17. Januar 2007 · Quelle: F.A.U. Potsdam

Stellungnahme der FAU Potsdam

Infori­ot doku­men­tiert an dieser Stelle die Debat­te um das Geständ­nis eines Berlin­er FAU –Mit­glieds, der sich nach ein­er Ver­anstal­tung in Pots­dam als Verge­waltiger bekan­nte. Dieser Text ist eine Rep­lik auf eine Stel­lung­nahme des Linken Bünd­niss­es Pots­dam. Du find­est diesen Text hier.

Das Gedächt­nis­pro­tokoll auf den in diesem Text Bezug genom­men wird, find­est du
hier.

Die Stel­lung­nahme des All­ge­meinen Syn­dikats (Asy) der F.A.U. Berlin find­est Du hier.

An erster Stelle: Es tut uns leid, dass diese Stel­lung­nahme erst so spät erscheint, aber wir sind mehrere Wochen lang nicht zu ein­er ein­deuti­gen Posi­tion gekom­men und hal­ten den Vor­fall immer noch für diskus­sion­swürdig.

Zum einen deswe­gen, weil nur eine Per­son von uns an dem Abend anwe­send war, als A. von dem Über­griff erzählt hat, und ihn auch son­st nie­mand ken­nt, zum anderen deswe­gen, weil wir von dem Über­griff nur die Sicht des Täters ken­nen und nie­mand das Opfer ken­nt, somit auch keine Def­i­n­i­tion von
Seit­en der betr­e­f­fend­en Frau erfol­gen kann. Es fällt uns auch schw­er, einen 25 Jahre zurück­liegen­den Vor­fall zu beurteilen, da eine Beurteilung die auf Erin­nerungstück­en beruht sich­er keine sehr real­is­tis­che ist.

Das heiszt nicht, dass wir denken, das eine Verge­wal­ti­gung ver­jähren kann. Eine Verge­wal­ti­gung kann wed­er ver­jähren, noch ist sie zu entschuldigen. Die Äusserun­gen A. an dem betr­e­f­fend­en Abend ( wie wir sie vom Hören­sagen ken­nen), seine ver­sucht­en Entschuldigun­gen, zeigen zwar, dass er dur­chaus ein Prob­lem­be­wusst­sein hat, allerd­ings sein Ver­hal­ten in kein­er Weise reflek­tiert hat. Sie zeigen A. als Täter und als solch­er muss er auch behan­delt wer­den. Dass heiszt, sein Ver­hal­ten muss öffentlich verurteilt
wer­den und er per­sön­lich muss mit der Diskus­sion kon­fron­tiert wer­den. Wir sind froh, dass die FAU Berlin die Angele­gen­heit ernst nimmt und sich intern stark mit dem The­ma Verge­wal­ti­gung und A.s Ver­hal­ten auseinan­der­set­zt.
Wir hal­ten einen Auss­chluss A.s aber erst dann für sin­nvoll, wenn sich nach einiger Zeit der Auseinan­der­set­zung zeigen sollte, dass A. nicht in der Lage ist seine Tat anzuerken­nen, zu reflek­tieren und zu einem Stand­punkt zu gelan­gen, der sich­er stellt, dass er so etwas nicht noch
ein­mal tun wird.

Diese Hal­tung wollen wir gerne noch näher erläutern:

Die FAU ist eine gew­erkschaftliche Organ­i­sa­tion, in die Men­schen oft auf­grund, z.B. eigen­er arbeit­srechtich­er Prob­leme und dem Wun­sch nach gesellschaftlich­er Verän­derung ein­treten. Viele Men­schen kom­men ohne jeden vorheri­gen linken oder linksradikalen Hin­ter­grund in die FAU. Viele
Diskus­sio­nen, z.B. die über Sex­is­mus führen sie in der FAU zum ersten Mal. Nie­mand wird mit einem poli­tisch kor­rek­ten, reflek­tierten Welt­bild geboren. Wir alle haben uns bes­timmte Stand­punk­te erst im Laufe der Zeit erar­beit und trotz­dem wis­sen wir, dass jede/ jed­er von uns nicht frei von
Sex­is­men, Ras­sis­men, reak­tionären Ver­hal­tensweisen ist. Jede/r von uns ist in der Lage gewaltätig zu sein und ander­er Men­schen Gren­zen zu über­schre­it­en.

In diesem Sinne gibt es auch keine „Freiräume“. Wir sind nir­gend­wo frei von uns und der Gesellschaft die uns prägt. Natür­lich ist ein Raum, in dem die Zwänge möglichst ger­ing sind, wo die Angst vor Über­grif­f­en oder Stig­ma­tisierung nicht mehr so groß sein muss, etwas wofür es sich zu
kämpfen lohnt. Das kann men­sch aber sich­er nicht, indem einzelne Men­schen ver­ban­nt wer­den oder exem­plar­isch für ein gesellschafltlich­es Prob­lem verurteilt wer­den. Und auch nicht indem wir uns sel­ber moralisch rein­waschen, indem wir uns die prob­lema­tis­chen Per­so­n­en durch Auss­chluss oder ähn­lich­es vom Leib hal­ten. Was wir brauchen ist eine ständi­ge Auseinan­der­set­zung und Diskus­sions­bere­itschaft, die lei­der bis­lang nir­gend­wo, auch in der sogen­nan­nten Linken, aus­re­ichend vorhan­den ist.

Das Selb­stver­ständ­nis „ Wir sind die Guten“ und die Bösen sind immer die Anderen, die raus­geschmis­sen wer­den müssen ver­hin­dert jede
Auseinan­der­set­zung mit uns selb­st und in unseren Zusam­men­hän­gen. Ein sofor­tiger Rauss­chmiss A. aus der FAU würde bedeuten, dass er kein Umfeld mehr hat, dass sein Ver­hal­ten kri­tisiert, so dass er sich also nicht mehr
damit auseinan­der­set­zen müsste. Außer­dem geht mit dem Rauss­chmiss das Sig­nal an alle: „Lasst eure Leichen im Keller!“ Fak­tisch heißt das nicht Anerken­nen und The­ma­tisieren von prob­lema­tis­chen Ver­hal­ten, son­dern dass
men­sch sich ein­fach nur nach außen „ angemessen“ präsen­tieren muss.

Natür­lich geht auch uns Opfer­schutz vor Auseinan­der­set­zung mit dem Täter. Das eigentliche Opfer ist in diesem Fall nicht anwe­send. Im weit­eren Sinne heißt das aber, dass A. aus­geschlossen wer­den muss, wenn er seine Ein­stel­lung nicht so überzeu­gend ändert, das von ihm keine Gefahr für andere Frauen mehr aus­ge­ht. Wir wollen sich­er nicht, auch nicht im
Ent­fer­n­testen, mit jeman­dem zusam­me­nar­beit­en, der glaubt „Nein, heißt auch manch­mal Ja“. Die Anwe­sen­heit poten­tieller Verge­waltiger ist eine nicht hin­nehm­bare Zumu­tung für alle anderen, in welchen Kreisen auch immer. Das wer­den wir der FAU Berlin nahele­gen, da ein Auss­chluss nur von ihnen
vorgenom­men wer­den kann.

Wir hal­ten es aber für möglich, dass A. sich und sein Ver­hal­ten reflek­tiert und möcht­en ihm dafür mehr Zeit ein­räu­men als ein paar Wochen. Eine ehrliche Auseinan­der­set­zung mit Sex­u­al­ität, Gewalt und
Machtver­hält­nis­sen, ver­größert eher die Chance auf weniger
Verge­wal­ti­gun­gen, als ein Ver­drän­gen dieser Prob­leme aus „unseren Kreisen“.

Der Glaube daran, dass Men­schen sich verän­dern und der Wille zur Verän­derung von Men­sch und Gesellschaft , ist ein­er unsere Haupt­gründe linksradikale Poli­tik zu betreiben.

Wir hof­fen, mit dieser Stel­lung­nahme deut­lich gemacht zu haben, dass wir uns der Prob­lematik dur­chaus bewusst sind, darüber disku­tieren, auch wenn wir nicht mit fer­ti­gen Lösun­gen, großen Sprüchen oder ver­balem Radikalis­mus aufwarten kön­nen.”.

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