12. Mai 2006 · Quelle: ND

Stolpersteine auch in Hennigsdorf

Hen­nigs­dorf — Die Gehweg­plat­ten an der Neuen­dorf­s­traße in Hen­nigs­dorf sind schon ent­fer­nt. Kräftig rammt ein Arbeit­er eine spitze Eisen­stange immer wieder ins Erdre­ich. Schließlich ist genug Platz für die vier Stolper­steine, die Gunter Dem­nig an dieser Stelle ver­legt. Der Köl­ner Kün­stler startete die Aktion im Jahr 1992. Seit­dem platzierte er in ganz Deutsch­land schon fast 8000 Steine mit Met­allplat­ten mit Namen und Lebens­dat­en jew­eils genau dort, wo einst spätere Opfer des Faschis­mus lebten.

Stolper­steine brachte Dem­nig in den ver­gan­genen Tagen nach Frank­furt (Oder), Fürsten­walde, Erkn­er, Schöne­iche und Oranien­burg. Seit gestern liegen in Hen­nigs­dorf neun solche Steine, vier davon erin­nern an der Neuen­dorf­s­traße an die Eheleute Ernst und Dora Blaschke und ihre Töchter Liesel und Ursel.

Der Diplom-Inge­nieur Ernst Blaschke arbeit­ete als Direk­tor bei den AEG-Fab­riken. Die jüdis­che Fam­i­lie wohnte in der Neuen­dorf­s­traße 46. Das Haus ist in den 1990er Jahren abgeris­sen wor­den. »Es stand hin­ter diesem Zaun«, erzählte gestern der pen­sion­ierte Biolo­gielehrer Dr. Hel­mut Fritsch, der das Pro­jekt Stolper­steine nach Hen­nigs­dorf holte. Der Blick fällt heute auf eine ungepflegte Wiese neben einem alten Feuer­wehrge­bäude. Im Dezem­ber 1933 flüchteten die Blaschkes vor den Nazis. Sie emi­gri­erten nach Spanien. Dort ver­liert sich ihre Spur.

Nur wenige Schritte weit­er, vor der Haupt­straße Num­mer 13, ver­legte Dem­nig am Don­ner­stagvor­mit­tag einen weit­eren Stolper­stein für Else Lach­mann, die 1943 ins KZ Auschwitz deportiert wurde. Else Lach­manns Mann führte ein Uhrma­chergeschäft in der Haupt­straße 13. Als er 1934 starb über­nah­men Frau und Sohn den Laden. »Die Ein­gangstür und das Schaufen­ster daneben sehen noch genau so aus wie früher«, sagt Wolf­gang List, der in dem Haus aufwuchs, das schon damals sein­er Fam­i­lie gehörte. Heute betreten die Kun­den ein Friseurgeschäft, dessen Inhab­er Wolf­gangs Brud­er Siegfried ist. Damals gab es neben dem Uhrma­ch­er-Laden rechts auf der linken Seite noch ein Lebens­mit­telgeschäft. In der Pogrom­nacht am 9. Novem­ber 1938 plün­derten von einem SS-Mann ange­führte Nazis den Uhrma­ch­er-Laden. Sie zer­schlu­gen auch die Schaufen­ster­scheibe.

Wolf­gang List war sein­erzeit ger­ade ein­mal fünf Jahre alt, aber an den 9. Novem­ber 1938 erin­nert er sich genau. Der kleine Junge ver­stand nicht, was da vor sich ging. Er fand es jedoch unge­heuer­lich, dass Erwach­sene eine Scheibe zer­stören und die Polizei kommt nicht.
In dieser Nacht war­fen SA-Leute eben­falls die Scheibe des jüdis­chen Kauf­manns Lud­wig Gold­stein in der Wald­straße 40 ein. Gold­stein hat­te bei dem Dro­gis­ten Hans Brock­mann Räume zum Wohnen und für ein Schuhgeschäft gemietet. Brock­mann ver­suchte, Gold­stein zu schützen – verge­blich. Am näch­sten Tag bracht­en SA-Leute ein großes Schild an dem Haus an: »Geht nicht zu dem Dro­gis­ten Brock­mann – er ist ein Juden­fre­und«. Gold­stein wurde 1941 nach Min­sk deportiert.
Klara Busse, die einst in der Berlin­er Straße 18 wohnte, gehörte der von den Nazis ver­fol­gten Glaubens­ge­mein­schaft Zeu­gen Jeho­vas an. 1940 ver­haftet, starb sie 1943 im KZ Auschwitz – laut Ster­beurkunde an Gehirn­schlag.
Im KZ Sach­sen­hausen ermorde­ten die Nazis 1944 den Wider­stand­skämpfer Hein­rich Bartsch. Die Straße, in der er in Hen­nigs­dorf wohnte, trug in DDR-Zeit­en seinen Namen. Als es mit der DDR vor­bei war, benan­nte man die Straße um in Mar­witzer Straße. Nun erin­nert wenig­stens wieder ein Stolper­stein vor dem Haus Num­mer 48 an Hein­rich Bartsch.
Die Clara-Sch­abbel-Straße durfte ihren Namen dage­gen behal­ten. In der Num­mer 11 lebte Sch­abbel, die zeitweise für den Ver­lag der kom­mu­nis­tis­chen Jugend-Inter­na­tionale arbeit­ete, bis zu ihrer Ver­haf­tung im Jahr 1942. Vorher gewährte sie dort sow­jetis­chen Aufk­lär­ern Unter­schlupf, unter anderem zwei deutschen Antifaschis­ten, die hin­ter der Front mit dem Fallschirm abge­sprun­gen waren. Clara Sch­abbel gehörte erst dem Spar­ta­cus­bund, ab 1919 der KPD und in der Nazi-Zeit der Wider­stands­gruppe Har­ro Schulze-Boy­sen und Arvid Har­nack an. Am 5. August 1943 wurde sie auf dem Schafott im Berlin­er Zuchthaus Plötzensee hin­gerichtet.
Pat­en ermöglicht­en die Stolper­steine in Hen­nigs­dorf. Die örtlichen Zeu­gen Jeho­vas zahlten 95 Euro für den Stein für Klara Busse, die örtliche Linkspartei gab die gle­iche Summe für den Stein von Dora Blaschke und ein ehe­ma­liger Zwangsar­beit­er bei der AEG spendete das Geld für den Stein von Hein­rich Bartsch. Pat­en sind außer­dem die Hen­nigs­dor­fer Woh­nungs­bauge­sellschaft, die katholis­che Gemeinde, der Senioren­beirat und mehrere Pri­vat­per­so­n­en.

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