5. April 2003 · Quelle: Von Unten

Seit fünf Jahre Warten

Inter­view mit Ngabo aus Duala in Kamerun Er wartet seit fast fünf Jahren in Deutsch­land auf die Entschei­dung seines Asy­lantrags

Dies ist ein Inter­view mit Ngabo aus Duala in Kamerun. Er lebt seit fast fünf Jahren in Deutsch­land und ist im Heim am Lerchen­steig in Pots­dam unterge­bracht, wo er auf die Entschei­dung seines Asy­lantrags wartet.

Da er und wir nur Schu­lenglisch sprechen, ist es teil­weise bei Unklarheit­en geblieben. Bemerkun­gen dazu, sowie andere Anmerkun­gen ste­hen in Klam­mern dahin­ter. Das Inter­view ist nicht wortwörtlich wiedergegeben, son­dern im Zusam­men­hang geschrieben.

Warum bist du aus dein­er Heimat geflo­hen?

Ich hat­te poli­tis­che Gründe zu fliehen. Mein Vater und ich gehörten der Oppo­si­tion­spartei SDF (sozialdemokratis­che Front) an. Am 11.Oktober 1997, einen Tag vor der Präsi­dentschaftswahl, organ­isierten wir von der Partei ein großes Tre­f­fen, auf dem mein Vater eine Rede gegen die führende Partei (RDPC — Demokratis­che Bewe­gung der Bürg­er Kameruns) hielt. Der Grund, warum wir gegen die führen­den Ver­hält­nisse in Kamerun sind, ist, dass die Poli­tik­er an der Macht furcht­bar kor­rupt sind, es gibt keine Kon­trolle darüber was sie mit Staats­geldern machen, das Gesetz wird ver­dreht wie es ger­ade passt, es gibt also eigentlich kein festes Gesetz und jed­er ist für sich selb­st ver­ant­wortlich.
Während dieses Tre­f­fens stürmte die Polizei (es ist nicht ganz klar ob es sich um die richtige Polizei in Zivilk­lei­dung oder um eine paramil­itärische Polizeitruppe han­delte) die Halle und ver­sprühte über­all Trä­nen­gas.
Ich wurde ver­haftet und in die Haupt­stadt von Kamerun, nach Yaoundé, ins Gefäng­nis gebracht, wo ich bis zu mein­er Flucht noch 5 Monate ver­brachte. Dort erfuhr ich auch, dass mein Vater erschossen wor­den war.

Wie bist du dann nach Deutsch­land gekom­men?

Ein Fre­und meines Vaters machte ein Abkom­men mit drei Wärtern aus dem Gefäng­nis. Die drei kamen mit­ten in der Nacht zu mir und halfen mir auszubrechen. Ich musste vom Gefäng­nisza­un herun­ter­sprin­gen und lan­dete in einem Con­tain­er. Draußen wartete der Fre­und meines Vaters und brachte mich dann erst­mal zu ein­er Art Wun­der­heil­er, von dem ich Medi­zin bekam. Danach brachte mich der Fre­und von meinem Vater in sein Haus, wo ich mich ver­steck­en kon­nte.
Doch die Polizei wusste von mein­er Flucht und wo ich war und kamen zum Haus. Aber der Fre­und meines Vaters bestritt, dass er mich ver­steck­en würde, und weil die Polizis­ten keine Erlaub­nis hat­ten das Haus zu durch­suchen, mussten sie wieder gehen. Doch uns war klar, dass sie mit ein­er Erlaub­nis wiederkom­men wür­den und ich so schnell wie möglich das Land ver­lassen musste.

Der Fre­und meines Vaters gab mir 2000 CFA (ca. 5 Euro).
Ich fuhr mit dem Auto nach Kum­ba und dann nach Mamte nah der Gren­ze Kamerun/Nigeria. Dort wartete der Wun­der­heil­er, der mir kurz nach dem Gefäng­nisaus­bruch geholfen hat­te. Ich gab den Grenzbeamten (oder Schmug­glern) das restliche Geld, das ich noch hat­te und sie bracht­en mich auch ohne Papiere über die Gren­ze. Mit Motorädern fuhren wir nach Cal­a­ba zu einem Reise­büro und dann mit dem Bus nach Lagos, von wo aus ich am 13.Nov.1998 mit einem Lufthansa-Flugzeug nach Deutsch­land flog. Der Dok­tor hat­te sämtliche Doku­mente, die ich brauchte. Ich wusste gar nicht, wo wir hin­flo­gen. Irgend­wann lan­de­ten wir dann in „white men coun­try“ (Land der weißen Men­schen) in Ham­burg.

Ich fragte Leute dort, wo ich hin­solle und so kam ich nach Eisen­hüt­ten­stadt, weil dort eine große Zen­trale für Asyl­suchende sei. Als ich dort ankam sagte men­sch mir am Ein­gang aber, dass ich nicht hineinkönne, weil Woch­enende war und die Men­schen, die für die Neuan­mel­dun­gen zuständig sind nicht da waren. Also ging ich zur Polizei und die schick­ten mich über das Woch­enende in ein Hotel.
Sechs Wochen blieb ich im Asyl­be­wer­ber­heim in Eisen­hüt­ten­stadt, dann wurde ich mit vie­len anderen zusam­men in einem Bus nach Pots­dam gebracht, wo ich nun lebe.

Wie geht es dir hier?

Im Moment geht es mir schon ganz gut. Die Lebens­be­din­gun­gen sind aber sehr schwierig. Sechs Leute leben hier in drei Zim­mern. Wir haben auch nur einen Küche (beste­hend aus zwei Camp­ing-Koch­plat­ten) und ein Bad. Mit dem Kochen z.B. ist es so, dass wir immer nacheinan­der kochen weil es ein­fach nicht anders geht mit dieser Küche.
Auch die Lage des Asyl­be­wer­ber­heims ist ziem­lich isoliert. Aber ich werde vielle­icht bald einen Woh­nung bekom­men, weil wenn du allein, also ohne Fam­i­lie, hier bist, bekommst du nach fünf Jahren eine Woh­nung und die sind bald rum.

Was hältst du von den Abschreck­ungs­maß­nah­men wie z.B. den Wertgutscheinen oder der Res­i­den­zpflicht?

Gott sei dank, sind die Wertgutscheine nun abgeschafft (seit März 03 gibt es in Pots­dam keine Wertgutscheine mehr für Asyl­be­wer­ber).
Diese Maß­nah­men machen das Leben sehr schw­er. Ich darf nicht mal nach Berlin fahren ohne einen Antrag stellen zu müssen. Ich würde gern mal wieder richtig afrikanisch essen. Aber die Zutat­en gibt es nur in Berlin zu kaufen und mit den Wertgutscheinen kann men­sch sie auch nicht bezahlen.

Deutsch­land ist das einzige Land, das diese Gutscheine hat. Ich ver­ste­he nicht was das soll.
Außer­dem habe ich keine Erlaub­nis zu arbeit­en oder irgend­was zu erler­nen oder zur Schule zu gehen. In Kamerun bin ich zur Schule gegan­gen. Ich habe Schnei­der gel­ernt. Hier habe ich eigentlich den ganzen Tag nichts zu tun. Ich darf ja nichts tun. Ins­ge­samt ist es schon nicht leicht hier zu leben. Ich füh­le mich einges­per­rt, bin nicht so frei wie ihr.

Bist du schon mal Opfer von ras­sis­tis­chen Angrif­f­en oder Ähn­lichem gewor­den?

Ja, 1999 in der S‑Bahn, auf der Strecke zwis­chen Grieb­nitzsee und Babels­berg. Drei betrunk­ene Män­ner stiegen ein, mit Glatze und Tatoos auf dem Kopf. Ich war der einzige Dunkel­häutige im Wagen. Sie fin­gen an mich zu belei­di­gen, reifen irgend­was wie ‘Was machst du hier‘ und ‘Hau ab aus unsrem Land‘. Schließlich bekam ich einen Schlag ins Gesicht. An der End­hal­testelle, also am Haupt­bahn­hof, wartete die Polizei, irgend­je­mand hat­te die wohl gerufen. Alle wur­den ver­haftet und am 31.5.2000 war dann der Prozess gegen die Män­ner. Sie wur­den aber nicht bestraft, weil sie während der Tat stark betrunk­en waren.

Was wirst du tun wenn dein Antrag abgelehnt bzw. angenom­men wird?

Wenn Gott es so will und er angenom­men wird, werde ich Kurse machen um mein deutsch zu verbessern und ich werde weit­er Schnei­dern ler­nen.
Wenn nicht, weiß ich es nicht. Sie wer­den mich vielle­icht erschießen,
wenn ich wieder in Kamerun bin, wie sie meinen Vater erschossen haben. Ich weiß es nicht.

Vie­len Dank für das Inter­viev.

Das Gespräch führte die Pots­damer Antifa­gruppe Von Unten.

Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zu Kamerun

1984: Präsi­dent Biya wird mit fast 100% im Amt bestätigt (Ergeb­nis frag­würdig)

— auch bei fol­gen­den Wahlen, die von den Oppo­si­tion­sparteien (SDF, UNDP, UDC) wegen man­gel­nder Trans­parenz und Chan­cen­gle­ich­heit boykotiert wur­den, wurde er immer wieder bestätigt. (näch­ste Wahlen 2004)

— 1999 belegt Kamerun den let­zten Platz in der Kor­rup­tion­ssta­tis­tik von „Trans­paren­cy Inter­na­tion­al“, d.h.: Kor­rup­tion ist dort am weitesten ver­bre­it­et

— in ihrem Län­der­bericht von 2001 bericht­en Amnesty Inter­na­tion­al von lebens­ge­fährlichen Haftbe­din­gun­gen, Folter und Todesstrafen sowie Tötun­gen durch die Polizei unter ungek­lärten Umstän­den (so star­ben 1999 im New-Bell Gefäng­nis in Duala etwa 30 Men­schen, 1991 wur­den bei Demon­stra­tio­nen und gen­er­al­streikähn­lichen Aktio­nen lan­desweit etwa 300 Men­schen getötet)

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