23. Oktober 2005 · Quelle: Indymedia

Überflüssige schmeißen AWO Chef aus dem Bett

Heute mor­gen um 6:00 Uhr wurde der Lan­desvor­sitzende der Arbeit­er­wohlfahrt,
Lan­desver­band Berlin Hans Nis­blé unsan­ft aus dem Schlaf geholt.
Mit­ten in Falkensee bei Berlin weck­ten 20 Über­flüs­sige in ihren typ­isch
roten Pullis und weißen Masken mit viel Tam­tam, Trom­meln und Trompe­ten den
Berlin­er AWO-Chef.

Anlass dieses mor­gendlichen Besuchs ist die Übere­ichung eines offe­nen
Briefes der Über­flüs­si­gen an Her­rn Nis­blé wegen sein­er unrühm­lichen Rolle
bei der Beset­zung der AWO Lan­desvertre­tung vor knapp einem Jahr.

Damals hat­ten mehr als 50 Über­flüs­sige gegen die Ein­führung soge­nan­nter
1‑Eu­ro-Jobs bei der AWO-Berlin protestiert. Statt mit den Über­flüs­si­gen zu
disku­tieren holte der diskus­sion­sun­willige Lan­desvor­sitzende die Polizei und
stellte Strafantrag wegen Haus­friedens­bruch.

Am 25. Okto­ber 205 kommt es nun zum ersten Prozess gegen einen der
Über­flüs­si­gen, zahlre­iche weit­ere Ermit­tlungsver­fahren sind anhängig.

In ihrem offe­nen Brief, der auch in der Nach­barschaft verteilt wurde,
fordern die Über­flüs­si­gen Her­rn Nis­blé auf , die Strafanzeigen sofort
zurück­zuziehen.

Die Über­flüs­si­gen erhof­fen sich mit dieser Aktion auch Unter­stützung aus der
Öffentlichkeit.
Ab sofort kön­nen Einzelper­so­n­en, Grup­pen und Organ­i­sa­tio­nen den Aufruf der
Über­flüs­si­gen mit ihrer Unter­schrift unter­stützen.
Und das ganz ein­fach: unter „www.ueberfluessig.tk“ kön­nen sich Fre­unde und
Sym­pa­thisan­tInnen unter den Brief drunter set­zen lassen.

Und hier zum Nach­le­sen der offene Brief:

Sehr geehrter Herr Nis­blé,

am 11.Oktober 2004 haben wir uns in den Räum­lichkeit­en der AWO
Lan­deszen­trale Berlin ken­nen gel­ernt. Sie erin­nern sich gewiss: Wir, das
sind die Über­flüs­si­gen, leicht zu erken­nen an ihren leuch­t­end roten
Kapuzen­pullovern und ihren weißen Masken.

Nach­dem der Bun­desvor­sitzende ihrer Organ­i­sa­tion, Herr Man­fred Ragati mit
seinen unerträglich zynis­chen Äußerun­gen zur Ein­führung der so genan­nten
1-?-Jobs die Arbeit­er­wohlfahrt in den Mit­telpunkt unseres Inter­ess­es gerückt
hat, haben Sie, Herr Nis­blé, den Zuschlag für die erste öffentliche Aktion
der Über­flüs­si­gen erhal­ten.

Wir woll­ten Ihnen im Rah­men ein­er sym­bol­is­chen Beset­zung die Gele­gen­heit
bieten, sich im Namen ihres Lan­desver­ban­des zum Leit­bild der AWO
„Sol­i­dar­ität, Tol­er­anz, Frei­heit, Gle­ich­heit und Gerechtigkeit“ zu beken­nen.
Wir waren und sind bis heute der fes­ten Überzeu­gung, dass diese Grund­sätze
mit dem begieri­gen Ein­richt­en von 1-?-Arbeitsgelegenheiten durch die AWO
unvere­in­bar sind: Ein Wohlfahrtsver­band, der sich selb­st treu bleiben will,
darf sich an dieser Maß­nahme des repres­siv­en Arbeit­szwangs niemals
beteili­gen.

Von Ihrem Diskus­sion­sstil, Herr Nis­blé, sind wir gelinde gesagt schw­er
ent­täuscht. Unseren guten und nach wie vor gülti­gen Argu­menten gegen
1-?-Jobs wussten Sie nichts zu ent­geg­nen. Als einzige Reak­tion riefen Sie
die Polizei und stell­ten Anzeige wegen Haus­friedens­bruchs.

Es ist nie zu spät umzukehren, Herr Nis­blé. Sicher­lich haben auch Sie
inzwis­chen fest­gestellt, dass ver­ant­wor­tungsvolle soziale Arbeit nicht mit
zwangsverpflichteten Arbeit­skräften gewährleis­tet wer­den kann. Und gewiss
haben Sie im Gespräch mit 1-?-JobberInnen erken­nen kön­nen, dass Sie Ihren
ursprünglichen Vor­satz, nur frei­willige Arbeit­slose zu beschäfti­gen, nicht
ein­hal­ten kön­nen: Bei 345 ? ALG II wird nun mal jed­er zusät­zliche Euro
exis­ten­ziell. Vielle­icht hat Sie ja auch ein Entschluss des
Lan­desju­gen­drings Berlin — zu dessen Mit­gliedern das Jugendw­erk der AWO
Berlin zählt – ins Grü­beln gebracht: Im Bere­ich der Jugen­dar­beit wer­den
keine 1-?-Jobs aufge­baut.

Es gibt also viele gute Gründe, sich von 1-?-Jobs zu dis­tanzieren und keine
guten Gründe, die Auseinan­der­set­zung darum schlicht als Haus­friedens­bruch
abzu­tun.

Dass der soziale Frieden aktuell nicht nur in Ihrem Hause, son­dern auch an
vie­len anderen Orten des sozialen Grauens gebrochen wird, haben wir
Über­flüs­si­gen übri­gens im Lauf des let­zten Jahres über­all in der
Bun­desre­pub­lik immer wieder angeprangert.

In Ham­burg, Berlin und Darm­stadt set­zten wir uns in Luxu­s­restau­rants für
eine offen­sive Umverteilung von oben nach unten ein; in Jüter­bog und
Luck­en­walde gestal­teten wir die Mon­tags­demon­stra­tio­nen gegen Sozial­ab­bau
mit. Wir haben uns mit Ger­hard Schröder, Joseph Fis­ch­er und Wolf­gang Clement
gestrit­ten, sind im Wahlkampf in Düs­sel­dorf, Lübeck und Wit­ten­berg
aufge­taucht und haben am 3. Jan­u­ar 05 im Rah­men der Agen­turschlusskam­pagne
den Start von Hartz IV in Berlin block­iert. In Lüchow set­zten wir die
Zwangsräu­mung eines städtis­chen Sach­bear­beit­ers durch und in Berlin
unter­stützten wir LIDL-Beschäftigte in ihren Arbeit­skämpfen.

Auch der Arbeit­er­wohlfahrt haben wir immer wieder Argu­men­ta­tion­shil­fen zur
Auseinan­der­set­zung um eine angemessen finanzierte soziale Arbeit gegeben:
Bei unserem ersten Berlin­er Zusam­men­tr­e­f­fen, auf der AWO-Kon­ferenz in Bre­men
Ende Okto­ber 2004, bei ein­er Kundge­bung vor Ihrer neuen Lan­deszen­trale im
April diesen Jahres. Vielle­icht haben Sie ja auch die riesi­gen Plakate im
Stadt­bild Berlins bemerkt, die sich optisch ansprechend mit der
Niedriglohn­poli­tik der Arbeit­er­wohlfahrt auseinan­der­set­zen?

Noch sind wir gerne bere­it, die Diskus­sion um 1-?-Jobs bei der AWO (und
natür­lich auch den anderen großen Sozialver­bän­den) gemein­sam mit Ihnen zu
einem glück­lichen Ende zu führen.
Soll­ten wir gezwun­gen wer­den, die AWO-Niedriglohn­poli­tik in dem –auf Grund
Ihrer Anzeige- bevorste­hen­den bun­desweit ersten Prozess gegen die
Über­flüs­si­gen zu the­ma­tisieren, wäre diese Chance ver­tan.

Der näch­ste Schritt liegt bei Ihnen, Herr Nis­blé! Nehmen Sie die
Strafanzeigen zurück!
<p<
Gegen 1-?-Arbeitszwang! Für eine angemessene Bezahlung aller Arbeit! Für
soziale Kämpfe ohne Polizei und Gerichte!

Mit fre­undlichen Grüßen

Die Über­flüs­si­gen

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