17. April 2005 · Quelle: Berliner Zeitung

Ein-Euro-Jobber als Bürgerwehr

WRIEZEN. Am Gar­ten­tor zu dem Grund­stück im Stadtzen­trum hängt ein Schild mit
der Auf­schrift: “Sich­er leben in Wriezen”. Der Vere­in, der hier seinen Sitz
hat, nen­nt sich “Sol­i­darge­mein­schaft zum Schutz vor Krim­i­nal­ität”. In einem
Flach­bau ler­nen sechs Leute. Eine Woche lang gehen sie the­o­retisch durch,
was sie ab Mon­tag prak­tisch tun wollen — bei ihren täglichen Streifen. Sie
sind bun­desweit die erste Bürg­er­wehr, die ihre Tätigkeit als Ein-Euro-Jobs
von der Arbeit­sagen­tur bezahlt bekommt. 

Und obwohl sie den Dienst noch gar nicht ange­treten haben, sor­gen sie für
Ärg­er. Andreas Schus­ter, Chef der Gew­erkschaft der Polizei, sagt: “Wir
lehnen Streifen mit Ein-Euro-Job­bern ab. Das ist der Weg in eine
Bil­lig­polizei und in die Pri­vatisierung der öffentlichen Sicherheit.”
Vere­in­schef Siegfried Schwen­sow ärg­ert sich über die Vor­würfe. “Wir wollen
keine Konkur­renz für Polizis­ten sein oder dazu beitra­gen, dass sie entlassen
wer­den”, sagt der 48-jährige Arbeit­slose, der lange Stadtverord­neter der
Grü­nen war. Auch die Beze­ich­nung Bürg­er­wehr find­et er viel zu martialisch.
“Wir sind eine Bürg­erwacht.” Es gebe im Ort nur noch zwei Polizis­ten, auch
das Ord­nungsamt sei abends geschlossen. “Wenn dann etwas passiert, wollen
wir das Bindeglied zu den offiziellen Stellen sein.” 

Doch ist das über­haupt nötig? Wriezen nen­nt sich “Haupt­stadt des
Oder­bruchs”. In dem Ort mit 8 600 Ein­wohn­ern ist die Krim­i­nal­ität so hoch
wie über­all in der Region, genau wie die Arbeit­slosigkeit. Hier gibt es
nicht mehr Neon­azis oder Über­fälle auf Aus­län­der als ander­swo in
Brandenburg. 

Doch den Vere­in “Sich­er leben in Wriezen” gibt es seit 1995. Die 19
Mit­glieder gin­gen regelmäßig Streife als frei­willige Sicher­heitspart­ner der
Polizei. “Einige zogen weg, weil sie hier keine Arbeit fan­den”, sagt
Schwen­sow. Da kam er auf die Idee, die Ein-Euro-Jobs zu beantra­gen. “Unsere
Stadt ist nicht unsich­er”, sagt Thomas Hartinger, der lange ehrenamtlich
Streife lief und nun pro Stunde 1,20 Euro vom Arbeit­samt bekommt — 25
Stun­den sind für jeden in der Woche erlaubt. “Wir informieren die Stadt, wo
die Leute ille­gal Müll abw­er­fen, wo Graf­fi­ti sind, welche Schilder
abge­brochen wur­den, welche Lat­er­ne kaputt ist.” Die Stadt habe nicht das
Per­son­al, jede Dreck­ecke aufzuspüren. 

Die Truppe wurde von der Polizei darüber aufgek­lärt, dass sie nur die
“Jed­er­manns-Rechte” hat. “Wir dür­fen nie­man­den ver­haften”, sagt André
Schmitz. “Aber beobacht­en, die Polizei bei ein­er Straftat rufen, die Täter
aufhal­ten, das dür­fen wir wie jed­er Bürg­er.” Sie sind nur mit Handys und
Taschen­lam­p­en “bewaffnet”.

Der Jüng­ste in der Truppe ist 22, der Älteste 52. Sie waren Schlosser,
Zim­mer­mann, Bauar­beit­er, auch eine Bäck­erin gehört dazu. Mit dabei ist auch
Schäfer­hund Satan, der nur Schnap­pi genan­nt wird. Sie führen sich nicht auf
wie Freizeit-Ram­bos. Eher wie Leute, die sich freuen, endlich wieder Arbeit
zu haben. Und die die Arbeit­sagen­tur gerne aus der Sta­tis­tik gestrichen hat.
“Ich bin seit 18 Monat­en arbeit­s­los”, sagt Heinz Schmal­long. “Ich finde
keinen Job auf dem Bau, da ist die Lage beschissen und ich bin 52″, sagt er. 

“Wir freuen uns für jeden, der einen Job bekommt”, sagt der Polizeisprecher
des Schutzbere­ichs, Thomas Wilde. “Aber dass Ein-Euro-Jobs im
Sicher­heits­bere­ich sin­nvoll sind, wage ich zu bezweifeln.” Die Leute seien
nicht aus­re­ichend qual­i­fiziert. “Straftat­en kön­nen wir nicht verhindern”,
sagt Vere­in­schef Schwen­sow. “Aber hof­fentlich trägt unsere Präsenz dazu bei,
ger­ade Jugendliche davon abzuhalten.” 

Bis Okto­ber patrouil­liert die Bürg­erwacht. Dann laufen die Ein-Euro-Jobs aus
und die sechs sind wohl erst ein­mal wieder arbeitslos.

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