17. April 2005 · Quelle: MAZ, Tagesspiegel

Das Deportationssymbol

(MAZ)FÜRSTENBERG “Eine Hälfte von mir lacht, weil ich am Leben bin. Die andere
weint, weil meine Fre­undin die trau­ma­tis­chen Erleb­nisse in Ravens­brück nicht
ver­ar­beit­en kon­nte und sich 1966 das Leben nahm.” Die Ungarin Agnes Bartha
war im Herb­st 1944 zusam­men mit ihrer Fre­undin Edit Kiss nach Ravens­brück
und dann ins Außen­lager Gen­sha­gen ver­schleppt wor­den. Gestern Nach­mit­tag
sprach sie anlässlich der Eröff­nung der Ausstel­lung “Wag­gon” im Namen ihrer
Kam­eradin­nen und Kam­er­aden über den “Trans­port”. Zusam­mengepfer­cht, kein
Licht, keine Toi­lette — so erlebte auch Agnes Bartha die Fahrt. “Es gab nur
zwei kleine Fen­ster mit Git­tern. Da haben wir raus­geschaut und Kinder beim
Schlittschuh­laufen und bei der Schnee­ballschlacht gese­hen. Wir dacht­en, dass
wir so etwas nie wieder erblick­en wür­den. Am 22. Novem­ber sind wir in
Ravens­brück angekom­men und hat­ten die Hoff­nung, dass es ein wenig
men­schlich­er als im Wag­gon zuge­hen würde. Aber die Hoff­nung hat man uns
gle­ich genom­men.”

Fast alle der etwa 130 000 Häftlinge von Ravens­brück sind mit Güter­wa­gen
dor­thin ver­schleppt wor­den. Der Reichs­bahn-Wag­gon ist heute das
Depor­ta­tion­ssym­bol schlechthin und gehört deshalb nach Ravens­brück. Die
Mahn- und Gedenkstätte hat solch einen his­torischen Wagen erwor­ben. Er ste­ht
auf einem Gleis an den Ram­p­en der ein­sti­gen “Beutebarack­en”. Links und
rechts neben dem Wag­gon befind­en sich die Infor­ma­tion­stafeln, die die
Ausstel­lung “Züge nach Ravens­brück. Trans­porte mit der Reichs­bahn 1939–1945”
bilden. Sie sind auf ein­er hölz­er­nen Plat­tform ange­ord­net, die unge­fähr die
Größe eines Wag­gons hat.

Karolin Steinke, Stu­dentin an der Hum­boldt-Uni, hat die Ausstel­lung — ihre
erste — erar­beit­et, und Jakob Brum­mack hat sie gestal­tet. “Für die
Trans­porte aus ganz Europa in die Lager war eine per­fek­te Organ­i­sa­tion
nötig, die aber nichts über den Schreck­en und das Leid aus­sagt. Deshalb
kom­men in der Ausstel­lung die Über­leben­den zu Wort.” Und Zeitzeu­gen wie die
Fürsten­berg­er Wolf­gang Stege­mann und Han­na Ahlgrimm sowie einige, die ihren
vollen Namen nicht aufgeschrieben sehen woll­ten. Fast alle Trans­porte kamen
näm­lich auf dem Bahn­hof Fürsten­berg an, die Häftlinge wur­den dann entwed­er
mit Lkw nach Ravens­brück gebracht oder sie mussten die heutige Luisen­straße
ent­lang zum Lager laufen.

Mit der gestri­gen Ausstel­lung­spräsen­ta­tion hat Gedenkstät­ten­lei­t­erin Sigrid
Jacobeit die Feier­lichkeit­en anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung
des KZ Ravens­brück eröffnet.

Über­lebende gedenken an den Stät­ten des Todes

Am Son­ntag vor 60 Jahren wur­den die KZ Sach­sen­hausen und Ravens­brück befre­it

(Tagesspiegel)Oranienburg/Fürstenberg — Sie sind alle hochbe­tagt, viele gebrech­lich.
Den­noch haben sie sich auf den Weg zu den Orten ihres Lei­dens und des Todes
ihrer Kam­er­aden aufgemacht. Rund 1300 Über­lebende der Konzen­tra­tionslager
Sach­sen­hausen und Ravens­brück wollen am Son­ntag an den Gedenk­feiern zum 60.
Jahrestag ihrer Befreiung teil­nehmen. Wollen noch ein­mal die Gele­gen­heit
nutzen, ihre Erin­nerun­gen an Ter­ror und Ver­nich­tung, aber auch an
Sol­i­dar­ität und Hil­fe im Lager weit­erzugeben. Bere­its heute tre­f­fen sich die
Frauen und Män­ner aus Europa, Israel, den USA und Kana­da mit Jugendlichen
aus Berlin und Bran­den­burg.

Aber die Zahl der noch leben­den Zeitzeu­gen sinkt stetig. An den let­zten
großen Gedenkver­anstal­tun­gen zum 50. Jahrestag der Lager­be­freiung 1995
hat­ten noch mehr als 3000 Über­lebende teilgenom­men. “Um so wichtiger ist es,
die Erin­nerun­gen in Doku­men­ta­tio­nen und Fil­men festzuhal­ten”, sagt Horst
Sef­erenz von der Stiftung Bran­den­bur­gis­che Gedenkstät­ten. Oder in ein­er
Ausstel­lung — wie “Mord und Massen­mord im KZ Sach­sen­hausen 1936 — 1945”, die
am Son­ntag in der neu gestal­teten “Sta­tion Z” der Gedenkstätte eröffnet
wird. Eine weit­ere Schau — im Muse­um der Gedenkstätte — zeich­net die
Lebens­geschicht­en von 24 Über­leben­den des KZ aus neun Län­dern nach: “Hier
war das ganze Europa.”

Mit dem Fortbe­stand des Trau­mas der Über­leben­den in der zweit­en Gen­er­a­tion
set­zt sich der israelis­che Plakatkün­stler Yos­si Lemel, Sohn eines
KZ-Häftlings, auseinan­der. Er zeigt, eben­falls in Sach­sen­hausen, seine Schau
“Six­ty Years since Lib­er­a­tion 1945 2005”.

Bere­its gestern wurde in der Gedenkstätte des ein­sti­gen Frauen-KZ
Ravens­brück bei Fürsten­berg die Doku­men­ta­tion “Züge nach Ravens­brück.
Trans­porte mit der Reichs­bahn 1939 — 1945” eröffnet. Haupt­stück ist ein
Güter­wa­gen der Deutschen Reichs­bahn, in den damals Men­schen gepfer­cht
wur­den, um als “Trans­port” ins KZ gebracht zu wer­den.

Auf der Gedenkver­anstal­tung am Son­ntag in Ravens­brück sprechen ab 10 Uhr
unter anderem Min­is­ter­präsi­dent Matthias Platzeck, Bun­des­fam­i­lien­min­is­terin
Renate Schmidt (bei­de SPD) und Pro­fes­sor Jakow Drabkin, der als Rotarmist an
der Lager­be­freiung teilgenom­men hat. Das Gedenken in Sach­sen­hausen begin­nt
um 14 Uhr mit Tre­f­fen der einzel­nen Opfer­vertre­tun­gen. Ab 15 Uhr wer­den
unter anderem der Min­is­ter­präsi­dent, Außen­min­is­ter Josch­ka Fis­ch­er (Grüne)
und Pro­fes­sor Thomas Buer­gen­thal sprechen. Er ist Richter am Inter­na­tionalen
Gericht­shof der UN in Genf und hat als Kind die Konzen­tra­tionslager
Auschwitz und Sach­sen­hausen über­lebt. Alle Ver­anstal­tun­gen sind öffentlich.

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