen-Belsen über Soltau, Lüneb­urg, Lauen­burg, Lud­wigslust und
Wit­ten­berge nach Berlin, wo er am 18. April ein­traf. Von dort fuhr er über
Königs Wuster­hausen, Lübben, Lübbe­nau nach Sen­ften­berg. Weit­er ging die
Geis­ter­fahrt auf der Schip­kau-Fin­ster­walder-Eisen­bahn in die Sänger­stadt und
dann über Dober­lug-Kirch­hain nach Falkenberg/Elster.

Eine gesprengte Elster­brücke machte der Irrfahrt des Zuges bei Tröb­itz am
22. April, nach zwölftägiger Geis­ter­fahrt, ein Ende. Die in den Zug
ges­per­rten Men­schen waren fast ohne Nahrung und Wass­er. Sie lit­ten unter den
grauen­haften hygien­is­chen Ver­hält­nis­sen, die Angst wuchs von Hal­tepunkt zu
Hal­tepunkt. Tief­flieger attack­ierten den Zug. Sehr bald grassierte unter den
Kindern, Frauen und Män­nern der Fleck­ty­phus. Viele star­ben an Krankheit,
Hunger, Erschöp­fung und vor Angst. Ihr Leid war uner­messlich, unvorstell­bar.
Wenn der Zug hielt, wur­den die Toten aus­ge­laden und unmit­tel­bar am Gleis­damm
beerdigt. Von Mal zu Mal stieg die Zahl der Opfer: Bergen Bahn­hof sechs
Tote, von Soltau nach Mun­ster zwei Tote, von Mun­ster nach Uelzen vier Tote,
von Uelzen nach Lüneb­urg zwölf Tote, am Bahn­hof Wit­ten­berge 24 Tote.

Am 19. April schien die Odyssee des «ver­lore­nen Trans­portes» auf einem
Abstell­gleis der Schip­pchen­bahn ihr Ende gefun­den zu haben. Zwei Tage stand
der Zug zwis­chen Hör­litz und Schip­kau, bevor es dann weit­er ging in Rich­tung
Fin­ster­walde. Am Hal­tepunkt in der Nähe von Schip­kau wur­den 51 tote
Häftlinge aus dem Zug geholt und hier begraben. Zwanzig Schädel wur­den 1956
aus den Mas­sen­gräbern exhumiert und auf dem Fried­hof der Gemeinde bestat­tet.
Die meis­ten von ihnen liegen immer noch unmit­tel­bar neben der ehe­ma­li­gen
Gleis­straße in der Erde.

Über alle auf dem Trans­port Ver­stor­be­nen schrieb ein Hol­län­der eine
Namensliste mit Ster­be­ta­gen, Geburts­da­tum und Herkun­ft­slän­dern, die so
genan­nte «Toten­liste» .

Die Grabla­gen bei Schip­kau sind auf der Liste wie fol­gt beschrieben:

1. «Die Toten mit den Num­mern 62 bis 85 sind auf dem Bahn­ab­schnitt
Sen­ften­berg — Schip­kau 300 Meter vor der Eisen­bahn­brücke im Dorf Schip­kau,
an der Süd­seite der Eisen­bahn­schienen unge­fähr 30 Meter von der Weiche» .

2. «Die Toten mit den Num­mern 86 bis 102 auf dem sel­ben Platz unge­fähr 350
Meter von der Eisen­bahn­brücke ent­fer­nt. Hier geht es um die Wegkreuzung,
liegend an der Reich­sauto­bahn Dres­den — Berlin» .

3. «Die Toten mit der Num­mer 103 bis 112 sind vor Schip­kau an der Nord­seite
der Eisen­bahn­schienen unge­fähr 350 Meter vor dem Tun­nel, vier Meter von der
Eisen­bahn­schiene am Rand vom Busch begraben» .

Am 23. April war der Tag der Befreiung vom Hitler­faschis­mus auch in
Tröb­itz — wo der Todeszug angekom­men war. In den Mor­gen­stun­den stießen die
vor­rück­enden Trup­pen der sow­jetis­chen Armee auf den drit­ten Zug aus dem
Konzen­tra­tionslager Bergen-Belsen. Unweit von Tröb­itz, am Bahnkilo­me­ter
106,7, wohin er mit ein­er Lok der Beuter­sitzer Kohlen­werke geschleppt wor­den
war, fan­den sie ihn. Beim Öff­nen des Zuges bot sich den Sol­dat­en der Roten
Armee ein Bild Grauens.

Am 25. April 2003 wurde bei Schip­kau — am Ort des Geschehens — eine
Gräber­stätte zum Gedenken an die jüdis­chen Opfer von 1945 ihrer Bes­tim­mung
übergeben.

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