16. September 2002 · Quelle: lausitzer rundschau

Trügerische Ruhe der rechten Szene in Cottbus

Eine trügerische Ruhe hat Mar­ti­na Münch aus­gemacht. Die Sprecherin des Vere­ins Cot­tbuser Auf­bruch warnt ein­dringlich: “Die Ursachen für rechte Gewalt sind nicht beseit­igt.” Sozialdez­er­nentin Christi­na Giesecke räumt ein: “Wir wis­sen nur ein Bruchteil dessen, was wirk­lich passiert.”

Ein Trend, sagt Dirk Wilk­ing vom Mobilen Beratung­steam Bran­den­burg, sei auch in Cot­tbus zu beobacht­en: Recht­sex­treme ziehen sich immer mehr ins Bürg­er­liche zurück. “Der Extrem­is­mus wird nicht mehr so öffentlich geäußert. Unter Umstän­den ver­spricht er Kar­ri­erevorteile.”

Zu beobacht­en sei seit einiger Zeit ein “Ein­drehen der Szene ins bürg­er­liche Milieu”. Die Erkennbarkeit werde geringer, so Wilk­ing. Rechte zögen sich derzeit beispiel­sweise ins Hip-Hop-Milieu zurück, an anderen Stellen werde “Aus­län­der­feindlichkeit zum städtis­chen Kon­sens”. Viel Akzep­tanz komme aus den Eltern­häusern.

Das Pub­likum im Stadthaus ken­nt einige Cot­tbuser Beispiele für diesen alltäglichen Extrem­is­mus und For­men von Ras­sis­mus, die jet­zt zwar sel­tener in spek­takulären Aktio­nen gipfeln, aber immer noch da sind. “Die Szene ist kaum noch in Klubs. Sie formiert sich in so genan­nten nationalen Wohnge­mein­schaften, zum Beispiel in Schmell­witz”, berichtet ein Sozialar­beit­er. Da sei kein Rankom­men an die Jugendlichen, “eine direk­te Auseinan­der­set­zung, ein Dia­log find­et nicht mehr statt”.

Am Rande eines Test­spiels des FC Energie wur­den zwei Jugendliche (13 und 17 Jahre alt) von der Cot­tbuser Polizei aufge­grif­f­en, die T‑Shirts mit der englis­chen Auf­schrift “All Cops are Bas­tards” (Alle Polizis­ten sind Bas­tarde) tru­gen. Auf der Rück­seite bedro­ht in ein­er Darstel­lung “ein Kurzgeschoren­er einen Polizis­ten mit einem Gewehr”, wie Polizeiober­rätin Simone Taubenek berichtet. Die Polizei erstat­tet Anzeige wegen Belei­di­gung. Die Staat­san­waltschaft prüft den Vor­fall und die Inhalte. Ob das Tra­gen der T‑Shirts Fol­gen haben wird, ist zweifel­haft.

Der Vater des einen Jun­gen wusste der Polizei zu bericht­en, dass die Auf­schrift durch ein Urteil eines Gericht­es aus Nor­drhein-West­falen genehmigt wor­den sei. Jet­zt wer­den die Shirts gle­ich mit dem betr­e­f­fend­en Urteil zusam­men verkauft. Immer­hin hat der FC Energie gegen die bei­den Jugendlichen Sta­dion­ver­bot aus­ge­sprochen.

Ein weit­eres Beispiel: In der Straße Am Pri­or­graben hängt an ein­er Hofe­in­fahrt ein Schild: “Hier endet die Bun­desre­pub­lik. Sie betreten Deutsch­land.” Darüber ist ein Pup­penkopf aufge­spießt, aus den leeren Augen­höhlen fließt stil­isiertes Blut. Eine Cot­tbuserin berichtet im “Café”, sie habe den Besitzer darauf ange­sprochen und ihm Recht­sex­trem­is­mus vorge­wor­fen. Seine Antwort sei gewe­sen: “Ich habe einen Anwalt.” Ein Sozialar­beit­er erin­nert sich, dass auf dem Schild ursprünglich “Sie betreten das Dritte Reich” ges­tanden habe.

Es muss nicht immer jemand durch die Stadt getrieben wer­den. Der alltägliche Ras­sis­mus trifft die Men­schen in die Seele”, sagt Auf­bruch-Sprecherin Mar­ti­na Münch. Oft fehle es auch bei ver­balen Angrif­f­en gegen Aus­län­der an Zivil­courage in Cot­tbus. Die Bürg­er müssten “die Sinne schär­fen”, fordert Münch. “Wir nehmen den Vor­fall mit dem jor­danis­chen Arzt in Sach­sendorf schon nicht mehr als Aus­län­der­feindlichkeit wahr.” Der Arzt hat­te sich an einem Einkauf­s­markt mit Jugendlichen ein Wort­ge­fecht geliefert, anschließend gab es eine Rangelei. Die Staat­san­waltschaft prüft den Fall.

Münch fordert “Glaub­würdigkeit von Poli­tik, Schule und Eltern. Wir müssen mit eigen­em Beispiel vor­ange­hen und Kindern und Jugendlichen das Gefühl geben, dass wir sie ernst nehmen, aber ihnen auch zeigen, wo Gren­zen sind”.

Doch auch staatlich­es Han­deln wird von Betrof­fe­nen als ver­let­zend emp­fun­den. Ein Stu­dent aus dem Jemen berichtet von Ausweiskon­trollen am Bahn­hof durch den Bun­des­gren­zschutz am 11. Sep­tem­ber.

Kon­trol­liert wur­den nur Aus­län­der. Der Stu­den­te­nausweis reichte nicht. Wer keinen Pass dabei hat­te, wurde im Dienst­wa­gen der Beamten zum Wohn­heim gefahren, gut sicht­bar für die anderen Stu­den­ten. Man fühlte sich wie ein Krim­ineller.” Sind Aus­län­der in Unfälle ver­wick­elt, wür­den sie von Polizis­ten “automa­tisch geduzt”, erk­lärt der Stadtverord­nete Ralf Fis­ch­er (Grüne). Auch das sei in seinen Augen “men­schen­ver­ach­t­end und diskri­m­inierend”.

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